Musical-Serie "Glee"Die goldene Popverwurstungsmaschine

Amerikas TV-Quotenrenner nun auch in Deutschland: Die Serie "Glee" bringt Seifenoper, Musical und Satire zusammen. Wer da nicht mitmacht, verpasst ein Millionengeschäft. von 

Der "Glee Club" erobert jetzt auch Deutschlands Wohn- und Jugendzimmer

Der "Glee Club" erobert jetzt auch Deutschlands Wohn- und Jugendzimmer  |  © Sony Music

Damon Albarn mag nicht mitmachen. Niemals würde er erlauben, verkündete der Kopf von Blur und der Gorillaz , dass seine Songs in Glee verhackstückt würden. Die Musical-Serie, Quotenrenner in den USA, kulturelles Phänomen und seit einer Woche auch in Deutschland im Fernsehprogramm, würde "in einigen Jahren wieder vergessen" sein. Das mag sein. Aber bis dahin entgeht Albarn ein Riesengeschäft.

Denn Glee gelingt es, indem Seifenoper, Satire und Sangeseinlagen souverän miteinander verschmolzen werden, nicht nur die ursprünglich vorgesehene Zielgruppe, Jugendliche und Teenager, sondern auch deren popkulturell gebildete Eltern vor die Glotze zu ziehen. Dadurch entwickelt die 2009 in den USA gestartete Serie ein gewaltiges kommerzielles Potenzial: Nicht nur sehen allwöchentlich Millionen zu, nicht nur werden die Schauspieler auf ausverkaufte Konzerttourneen geschickt. Nicht nur sind schon mehr als 100 Songs aus der Serie in die US-Charts eingestiegen, nicht nur verkaufen sich die direkt unter dem Namen Glee vermarkteten Produkte wie geschnitten Brot, also CDs und DVDs, eine lückenlose Reihe an Merchandising-Artikeln, ja sogar eine eigene Modelinie und die dazugehörige Schmuckkollektion.

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Nicht nur das: Auch die Originale des halben Dutzend Lieder, die in jeder Folge von den Darstellern neu interpretiert werden, profitieren oft vom sogenannten Glee -Effekt und steigen wieder in die Charts ein. Außerdem fließen den Autoren der alten Broadway-Melodien und neuen Pop-Hits, die in der Serie verwendet werden, nicht unerhebliche Tantiemen zu. Die Kings of Leon , die eine Verwurstung ihrer Softrocksongs ebenfalls untersagt haben, und Damon Albarn lassen sich also beträchtliche Umsätze entgehen. Glee sei, ätzte Albarn weiter, nur "ein armseliger Ersatz für das echte Ding".

Der Sänger steht mit dieser Meinung aber weitgehend allein, seine Kollegen dagegen Schlange, um in den Glee -Kosmos aufgenommen zu werden. Ob Beyoncé oder Kanye West , die Scissor Sisters oder Queen, Rolling Stones oder Bruce Springsteen: Alle erlaubten dankbar, dass ihre Songs erwählt wurden und ein zweites Leben geschenkt bekamen. Die damit verbundenen Zusatzeinnahmen mögen ihnen die Entscheidung erleichtert haben.

Mittlerweile hat Glee eine solche Strahlkraft entwickelt, dass kaum jemand überhaupt nur in den Verdacht geraten möchte, er wäre kein Fan der Serie. Als das Gerücht aufkam, Bryan Adams hätte die Freigabe eines Songs verweigert, dementierte der Sänger umgehend über Twitter und bat die TV-Produzenten, doch bitte bald anzurufen. Madonna wurde gar die Ehre zuteil, dass eine ganze Folge ausschließlich mit ihren Hits bestritten wurde, Paul McCartney schickte eine Bewerbungs-CD mit seinen besten Stücken, und Britney Spears spielte gleich selber mit.

Leserkommentare
  1. "In den neunziger Jahren waren es Musik-Fernsehsender wie MTV und VIVA, in den Nuller Jahren die Casting-Shows, nun gelingt der Musical-Serie Glee die ertragreiche Symbiose von Pop und TV. Ohne die kann die Musikindustrie auch im Internetzeitalter nicht überleben."

    Glauben sie wirklich das Glee das Potenzial hat, die Musikindustrie zu retten? Ich ehrlich gesagt nicht.

    Ähnliche Effekte, wie steigende Verkaufszahlen von einzelnen Songs waren auch durch Videospiele wie Guitar Hero und Rockband zu beobachten. Dazu gab es dann änliche Artikel zu lesen. Das waren aber alles nur kurzfristige Effekte die mit, der einerseits größer werdenden Anzahl der Episoden der Spiele und gleichzeitig sinkenden Nutzerzahl, auch wieder abnahmen.

    Gleiches wird auch hier geschehen. Glee hat meiner Meinung nach (die ersten drei Folgen hab ich schon gesehen) durchaus das Zeug zu einer guten und erfolgreichen Serie. Und der finazielle Erfolg steht außer Frage, aber ob diese Serie die Musikindustrie retten kann wage ich doch schwer zu bezweifeln!

    Eine Leserempfehlung
    • MJB
    • 25. Januar 2011 11:00 Uhr

    Dass sich Albarn so gegen eine Möglichkeit stellt, den Gorillaz eine weitere Möglichkeit der finanziell motivierten Publicity einzubringen verwundert mich doch sehr.
    Obwohl ich das Projekt sehr schätze, wird es an manchen Stellen derartig übervermarktet, dass man als Fan kaum den Eindruck hat, als solcher auch gewürdigt zu werden.
    Gesperrte Videos auf youtube (bis zu welchem Ausmaß das den Gorillaz selbst zuzuschreiben ist, bliebe noch zu klären), ein neues Album, das man nicht downloaden kann, schlecht programmierte, kostenpflichtige Programme in Apples App Store - die Liste ist lang. Da verwundert mich die Abneigung schon sehr.

    Zu Glee kann ich nur sagen, dass ich den Eindruck habe, dass wieder ein gewisser "Goliath-Effekt" einzutreten scheint. Angenommen Glee würde nur eine kleine Fangemeinde haben, würde wohl kaum jemand Kritik an dieser authentischen, intelligenten Serie, die eine wertvolle (für Amerika ungemein fortschrittliche) Botschaft vermittelt, anbringen. So mutiert Glee in den Augen vieler wohl jedoch mehr und mehr zu einem Kommerz-Moloch. Das finde ich sehr schade. Tatsächlich denke ich, dass Glees Beliebtheit den Vereinigten Staate gerade aufgrund seiner Betonung auf Akzeptanz und Toleranz nur gut tun kann. Jedenfalls besser, als übermotivierte Politiker, die ihre Wahlgegner auf Internetseiten mit Fadenkreuzen markieren.

    Mit freundlichen Grüßen

  2. Warum einem Musiker vorwerfen, der sich beim "Glee" nicht beteiligen will. Ob einem der Mix aus Musical, Soap und erhobenem Zeigefinger gefällt, sollte jeder selbst entscheiden. Das Konzept scheint aufzugehen und ich gönne den Machern ihren Erfolg. Dass Madonna & Co. ein Geschäft aus der Serie schlagen, bevor das Interesse daran irgendwann abebbt, sollte aber kein Grund für einen Künstler sein, auf diesen Zug aufzuspringen. Vielleicht möchten manche einfach nicht ihre Musik in dieser Weise interpretiert wissen - auch wenn sie dabei auf einen ordentlichen Batzen Geld und Promotion verzichten. Das mag eine betriebswirtschaftlich schlechte Entscheidung sein. Das künstlerische Motiv dahinter muss man aber respektieren.

    Im Übrigen glaube ich nicht, dass die Effekte, die Glee derzeit auf die Umsätze der Musikindustrie hat, von Dauer sind. Die Plattenfirmen haben lange, lange Jahre Trends schlicht verschlafen. Das kann sicher keine Serie wett machen.

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