ZEIT ONLINE: Herr Mehta, Sie dirigieren an der Berliner Staatsoper ein Benefizkonzert für den Erhalt von Wäldern in Indien. Seit wann interessieren Sie sich für Umweltschutz?

Zubin Mehta: Ich gehöre der Religionsgemeinschaft der Parsen an, die auf Zarathustra zurückgeht. Wir verehren die Elemente und beten für eine saubere Erde, klares Wasser und reine Luft. Das ist Teil unserer Lebensphilosophie. Ich bin in Indien aufgewachsen und habe dort viel Schmutz gesehen. Seit meiner Jugend bemühe ich mich, etwas dagegen zu tun. Als mich Musiker der Staatskapelle fragten, ob ich das Benefizkonzert leiten würde, habe ich voller Freude zugesagt.

ZEIT ONLINE: Der Impuls ging von Mitgliedern des Orchesters aus, die die Klimaschutzinitiative Orchester des Wandels und die Stiftung NaturTon gegründet haben. Glauben Sie, dass die Verbindung von Musik und Umweltengagement eine internationale Signalwirkung haben kann?

Mehta: Wenn die Nachricht in die Welt hinausgeht, dass Musiker in Berlin ein grünes Gewissen zeigen und von sich aus aktiv werden, schließen sich hoffentlich viele andere Künstler der Initiative an.

ZEIT ONLINE: Das Benefizkonzert unterstützt die Umweltorganisation WWF in einem Projekt im östlichen Himalaja. Die Natur in Indien ist stark bedroht. Hängt das damit zusammen, dass das Schwellenland eine so rasante industrielle Entwicklung durchgemacht hat?

Mehta: Ich sehe vor allem das starke Bevölkerungswachstum als Problem. Wenn immer mehr Dörfer zu Städten werden, verschwinden zunehmend Wälder. Im Gegensatz zu China ist Indien ein demokratischer Staat, der den Familien nicht vorschreibt, wie viele Kinder sie haben dürfen. Die demografische Entwicklung wird sich also kaum aufhalten lassen. Indien ist einerseits ein Hightech-Land, andererseits gibt es dort enorme soziale Gegensätze. 800 Millionen der rund 1,2 Milliarden Einwohner können weder schreiben noch lesen.

ZEIT ONLINE: Als Musiker beherrschen Sie eine universelle Sprache. Ist das nicht eine ideale Voraussetzung, um eine große Zahl von Menschen auch für globale Anliegen wie den Klimaschutz zu sensibilisieren?

Mehta: Die Macht der Musik sollte man nie unterschätzen, sie überwindet viele Grenzen. Wenn ich im Nahen Osten vor Juden und Arabern Beethoven aufführe, herrscht am Ende im Saal Frieden. Wir Künstler müssen uns noch stärker dafür einsetzen, dass Menschen, die in Krisensituationen leben, durch Musik zueinander finden.

 

ZEIT ONLINE: In Berlin führen Sie jetzt Werke von Beethoven und ein neues Stück des indischstämmigen Komponisten Naresh Sohal auf. Damit bauen Sie eine Brücke zwischen unterschiedlichen Epochen und Kulturen.

Mehta:The Divine Song ist eine Vertonung der zentralen Schrift des Hinduismus, der Bhagavad Gita . Der Text ist sehr aussagekräftig, er wird von dem Schauspieler Stefan Kurt auf Deutsch rezitiert. Es ist ein Dialog zwischen Arjuna, dem großen Kriegshelden aus dem indischen Epos Mahabharata , und Krishna, dem Gott der Kultur. In diesem Fall ist Arjuna der Pazifist. Krishna hingegen argumentiert, man müsse seine Feinde vernichten. Dies ist auch ein ganz aktuelles Thema unserer Zeit. Daneben stelle ich die Eroica von Beethoven, der Napoleon erst als Helden verehrte und sich dann von ihm abwandte, als er sich zum Kaiser krönte und die Ideale der Revolution verriet.

ZEIT ONLINE: Welches Publikum findet die westliche klassische Musik in Indien?

Mehta: In Bombay, wo mein Vater 1935 das erste Sinfonieorchester des Landes gründete, kommen viele Leute in solche Konzerte. Dort leben etwa 18 Millionen, von denen sich vielleicht 10.000 für Musik aus dem Westen interessieren. Die meisten lieben aber indische Musik. Westliche Musik ist eine geborgte Kultur. Ich wünsche mir, dass die Leute beides gut kennen.

ZEIT ONLINE: Die nach Ihrem Vater benannte Mehli Mehta Music Foundation setzt in Bombay ein Education-Programm um, das junge Leute mit beiden Traditionen vertraut machen soll.

Mehta: Zurzeit lernen bei uns 200 Kinder und Jugendliche Geige und Klavier. Weitere 200 stehen noch auf der Warteliste. Im Moment haben wir nicht genug Platz und zu wenige Lehrer. Ich hoffe aber, dass wir irgendwann ein Konservatorium eröffnen können. Mit dem Israel Philharmonic Orchestra versuche ich außerdem israelische Araber im Norden des Landes an Musik heranzuführen. Mitglieder des Orchesters, das ich seit vielen Jahren als Musikdirektor leite, unterrichten mehr als 250 junge Araber und bilden außerdem Lehrer in Nazareth und Shwaram aus. Ich träume davon, dass im Israel Philharmonic Orchestra irgendwann auch israelische Araber mitspielen können. Vielleicht wird dies schon in fünf oder sechs Jahren der Fall sein.

ZEIT ONLINE: Auch Ihr Kollege und langjähriger Freund Daniel Barenboim setzt sich mit seinem West-Eastern Divan Orchestra für die Völkerverständigung im Nahen Osten ein.

Mehta: Daniel tritt mit dem Orchester in aller Welt auf. Er hat das einzige Forum geschaffen, in dem Araber und Juden in völliger Harmonie zusammenkommen. Mit dem Israel Philharmonic Orchestra bin ich im vergangenen Monat erstmals in einem muslimischen Land, in Aserbajdschan, aufgetreten. In der Zukunft möchte ich mit den Musikern auch noch andere muslimische Staaten besuchen. Allerdings müsste die israelische Regierung ihre Politik gegenüber den Arabern ändern. Ich bin längst nicht mit allem einverstanden, was in dem Land vor sich geht.

Mit dem Orchester der Buchmann-Mehta School of Music , die in Tel Aviv Nachwuchsmusiker ausbildet, war ich kürzlich in Zürich. Im nächsten August wollen wir in Brasilien gemeinsam mit einem Jugendorchester aus dem Armenviertel Heliópolis bei São Paulo spielen. Die Favela ist eine Drogenhochburg, anfangs brauchte ich dort Polizeischutz. Viele Eltern haben sich aber davon überzeugen lassen, ihre Kinder in den Musikunterricht zu schicken. Auch daran kann man sehen, wie viel die Musik zu erreichen vermag.

DasBenefizkonzert mit Zubin Mehtaund der Staatskapelle findet am 16. Januar in der Staatsoper Berlin im Schillertheater statt und beginnt um 10.30 Uhr.