Dave Brubeck wird 90Jazz mit allen Farben

Sein Hit "Take Five" wurde zum Inbegriff des Jazz, doch Dave Brubeck wollte mehr als Mainstream: Er brachte schwarze und weiße Musiker zusammen. Eine Gratulation zum 90. Geburtstag von Maxi Sickert

Dave Brubeck und Wynton Marsalis im Januar 2009 in Washington, DC

Dave Brubeck und Wynton Marsalis im Januar 2009 in Washington, DC  |  © Theo Wargo/Getty Images

In New York, im Aufnahmestudio von Columbia Records in der 30. Straße, treffen sich Dave Brubeck, Louis Armstrong und andere, um das zeitkritische Jazz-Musical The Real Ambassadors aufzunehmen. Es ist Anfang der Sechziger, und das U.S. State Department schickt erstmals Jazzmusiker als "Botschafter der Demokratie" aus, darunter auch Dizzy Gillespie und Louis Armstrong, die gleichzeitig im eigenen Land aufgrund ihrer Hautfarbe diskriminiert werden. Das Musical mit Texten von Iola Brubeck, Dave Brubecks Frau, versteht sich als Teil der Bürgerrechtsbewegung und wird nur einmal aufgeführt, im September 1962 auf dem Monterey Jazz Festival in Kalifornien.

In dem Stück They Say I Look Like God singt Louis Armstrong: " They say I look like God. Could God be black? My God! If both are made in the image of thee, could thou perchase a zebra be? " Brubeck erinnerte sich in einem Interview an die Aufführung: "Wir wollten, dass die Zuhörer in Monterey über die Absurdität der Segregation lachen und gleichzeitig nachdenklich werden, aber Louis weinte."

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Dieses Musical sagt viel über Brubecks lebenslanges Engagement gegen Diskriminierung und Rassismus. Der Musiker wächst als Sohn eines Cowboys an der amerikanischen Westküste auf, studiert bei Arnold Schönberg und Darius Milhaud, gründet während des Zweiten Weltkriegs die erste rassisch gemischte Armeeband und nimmt schließlich Time Out auf, eine rhythmisch ungewöhnliche Platte, die sich mit den Singles Take Five und Blue Rondo A La Turk als erste Jazzplatte weltweit millionenmal verkauft. Zur gleichen Zeit spielt Ornette Coleman seine freien Aufnahmen ein, und John Coltrane nimmt für die Plattenfirma Impulse auf. Brubeck gilt in der Kritik als weißer Mainstreamer und Unterhaltungsmusiker, Take Five als Inbegriff des Jazz-Klischees . Währenddessen loben ihn schwarze Künstler wie Cecil Taylor und Duke Ellington für seinen Einsatz in der Bürgerrechtsbewegung.

Die fünf besten Brubeck-Platten

Platz 1: Time Out, Columbia 1959
Platz 2: The Real Ambassadors, Columbia 1962
Platz 3: All The Things We Are, Atlantic 1976 (mit Lee Konitz und Anthony Braxton)
Platz 4: Jazz At Oberlin, Fantasy 1953
Platz 5: Brubeck and Rushing, Columbia 1960

Neuerscheinungen

Dave Brubecks selbst ausgewähltes Best-Of seiner Karriere: Legacy of a Legend, Sony Legacy 2010

The Definitive Dave Brubeck on Fantasy, Concord Jazz And Telarc, Concord 2010

Dokumentation: Dave Brubeck: In His Own Sweet Way, Turner Classic Movies (Co-produziert von Clint Eastwood)

Dave Brubeck wird am 6. Dezember 1920 in Kalifornien geboren. Er ist der dritte von drei Brüdern. Seine Mutter ist Musiklehrerin, sein Vater Cowboy und Verwalter einer Rinderranch. Während seine beiden älteren Brüder Jazz an Tanzabenden in den nahe gelegenen Hotels spielen und seine Mutter ihm Klavier- und Cellounterricht gibt, soll er als jüngster Sohn auf Wunsch seines Vaters ebenfalls Cowboy werden. Dave fängt die jungen Kälber mit dem Lasso und reitet tagelang über Land, um die Herde zurück zur Ranch zu treiben. Dabei nimmt er den Takt der Hufe in sich auf und improvisiert darüber einen gegenläufigen Rhythmus – der Ursprung seiner späteren polyrhythmischen Kompositionen.

Anfang der vierziger Jahre studiert er am Mills College zuerst Tiermedizin, dann Musik. Nach seinem Abschluss wird er Schüler des französischen Komponisten Darius Milhaud, der vor dem Faschismus in die USA geflohen war, und besucht Vorlesungen von Arnold Schönberg , dessen Idee von der Zwölftonmusik er später in seine eigenen Kompositionen aufnimmt.

Leserkommentare
    • Infamia
    • 06. Dezember 2010 14:28 Uhr

    Und danke für diesen Mega-Hit, "Take Five"! Schon Millionen Mal gehört und trotzdem ewig jung.

  1. Zunächst einmal wünsche ich dem Geburtstagskind natürlich alles erdenklich Gute!

    Allerdings muss ich, nachdem ich diese Meldung nun am heutigen Tage bereits mehrfach gelesen/gehört habe, einen allgemeinen Fehler korrigieren: "Take Five" stammt nicht aus der Feder Brubecks! Der Komponist des Stücks ist Paul Desmond, seiner Zeit Saxophonist im Dave Brubeck Quartett. Natürlich möchte ich keinesfalls die musikalischen und gesellschaftlichen Leistungen Brubecks schmälern, dennoch finde ich diesen Hinweis wichtig.

    Mit freundlichen Grüßen

    J. Maibaum

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wie kann man da noch freundlich grüßen?

    Wenn ich "Mega-Hit" lese und dann auch noch geglaubt wird, dass dieser sog. "Mega-Hit" von Dave Brubeck stammt, stößt es mir doch eher sauer auf.
    So sehr "Take Five" für ein Stück Musikgeschichte ist und bleibt – zu Recht! –, so schade ist es, diesen großen Musiker auf nur ein Lied zu reduzieren, wo er doch weit mehr geschaffen hat. Deshalb, jmaibaum, ist der Hinweis wichtig, weil die Reduzierung von Brubeck auf Take Five eine Schmälerung seines Werks ist.
    Und ich hätte mir auch von der Zeit gewünscht, dass nicht ausgerechnet genau dieser Titel in dem Artikel verlinkt wird.

    Ich hoffe, dass ich Sie, Infamia, damit nicht gekränkt oder beleidigt habe, aber es musste einfach mal raus. Warum dann nicht zum 90. Geburtstag von Dave Brubeck.

    Ihm wünsche ich alles Gute und mir und uns, dass er dieser Welt noch ein wenig erhalten bleibt.

    http://www.youtube.com/wa...

  2. Wie kann man da noch freundlich grüßen?

    Wenn ich "Mega-Hit" lese und dann auch noch geglaubt wird, dass dieser sog. "Mega-Hit" von Dave Brubeck stammt, stößt es mir doch eher sauer auf.
    So sehr "Take Five" für ein Stück Musikgeschichte ist und bleibt – zu Recht! –, so schade ist es, diesen großen Musiker auf nur ein Lied zu reduzieren, wo er doch weit mehr geschaffen hat. Deshalb, jmaibaum, ist der Hinweis wichtig, weil die Reduzierung von Brubeck auf Take Five eine Schmälerung seines Werks ist.
    Und ich hätte mir auch von der Zeit gewünscht, dass nicht ausgerechnet genau dieser Titel in dem Artikel verlinkt wird.

    Ich hoffe, dass ich Sie, Infamia, damit nicht gekränkt oder beleidigt habe, aber es musste einfach mal raus. Warum dann nicht zum 90. Geburtstag von Dave Brubeck.

    Ihm wünsche ich alles Gute und mir und uns, dass er dieser Welt noch ein wenig erhalten bleibt.

    http://www.youtube.com/wa...

    Antwort auf "Korrektur"
  3. Zunächst: Herzliche Glückwünsche an den wunderbaren Menschen und Musiker Dave Brubeck.

    Dann auch von mir 1 - 2 Korrekturen:

    1. In "They say I look like God" heißt es "could Thou perchance a zebra be?" - nicht perchase (das ist Buchstabensalat).

    2. Brubeck komponiert schon seit ca. 40 Jahren Oratorien und andere geistliche Musik - das kann man nicht unbedingt als Alterswerk bezeichnen. In dem Zusammenhang bin ich aber froh, dass Sie nicht die Legende wiederholt haben, er habe sein Leben lang nicht gelernt, Noten zu lesen.

    • lloop
    • 07. Dezember 2010 9:43 Uhr

    In einem Interview mit dem Filmemacher Ken Burns erzählt Brubeck, wie er während seines Studiums noch Schwierigkeiten mit dem Notenlesen hatte. Er konnte so gut nach Gehör spielen, dass es lange nicht auffiel.
    In diesem Gespräch spricht er auch darüber, wie "Blue Rondo A La Turk" und "Take Five" entstanden. Nach der Türkeitournee des Quartetts, bei der türkische Musiker in 9/8 improvisiert hatten (Blue Rondo ist in 9/8), wollte er mit ungraden Metren experimentieren und bat Paul Desmond um ein Stück in 5/4. Desmond brachte das Melodiethema und Brubeck selbst vervollständigte die Komposition. Also auch das Klavierintro, mit dem das Stück sofort identifiziert wird. Desmond bekam die Credits für die Komposition, trotzdem bleibt "Take Five" ein Brubeck-Stück. Durch den Erfolg des Albums "Time Out" konnte Brubeck sein Engagement in der Bürgerrechstbewegung öffentlich machen und tatsächlich etwas bewirken. Dazu kommt seine künstlerische Offenheit gegenüber anderen musikalischen Kulturen, Rhythmen und Stilistiken, bis hin zum Free Jazz. Brubeck bleibt Botschafter für Toleranz. Vor allem das macht ihn so großartig.

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