Debatte zur Musikvermittlung : David Garrett hat damit nichts zu tun

Projekte, die der Klassik neue Hörer bringen sollen, verflachen? Man muss doch Marketing von Musikvermittlung trennen! Eine Replik von Christoph Becher auf Holger Noltze.
Kein Grund, den Mut zu verlieren: Musikvermittlungsprojekte können durchaus Lust auf Klassik machen

Aus gegebenem Anlass verweigere ich den leichten Einstieg, hole keinen Leser ab und erkläre stattdessen ohne Vorwarnung, dass es der Musikvermittlung, die der Journalist und Professor Holger Noltze gerade medienwirksam attackiert, keineswegs so schlecht geht, wie er behauptet. Seine Formulierung von "der gerade sehr munter wehenden Flagge der Musikvermittlung" erkennt deren kulturpolitischen Erfolg nur mit giftigem Unterton an, als handle es sich um eine Marketing-Strategie und nicht um ein Feld, das seit den ersten Londoner Response-Projekten in den späten achtziger Jahren kontinuierlich wuchs und auf dem inzwischen eine unübersehbare Fülle an Formaten blüht: vom Einführungsvortrag über Kompositionsworkshops bis hin zu rollenden Tonstudios in städtischen Randgebieten, von leisen Regionalprojekten ehrenamtlich arbeitender Dramaturgen bis hin zum lautstarken und hoch subventionierten Tanzprojekt aus der Hauptstadt. All das ist Musikvermittlung, auch dann, wenn wir zuweilen gern auf den weniger umständlichen und, ja doch, cooleren Begriff Education ausweichen.

Dass Holger Noltze ein paar uninspirierte Einführungsvorträge und dämliche Fernsehsendungen, die es selbstverständlich gibt, durchleiden musste, animiert ihn zu der Schelte, zu viele Akteure wüssten "kaum noch mehr als Mittelmaß zu vermitteln". Man könnte das stehen lassen – die Existenz grässlicher Fastfood-Ketten verdirbt ja auch nicht den Gusto auf gute Restaurants. Man könnte den vorhersehbaren Applaus des Restbürgertums belächeln (etwa den von Joachim Mischke im Hamburger Abendblatt), dem vor neuen Besuchern im Konzertsaal graust, solchen zumal, denen die Komplexität der Klassik schnuppe ist, die in den Satzpausen applaudieren, und deren Augen leuchten, weil allein Klangvielfalt und Dynamik sie bewegen.

Christoph Becher

Dr. Christoph Becher wurde 1963 in Nordhessen geboren, studierte Musikwissenschaft in Gießen. Seine Frau lockte ihn 1989 nach Wien, wo er 1990 Dramaturg am Wiener Konzerthaus wurde. 1998 ging er als Leitender Dramaturg an die Hamburgische Staatsoper, wo er eng zunächst mit Ingo
Metzmacher, dann mit Simone Young zusammen arbeitete.

Seit Januar 2007 ist er als Persönlicher Referent von Christoph Lieben-Seutter für die Elbphilharmonie Hamburg tätig. Hier leitet er u. a. das Musikvermittlungs-Programm Elbphilharmonie Kompass.

Wenn sich aber selbst die Regensburger Neue Musikzeitung, immerhin das erste große Fachblatt, das die Musikvermittlung umfänglich gefördert hat, bemüßigt fühlt, den Begriff Musikvermittlung in einer (seltsam engen) Umfrage als potenzielles "Unwort des Jahres" an den Pranger zu stellen, schlägt Qualitätskontrolle in eine Selbstgeißelung um, zu der kein Anlass besteht.

Noltze verdient Widerspruch in mindestens zwei Fällen. Erstens wirft er durcheinander, was nicht zusammen gehört: Marketing und Musikvermittlung. Das Marketing will neue Publikumskreise erschließen, um Absätze zu vergrößern, wenigstens aber zu erhalten. Seine Sorge um das "Publikum von morgen" gilt den Kunden. Phänomene wie David Garrett gehören in diesen Kontext, aber nicht in eine Diskussion über Musikvermittlung.

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Kommentare

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auf der Stelle getreten

Der Versuch, eine (mind.) 200 Jahre alte Musikkultur als gegenwärtig zu konservieren, der der europäischen Musikkultur eigentümlich ist, führt zur Tradierung derselben (mind.) 200 Jahre alten Debatten zur Legitimation derselben Kultur, was unmittelbar aus Herrn Bechers Klimax hervorgeht:

"Wer die Existenz der schwer zugänglichen Gebiete verschweigt, mag Leichtigkeit vorgaukeln, wer aber die Erreichbarkeit der Naherholungsziele leugnet, will unter sich bleiben. Dabei zeichnet sich gerade Beethoven dadurch aus, dass man von ihm erschüttert sein kann, auch ohne die letzten Klimmzüge der späten Quartette nachzuvollziehen."

Man will also einerseits dem "geistigen" Bildungs-Anspruch der "schwer zugänglichen" Gebiete gerecht werden, andererseits die sinnlichen Aspekte ("erschüttert sein") behalten. In der Musikgeschichte führte dieser Diskurs zu einer Vorform der Spaltung in ("geistige") E- und ("sinnliche") U-Musik, die in Bechers Artikel an den entsprechenden Publikumssegmenten (David Garrett) festgemacht werden.

Bei näherer Betrachtung ziemlich eigenartig ist aber immer noch der Sachverhalt, dass eine Musik sich überhaupt legitimieren muss (anders als z.B. Schlager, Jazz, Rock, ...) und der "Vermittlung" bedarf um zu überleben - eine Vermittlung, die man hier, vielleicht aus Gründen der Anrüchigkeit, sogar noch säuberlich vom Marketing trennen will, während in Wahrheit jede Vermittlung Marketing begünstigt und jedes Marketing Vermittlung betreibt.

Nein relativ logisch...

"Bei näherer Betrachtung ziemlich eigenartig ist aber immer noch der Sachverhalt, dass eine Musik sich überhaupt legitimieren muss (anders als z.B. Schlager, Jazz, Rock, ...) und der "Vermittlung" bedarf um zu überleben"

... das hat mehrere Gründe:

1) Klassik ist sehr komplex und anspruchsvoll und gerade das was man als "ernsthaft" an der Klassik bezeichnet, das fehlen eingängiger Refrains usw., macht diese Musik einerseits sehr reizvoll, erschwert andererseits den Zugang aber massiv. Ein klassisches Stück muss man mehrmals angehört haben, bis man es (dafür umso mehr) zu lieben lernt. Das passt in die heutige schnelllebige Musikkultur nicht, da muss es sofort poppen, auch wenn man es nach dem dritten Mal hören schon wieder über hat.

2) Klassik ist oft sehr aufwendig und teuer. Konzert, Orchester etc. und damit auch selten direkt erlebbar und mit eher elitär/konservativen Habitus, der viele Normalos abschreckt.

3) Die (für viele Leute wichtige) Identifikation mit den Akteuren fehlt. Pop/Rockstars etc. sind überall präsent, vermitteln bestimmte Lebensgefühle und Zugehörigkeiten und jeder glaubt einer sein zu können (siehe DSDS). Klassische Künstler können sowas nur selten glaubhaft vermitteln, da Klassik erstens sehr breit angelegt ist und zweitens eine Karriere dort jahrelanges hartes Training erfordert und ein bestimmtes Talent voraussetzt.

soll man Klassik fördern?

das ist eben die ernst gemeinte Frage: wenn sich eine Musikkultur nicht mehr hinreichend trägt, warum soll sie dann der Steuerzahler finanzieren? würde man Mark Medlock beim nächsten Umsatzeinbruch auch subventionieren?

"komplexe" Musik führt ein Spartendasein, kann sich aber in diesem Spartendasein auch einrichten, z.B. Jazz, Progressive Rock etc. - schwierig wird es eben, sobald die öffentliche Hand mit im Spiel ist.

Der Antworttrend der Kulturindustrie besteht mittlerweile darin, auch die "Klassik" mit sozialen Identifikationsmerkmalen zu versehen (Bsp. Alice Sara Ott im Chopin-Jahr), um wirtschaftlich wieder gleichzuziehen.

Hier bin ich jetzt in meinem Dilemma: ich hätte diese Musik gerne noch sehr viel länger (und wenn es geht sogar noch weniger teuer für die Normalverbraucher), andererseits gehen einem schlechterdings die Argumente aus. was tun?

Es fehlt oft am Bekenntnis zur Klassik

Der Jazz hat sich mitnichten in seinem Spartendasein eingerichtet, sondern schreit verzweifelt nach Förderung, weil nur noch eine erlesene Anzahl von Jazzmusikern von ihrer Profession leben kann, weil Plattenaufnehmen und Konzertreisen defizitär sind, weil das Publikum immer älter wird. Ein clever vermarktetes Philharmonisches Konzert hat keinen höheren Altersdurchschnitt als der Jazzclub um die Ecke; kein Wunder, dass inzwischen auch im Jazz diskutiert wird, ob Jazz-Vermittlung zur Verjüngung des Publikums beitragen könnte. Aber, ich bleibe dabei: Wer Vermittlung hauptsächlich zwecks Publikumsvermehrung betreibt, wird pädagogisch scheitern.

Warum also Subventionierung? Warum Kultur nicht dem freien Spiel des Marktes überlassen? Über die Argumente von "johaupt" hinaus: Vielleicht deswegen, weil unsere Gesellschaft historisch auf ökonomischen wie kulturellen Füßen steht. Weil die Musik von Bach bis Boulez (und selbstverständlich darüber hinaus) ein zugleich geschichtlicher wie überzeitlicher Spiegel menschlicher Sehnsüchte ist, ein Spiegel von Hoffnung, Aufbegehren, Zorn, Furcht, Intelligenz, Freude und Übermut. Und meistens all das in einem einzigen Werk.

Hier fehlt mir bei der Musikvermittlung oft das Bekenntnis zur Klassik (verstanden als Genre, nicht als Epoche). Wer nicht mutig für den außerordentlichen Wert dieser Musik streitet, wird auch in der Subventionsdebatte kaum bestehen können.

Klassik fördern?

Argumente für die Subventionierung von klassischer Musik liegen zunächst einmal beim "Mäzen": früher Monarchen und das Bürgertum, heute der (demokratische) Staat.
Dieser bekommt für sein Geld ästhetische Befriedigung, aber eben auch Status und Prestige. Die moderne sponsernde Firma bekommt eine Werbeplattform und Identifikation.
Sobald - wie heute - die geistige Grundlage für das Bedürfnis, klassische Musik zu hören, erodiert, bleiben nur die letztgenannten Motive. Diese sind aber nicht ausschließlich durch die Finanzierung von Klassik zu befriedigen.

Nur wenn ein hinreichend großer Anteil der Bevölkerung ein großes Verlangen danach hat im Alltag selten erfahrbare starke Emotionen durchleben zu können - dies ermöglicht qualitativ hochwertige klassische Musik - wird es eine dauerhafte Grundlage für die Förderung derselben geben.

Die Orchester, Opernhäuser oder Ensembles können hier nicht viel mehr tun, als ihre Kunst auf hohem Niveau anzubieten.
Anstatt Klassik "zugänglicher" zu machen - was leider oft in Anbiederung und Prostitution ausartet - wäre es notwendig, eine Bereitschaft des potenziellen Publikums, Zeit, Geduld und Offenheit für stark bewegende Erfahrungen mitzubringen, zu pflegen.
Hier liegt also ein Erziehungsauftrag. Dieser ist leider vor einigen Jahrzehnten auf dem Altar der Effizienz geopfert worden.

Kein Problem der Vermittlung

Das grundlegende Problem der Vermittlung klassischer Musik - und nicht nur Musik - ist weniger ein Defizit an Vorkenntnissen, als daß der Hörer sich

1.) die nötige Zeit zum Zuhören nehmen muß (und zwar mehr als 3 Minuten für einen Soundbyte) und

2.) öffnen soll für bisweilen starke Gefühle, die das Maß der Alltagswelt überschreiten.

Gerade Letzteres fällt in der heutigen Gesellschaft schwer. Die Menschen sind zusehends weniger willens und in der Lage, Risiken einzugehen. Starkes Engagement, wie z.B. Liebe, das Anbeten von Schönheit, setzt den Menschen dem Risiko des Verlierens und der Verletzung aus.

Wie verlogen ist das denn?

"Phänomene wie David Garrett gehören (...) nicht in eine Diskussion über Musikvermittlung", weil es bei dem erfolgreichen Star-Geiger ja angeblich nur ums "Marketing" - sprich: ums Geldverdienen - geht. Komisch nur, dass der Name, besser gesagt: die Marke David Garrett dennoch werbewirksam in der Überschrift platziert wird, um die Klickraten des Artikels zu steigern.

Das Problem?

Ich sehe das Problem dabei gar nicht. Eher ist es doch so, dass die Auswahl der Überschrift die These des Autors stützt. Wie Sie richtig sagen: sein Name wird werbewirksam genutzt, um die Klickraten und damit die Einnahmen zu erhöhen, und nicht etwa, um die Musikvermittlung voranzutreiben.

Dass die Verantwortlichkeit für die Überschrift nicht beim Autor, sondern bei der (auf Klickraten und Einnahmen schauenden) Redaktion liegt, dürfte Zeitungskonsumenten, erst recht bei Onlineformaten, mittlerweile bekannt sein.