Aus gegebenem Anlass verweigere ich den leichten Einstieg, hole keinen Leser ab und erkläre stattdessen ohne Vorwarnung, dass es der Musikvermittlung, die der Journalist und Professor Holger Noltze gerade medienwirksam attackiert, keineswegs so schlecht geht, wie er behauptet. Seine Formulierung von "der gerade sehr munter wehenden Flagge der Musikvermittlung" erkennt deren kulturpolitischen Erfolg nur mit giftigem Unterton an, als handle es sich um eine Marketing-Strategie und nicht um ein Feld, das seit den ersten Londoner Response-Projekten in den späten achtziger Jahren kontinuierlich wuchs und auf dem inzwischen eine unübersehbare Fülle an Formaten blüht: vom Einführungsvortrag über Kompositionsworkshops bis hin zu rollenden Tonstudios in städtischen Randgebieten, von leisen Regionalprojekten ehrenamtlich arbeitender Dramaturgen bis hin zum lautstarken und hoch subventionierten Tanzprojekt aus der Hauptstadt. All das ist Musikvermittlung, auch dann, wenn wir zuweilen gern auf den weniger umständlichen und, ja doch, cooleren Begriff Education ausweichen.

Dass Holger Noltze ein paar uninspirierte Einführungsvorträge und dämliche Fernsehsendungen, die es selbstverständlich gibt, durchleiden musste, animiert ihn zu der Schelte, zu viele Akteure wüssten "kaum noch mehr als Mittelmaß zu vermitteln". Man könnte das stehen lassen – die Existenz grässlicher Fastfood-Ketten verdirbt ja auch nicht den Gusto auf gute Restaurants. Man könnte den vorhersehbaren Applaus des Restbürgertums belächeln (etwa den von Joachim Mischke im Hamburger Abendblatt), dem vor neuen Besuchern im Konzertsaal graust, solchen zumal, denen die Komplexität der Klassik schnuppe ist, die in den Satzpausen applaudieren, und deren Augen leuchten, weil allein Klangvielfalt und Dynamik sie bewegen.

Wenn sich aber selbst die Regensburger Neue Musikzeitung, immerhin das erste große Fachblatt, das die Musikvermittlung umfänglich gefördert hat, bemüßigt fühlt, den Begriff Musikvermittlung in einer (seltsam engen) Umfrage als potenzielles "Unwort des Jahres" an den Pranger zu stellen, schlägt Qualitätskontrolle in eine Selbstgeißelung um, zu der kein Anlass besteht.

Noltze verdient Widerspruch in mindestens zwei Fällen. Erstens wirft er durcheinander, was nicht zusammen gehört: Marketing und Musikvermittlung. Das Marketing will neue Publikumskreise erschließen, um Absätze zu vergrößern, wenigstens aber zu erhalten. Seine Sorge um das "Publikum von morgen" gilt den Kunden. Phänomene wie David Garrett gehören in diesen Kontext, aber nicht in eine Diskussion über Musikvermittlung.