"Spiele Deinen Part in der Musikgeschichte", sagen die Macher des YouTube-Sinfonieorchesters. Ein Klarinettist aus Peru wirbt in einem Clip für die Idee vom vernetzten Sinfonieorchester ebenso wie Anne-Sophie Mutter. Musikerfahrungen wollen geteilt werden. Und das Internet schafft neue Räume für den Austausch über klassische Musik.

Nach Jahren des Verharrens in tradierten Konzertformen kommt Bewegung auf. Doch die Möglichkeiten des kreativen und kommunikativen Austauschs, die das Medium bietet, werden im Klassikbereich noch nicht vollständig ausgeschöpft. Zu wenig scheint sich das "klassische" Klassikpublikum mit dem Internet zu identifizieren. Zu breit erscheint der Graben zwischen Social Media und Konzertsaal, zwischen flüchtiger Begegnung und dem Gewicht der Tradition. Aber ist er das wirklich?

Die Junge Deutsche Philharmonie schafft den Brückenschlag. Dieses hochqualifizierte Orchester aus Studenten aller deutschsprachigen Hochschulen, die kommende Orchestermusikergeneration des Landes also, präsentiert sich auf Facebook, und man würde sich wundern, täte sie es nicht. Im Spätsommer wurde getwittert, dass die Zahl der Anhänger nun die Tausend überschritten habe. Die jungen Musiker wollen aber nicht nur Informationen verbreiten, sondern nutzen das Internet auch künstlerisch. Selbstverständlich haben sie einen Channel für lustige Videoclips eingerichtet. "Die Idee heißt Bewegung!" Und: "Klassische Musik weiter entwickeln. Losgehen, zu den Menschen, mit Ideen, mit den Besten, mit dem Mut zum Aufbruch!" Aber eben nicht auf der Einbahnstraße. "Wer kommt mit ins Experiment?", fragt das junge Orchester seine Facebook-Freunde.

Wer im Kontext klassischer Musik das Internet einsetzt, nutzt nicht nur zeitgemäße Kommunikationsformen, sondern nimmt auch die Forderungen nach einer Demokratisierung der Klassik ernst. Die Berliner Philharmoniker, die seit dem Start ihrer Digital Concert Hall vor knapp drei Jahren weltweit insgesamt 28.000 günstige Karten für Online-Konzerte verkauft haben, zählen ebenso dazu wie Opernübertragungen in Kinos oder Public Viewings auf Marktplätzen.

Es gibt sie also schon, die positiven Beispiele. Den Fortschrittskritikern allerdings ist Folgendes zu entgegnen: Die Krise klassischer Konzertformen, ja, die Akzeptanz klassischer Musik überhaupt hat mit Veränderungen im Hörverhalten zu tun. Die Musikbranche ist aufgefordert, sich neue Wege zu überlegen, wie sie das Publikum erreicht. Trotz Livestreamings und Netzwerkbildung wird das klassische Zuhörkonzert dennoch seine Berechtigung behaupten. Nichts kommt einem Kammerkonzert gleich, das in seiner Intimität den kürzesten Weg zwischen Musiker und Zuhörer nimmt, nichts einem Liederabend in seiner ganzen berührenden Poesie, nichts einem Sinfoniekonzert mit seiner emotionalen Kraft. Alte und neue Konzertformen sollten in Symbiose miteinander treten, sich gegenseitig inspirieren und voneinander profitieren.

Sexy müsse Klassik werden, sagt Hedi Pottag vom Projekt Piano City Berlin, bei dem Pianistinnen und Pianisten mittels selbstgedrehter YouTube-Videos in siebzig gute Stuben Berlins zu ihren Hauskonzerten einluden. Wer mochte, durfte auch persönlich vorbei kommen. Hier entstand Kammermusik von großer Nähe und Menschlichkeit. So hat es sich auch die 27-jährige Projektmanagerin Pottag gewünscht: "Ehrlich muss es für meine Generation klingen." Sexy und ehrlich? Neue Töne!

Die Definition eines Klassikhörenden oder Konzertgängers jedenfalls sollte dringend erweitert werden. Nicht die Rettung der Klassik steht an. Das schaffte sie dank ihrer emotionalen Kraft wahrscheinlich selbst. Nein, die veränderten Lebenswelten zukünftiger Klassikhörer müssen endlich Beachtung finden – dies ist die Basis zwingend notwendiger Musikvermittlungsprojekte. Veränderte ästhetische Erwartungen, moderne Mediennutzung, überregionales, durch reale und virtuelle Mobilität befördertes Interesse an Klassik, nicht zuletzt auch ein völlig veränderter Bildungskanon sowie soziale und ökonomische Aspekte sind nur einige Koordinaten, an denen klassische Musik neu bemessen wird.

Es ist Zeit für einen offenen und kreativen Umgang mit klassischen Konzertformen. Und zwar – wie es das Internet mit all seinen Möglichkeiten zeigt – im demokratischen Sinne, um aller Hörer willen.