Heavy-Metal-Forschung : Man tobt sich aus
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Gerade in Letzterem offenbart sich nicht nur das handwerkliche Ethos des Heavy Metal, sondern zugleich auch sein ideologischer Subtext. Elflein und seine akademischen Vorgänger deuten die Kultur des Heavy Metal als eine eskapistische Gegenwelt, eine Art Teilzeit-Utopia, ohne Wunsch nach Realisierung. Zugleich ist diese Musik – inhaltlich, aber vor allem auch in ihren formalen Mitteln – eine Präsentation von Macht und Aggression. Power ist ein zentraler Topos im Heavy Metal.

Elflein schlussfolgert, dass ihm eine gewisse Hoffnungslosigkeit und Schwermut eingeschrieben ist, weil die musikalische Beherrschung von Power, die "virtuose Kontrolle der Macht", eben auf der rein spielerischen bzw. symbolischen Ebene verbleibt, und folglich ein indirektes Eingeständnis der eigenen Ohnmacht enthält.
Elflein gibt durchaus zu, dass diese Theorie nicht die Realität des Heavy Metal gänzlich beschreibt. "Aber doch zumindest Aspekte davon. Ich wollte zunächst einmal diesen, jedenfalls für Teile der Wissenschaft, scheinbar paradoxen Gedanken darstellen: Da gibt es eine Ästhetik der Aggression, und die wird genossen. Es geht eben nicht nur darum, Aggressionen loszuwerden, es geht nicht darum, stellvertretend für den Chef in die Luft zu boxen, sondern es geht einfach darum, dass diese Aggression Spaß macht. Bei Horrorfilmen weiß man das längst."

Elfleins Schwermetallanalysen ist Wissenschaft, wie man sie sich öfter wünschte. Der Autor weiß bei aller akademischen Präzision die akustischen Phänomene so plastisch zu beschreiben, dass auch Nichtmusikologen, denen die vielen Notentranskriptionen kaum etwas sagen werden, mit einem geläuterten Bild vom Heavy Metal rechnen müssen. Eben darum lässt sich Schwermetallanalysen auch als eine mit analytischem Instrumentarium aufmunitionierte, objektive, aber darum nicht weniger engagierte Ehrenrettung des Genres lesen.

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