Berliner Beethoven-Zyklus Heldengeschichten aus dem Wiener Wald
Von Genießern für Genießer: Die Wiener Philharmoniker spielen Beethovens Sinfonien unter der Leitung von Christian Thielemann. Nostalgisch, charmant, aber ohne Humor.
Popmusik-Kritiker benutzen gerne den Begriff old school . Allerdings nicht im Sinn von "ganz die alte Schule". Gemeint ist eher etwas Gestriges – jedoch nicht automatisch mit pejorativem Unterton. Ist beispielsweise ein DJ old school , kommt er bei seiner Arbeit ohne den neuesten technischen Schickschnack aus. Da schwingt Achtung vor traditionellem Handwerk mit.
In diesem Sinne ist Christian Thielemann echt old school . Wenn der Dirigent mit den Wiener Philharmonikern Beethovens Sinfonien-Zyklus erarbeitet, wählt er nicht die allerneueste, quellenkritische Partitur-Ausgabe. Nein, er benutzt das Notenmaterial aus dem Archiv des österreichischen Traditionsorchesters. Weil er sich von der Vergangenheit inspirieren lassen möchte, von den Gedanken unzähliger bedeutender Maestri, die sich hier in Bleistifteintragungen wie in rein gedanklicher Form zwischen den Zeilen abgelagert haben. Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.
Dieser Zugang durch die historische Hintertür macht nicht nur die konservativen Hörer neugierig. Warum nicht mal wieder eine romantisierende Lesart nach all den historisch informierten, musikgeschichtlich korrekten, auf alten Instrumenten aus dem Geist seiner Zeitgenossen erspürten Beethoven-Deutungen? Warum nicht mal wieder eine Interpretation, die aus der Zukunft auf den Komponisten zurückschaut – und dabei all jene ästhetischen Umwälzungen mitdenkt, die Beethovens bahnbrechende Werke den nachfolgenden Generationen erst ermöglicht haben?
An vier Abenden hat Christian Thielemann das Panorama seiner Sicht auf die Sinfonien jetzt auch mit den Wienern in der Berliner Philharmonie aufgeblättert: Los ging’s am Mittwoch mit der Vierten und Fünften , tags darauf folgten Nr. 6 und 7. Das Wochenende wurde dann zum Kompakt-Seminar, mit den ersten drei Sinfonien am Samstagabend und den letzten beiden am Sonntagvormittag. Ein Parforceritt für alle beteiligten Künstler, gedanklich wie physisch.
Und für die Fans ein Fest. Bei Ticketpreisen von bis zu 130 Euro pro Einzelkarte ist die Philharmonie bei jedem Konzert bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Konzentrationswille der Zuhörer ist deutlich spürbar im Saal, die Ergriffenheit auch; manch einer tupft sich dezent eine Träne aus dem Augenwinkel.
Christian Thielemann, der gefeierte Wagner-Dirigent, erweist sich auch bei diesem Sinfonien-Zyklus als Musiktheatermann. Er ist eben kein strukturell denkender Analytiker, sondern ein Stimmungsmusiker, ein Meister der raffiniert angelegten Steigerungen. Und ein Genussmensch, der im prachtvoll sich aufspreizenden Tuttiklang schwelgt, der den Augenblick auskostet. Und der das scharf akzentuierte, gestische Spiel liebt. Dafür arbeitet er gerne mit Kontrasten, nimmt beispielsweise den Eröffnungssatz der Siebten sehr aggressiv, um dann das Allegretto umso inniger anschließen zu können.
Für Leichtigkeit, gar Humor ist bei diesem Beethoven kein Raum. Thielemann interessiert das Titanische, nicht das Tänzerische. Hier hat alles Gewicht, selbst in der Ersten und Zweiten Sinfoni e entdeckt der Dirigent bereits die revolutionäre Kraft, die heldische Attitüde der Eroica . Markant, nicht charmant setzt er die Akzente in der Achten . Eine interpretatorische Haltung, auf die man sich einlassen wollen muss. Die dann aber sehr authentisch wirkt.
- Datum 06.12.2010 - 15:51 Uhr
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- Quelle Tagesspiegel
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"Was Berlin von Wien auf den ersten Blick unterscheidet, ist die Beobachtung, daß man dort eine täuschende Wirkung mit dem wertlosesten Material erzielt, während hier zum Kitsch nur echtes verwendet wird".
Dann kommt zum überwältigenden Pathos noch die andere Seite des Spektrums der Klangwelt: die euphorisierend-hingebungsvolle Brillianz der Dresdner Streicher, die die Zuhörer schwerelos werden lässt, auf dass sie auf Wolken den Saal verlassen.
bekommt man eben nur einen verschleimten Beethoven hin. Die verweichlichen genauso jede Mozartsinfonie. Aus Wien nichts neues unter der Sonne.
Habe die Wiener seit September drei Mal zu Hören und zu Sehen bekommen und jedes Mal festgestellt, wie stilistisch sicher und flexibel sich dieses Orchester auf die Interpretation und Führung des Dirigenten(Dudamel, Nelsons und Thielemann)einlässt. Die Präsenz jedes Einzelnen im Orchester trägt bei zur Ausgewogenheit und Intensität des einzigartigen Klanges, der die Wiener auszeichnet. Im Jänner treten sie in Hamburg mit Jansons am Pult an. Freue mich darauf!
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