Kunst & Musik Wie klingt ein Botticelli?

Der Sound der Farbe: Forschungsergebnisse aus Kanada machen Bilder hörbar. Mit der photoakustischen Infrarot-Spektroskopie werden Kobalt und Ocker zu Klang.

Ein Ausschnitt aus Botticellis "Die Geburt der Venus" (1485/86)

Ein Ausschnitt aus Botticellis "Die Geburt der Venus" (1485/86)

Wie würden die finsteren Bilder Neo Rauch s wohl klingen, wie die apokalyptischen, in grellen Wahnsinn stürzenden Farbstürme des ehemaligen Punkmusikers und Hamburger Hausbesetzers Daniel Richter ? Vielleicht wäre ihre musikalische Entsprechung gerade nicht die wagnerische Dunkelheit oder das zersplitternde Dröhnen eines Destruction Riffs des Metal-Helden Chuck Schuldiner . Vielleicht erinnert der Klang der Bilder an die schmerzhafte Schönheit des Picasso -Solos von Coleman Hawkins, an das weinende Altsaxofon von Ornette Coleman oder Peter Brötzmann in Lonely Woman , oder an die samtig-raue Stimme von Billie Holidays , wenn sie in Strange Fruit über die Opfer der Lynchjustiz singt.

Was bisher Synästhetikern wie Alexander Skrjabin, Olivier Messiaen oder Wassily Kandinsky vorbehalten war, könnten bald alle erfahren: den Sound der Farben und die Farbigkeit von Klängen. Ein Forscherteam unter Leitung des Chemieprofessors Ian Butler der McGill Universität in Montréal hat bei der Infrarot-Bestrahlung von Farbpigmenten festgestellt, dass einzelnen Farben aufgrund ihrer chemischen Zusammensetzung bestimmte Schallwellen zugeordnet werden können. Graham Bell, der Erfinder des Telefons, hatte 1880 die Methode der "photoakustischen Infrarot-Spektroskopie" entwickelt. Mit dieser Technik ist die Druckveränderung fester Stoffe nach Erwärmung durch UV- oder Infrarot-Bestrahlung in Schallwellen messbar.

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Untersucht wurden dabei zwölf häufig verwendete Pigmente wie Kobalt-, Ultramarin-, Azur- und Preußischblau, das türkisfarbene Malachit, Chromoxidgrün, das blaugrüne Viridian, Cadmium-, Ocker- und Chromgelb, die dunklen Erdtöne des Eisenoxids und das von dem Renaissance-Maler Hans Holbein dem Jüngeren häufig verwendete Mars Orange. Das Infrarotspektrum der Farben konnte zwölf verschiedenen Klängen zugeordnet werden. Die Ergebnisse veröffentlichte das Forscherteam um Ian Butler in der Fachzeitschrift Spectrochimica im Dezember 2010.

Azurblau wurde in Silberminen aus dem Mineral Azurit gewonnen. Ockergelb, eine Eisenoxid-Verbindung, war beliebt in der mittelalterlichen Wandbemalung. Voraussetzung für die Auswahl der Pigmente war, dass sie auch heute noch erhältlich sind und von Künstlern verwendet werden. So spachtelt und vermalt Daniel Richter Mussini-Farben auf seinen Leinwänden, Ölfarben die nach alten Rezepturen aus anorganischen Pigmenten hergestellt werden, wie Vanadiumgelb, Indischgelb oder Kobaltviolett.

Preußisch-Blau war das erste synthetische anorganische Pigment. Zufällig hatte es der Berliner Maler und Farbenhersteller Heinrich Diesbach entdeckt, als er 1704 im Atelier des Alchimisten Johann Konrad Dippel auf der Suche nach einem roten Farbstoff war. Diese Farbe, auch Berliner Blau genannt, löste das lichtempfindliche Indigo und das teure Lapislazuli ab. Farbproben wurden an Ateliers in ganz Europa verschickt, bald verwendeten ganz unterschiedliche Maler das neue Pigment, wie etwa Antoine Watteau in Frankreich.

Leser-Kommentare
  1. 1. Humbug

    Botticelli klingt nicht, er war Maler

    genauso könnten Sie ein Bild von Schmidts Katze oder Oma Frida einwerfen, wenn die Farben, Formen und sonstige Attribute, auf die der Algorithmus achtet, stimmen, klingts gleich.

    Eine Leser-Empfehlung
    • k2
    • 14.12.2010 um 18:36 Uhr

    widmete sich der musikalischen Seite und den Cembalo-Saiten,
    welche in spanischen Guerrero-Partituren gesetzt waren, von
    Alesso.

    Botticellis Beschreibung durch die Herrscherin der Seen
    von Como bis Asturien und Kastillien bis zur Alhambra :

    http://luirig.altervista.... di Isabella d'Este

  2. Die Schallassoziation kann ja nur Sinn machen wenn ich darüber scanne und den Farbwerten Schallfrequenzen zuordne.
    Also würde ich Aufgrund eines vorgegebenen Rasters den Schallwert eines Bildfeldes und dann des Nächsten bekommen.
    Die Lichtgeschwindigkeit der Datenübertragung beim Sehen bietet da schon einen grossen Vorteil.
    Der Gesamteindruck eines Bildes würde zur Kakophonie verkommen und die Pixelbetrachtung eine extreme Herausforderung an das Kurzzeit-Gedächniss stellen.

    • Mari o
    • 15.12.2010 um 0:44 Uhr

    .
    Das Schöne an Bildern ist ja dass sie keinen Krach machen und es daher in den Museen noch verhältnismäßig ruhig ist.
    Wenn die dann mal irgendwann vor jedem Bild nen Apparat aufbauen,der den angeblichen Bild-Sound wiedergibt,au weia

    Eine Leser-Empfehlung
  3. ...klingt wie "You're My Heart You're My Soul" von Modern Talking?

    Muss dieses Experiment dann abgebrochen werden?

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Es ist schön zu denken, Melodien oder Musik in Gemälden der alten Meister für Jahrhundert versteckt gewesen sind. Trotzdem, meiner Meinung nach (als Maler) sind die beste Gemälde diejenigen, die in einer Art von zeitlosen Stille zu existieren oder schweben erscheinen.

  5. Ich habe meine Gensequenz bereits sequenziert und sie mit einem eigens entwickelten Algorithmus in Musik umgewandelt. Klang so ähnlich wie Gustav Mahler, nur noch explosiver, leuchtender, wenngleich auch lyrischer und inniger.

  6. zum Beispiel Microwellen, die die Trägerwellen von Radar sind.
    Wenn ich jetzt noch Farben hören müßte.........
    das wäre entsetzlich,
    Grüsse
    Krähe

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