Heavy-Metal-ForschungMan tobt sich aus

Heavy Metal ist prollig? Mitnichten, sagt der Wissenschaftler Dietmar Elflein. Seine Forschungen zeigen, dass hier Virtuosität und Komplexität wichtiger sind als im Rock. von Frank Schäfer

Vier Gitarristen von Iron Maiden: Adrian Smith, Dave Murray, Steve Harris und Janick Gers beim Ozzfest 2005

Vier Gitarristen von Iron Maiden: Adrian Smith, Dave Murray, Steve Harris und Janick Gers beim Ozzfest 2005  |  © Karl Walter/Getty Images

Heavy Metal hat längst die Universitäten erreicht. Während sich in der Vergangenheit vor allem Soziologen und Kulturwissenschaftler um diese Subkultur kümmerten , machte die Musikwissenschaft in der Regel einen großen Bogen darum. Dietmar Elflein leistet also wirklich Pionierarbeit, wenn er in seinem Buch Schwermetallanalysen akribisch Kompositionsstrategien, Strukturformen, Klangcharakteristika, das Ensemblespiel und rhythmische Eigenheiten dieser Musik untersucht. Es sei ihm darum gegangen, erzählt er im Gespräch, "das Verbindende zu beschreiben, also das, was die gemeinsame Sprache des Heavy Metal ausmacht". Indem er exemplarische Bands wie Black Sabbath, Judas Priest, Iron Maiden , AC/DC, Guns N' Roses, Motörhead , Metallica , Megadeth und Slayer analysiert, kommt er denn auch zu relativ eindeutigen Ergebnissen.

Der ideale Heavy-Metal-Song hat eine reihende Kompositionsstruktur, wobei mehr allzumeist tatsächlich mehr ist. Das heißt, Metaller präferieren eine größere Anzahl unterschiedlicher Riffs als Rocker, die sich eher auf die konventionelle, liedhafte Vers-Chorus-Struktur stützen.

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Warum eigentlich – handelt es sich hier um eine bloße ästhetische Präferenz? Nicht nur, meint Elflein. Seiner Ansicht nach bildet sich in den Kompositionsstrukturen durchaus noch mehr ab. "Zum einen eine rebellische Grundhaltung. Man will es eben anders machen, man will sich abgrenzen von der sogenannten Industriescheiße. Das, gepaart mit einer Wertschätzung für handwerkliches Können, führt zu komplexeren Strukturen. Im Gegensatz etwa zu einer Punk-Haltung, die mit der Industrie auch nichts zu tun haben will, sich aber auch nicht für das Handwerkliche interessiert. Das andere ist die Tatsache, dass man Riffs will. Und wenn man, gerade am Anfang, noch nicht so genau weiß, wie man einen Song baut, reiht man Riffs hintereinander und tobt sich aus. Man sieht das oft an Bands: Im Laufe der Zeit, wenn sie professioneller werden, wird das weniger, und sie beschäftigen sich mehr mit existenten Songstrukturen." Und noch ein Drittes müsse man bedenken. "Der frühe Metal entwickelte sich aus dem Blues, und Blues hat auch diese reihende Struktur. Bei den Amerikanern noch stärker, etwa bei Muddy Waters oder John Lee Hooker, da wird ein Riff durchgespielt mit leichten Variationen. Die Reihung ist im Grunde eine afroamerikanische Idee, im Gegensatz zur europäischen Liedtradition."

Elflein findet noch weitere Differenzmerkmale, aber einen essenziellen Unterschied zum Rock stellt er in seinem Buch besonders heraus. Anstelle des rhythmisch verschränkten Ensemblespiels setzt sich im Heavy Metal ein "paralleles Ensemblespiel" durch, mit dem die Gruppe als Ganzes ihr Kalkül und häufig genug auch ihre Virtuosität unter Beweis stellt. Das Kollektiv formiert sich zur "Energiebündelung" – nicht zuletzt mithilfe von Tempo- und Dynamikwechseln, von Breakdowns, Pausen etc. – und demonstriert somit die volle Beherrschung der musikalischen Form.

Dass es sich hierbei um Merkmale handelt, die man mehr oder weniger bewusst auch schon gehört hat, räumt er ein. "Na klar, das ist alles nicht revolutionär und neu, jedenfalls nicht für den Fan. Das sind Sachen, die weiß man, zumindest implizit. Insofern rechne ich bei den Lesern eher mit der Reaktion 'Genau, so ist es' und nicht mit 'O Gott, da habe ich ja noch nie dran gedacht'." Aber dadurch, dass Elflein die Musik auf abstrakte Strukturformeln bringt und in Noten transkribiert, kommt seiner Rehabilitation deutlich mehr Beweiskraft zu. Hier hat man eben mal schwarz auf weiß, dass Heavy Metal alles andere als Prollmusik ist und dass sich seine Qualitäten eben nicht allein in den viel beschworenen Heldensoli, sondern auch in den Songstrukturen und vor allem im virtuosen Zusammenspiel zeigen.

Leserkommentare
  1. sind doch als Vergleich mit angeführt, oder?
    Denn Metal machen die nicht, das ist eher Hardrock.

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    Stimmt, darum geht es Elflein u.a.: wirklich trennscharfe
    Merkmale zu finden, die Hard Rock vom Heavy Metal unterscheiden. Eins ist etwa die Reihenstruktur, Hard Rock à la AC/DC, Guns N' Roses etc. hat eher die liedhafte Vers-Chorus-Struktur.

  2. Bleibt immer noch die wahrscheinlich nie vollständig zu beantwortende Frage: Was ist eigentlich Heavy Metal? Kann man angesichts der Vielzahl von Subgenres überhaupt eine Festlegung treffen? Das die Sache kompliziert ist, wird schon dadurch deutlich, dass die vielleicht erste Band, für die dieses Attribut geprägt wurde (Led Zeppelin) heute damit gar nicht mehr in Verbindung gebracht würde, während eine im Text genannte Band (AC/DC) stets darauf beharrt, keinen Metal sondern harten Rock'n'Roll zu machen. Wie auch immer. Metal ist nicht wirklich mein Ding, aber vor dem handwerklichen können, welches doch viele in der Szene an den Tag legen, sollte eigentlich jeder Musikverständige den Hut ziehen...

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  3. "Hier hat man eben mal schwarz auf weiß, dass Heavy Metal alles andere als Prollmusik ist und dass sich seine Qualitäten eben nicht allein in den viel beschworenen Heldensoli, sondern auch in den Songstrukturen und vor allem im virtuosen Zusammenspiel zeigen."

    wer immer noch sowas denkt der kann eigentlich nur hiphoper (rapper?gangster?) sein oder zu den volksmusikjodlern gehören.
    es gab ja auch mal eine studie in den usa (hab leider den link nich mehr) wo herraus gefunden wurde das die teenager, die heavy metal hören die besseren/schlaueren schüler sind. ;) also an alle eltern: es wird zeit für eine heay metal förderung im kindergarten.

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  4. ...von Iron Maiden - schade eigentlich! - das nimmt dem Artikel gleich zu Beginn seine Ernsthaftigkeit - Steve Harris spielt Bass!! deutlich zu erkennen an den vier fetten Saiten, den vier Wirbeln und erst recht am P-Tonabnehmer!

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  5. Dass im Metalgenre eine für "Populärmusik" im weitesten Sinn teilweise recht beachtliche Virtuosität und Komplexität stilbildend ist, ist tatsächlich, wie im Artikel schon angemerkt, mittlerweile eigentlich eine Binsenweisheit. Nur sind meiner Ansicht nach die exemplarisch angeführten Bands dafür nicht unbedingt sonderlich, nun ja, exemplarisch. Hinsichtlich AC/DC beispielsweise sind sich die Gelehrten doch schon seit Ewigkeiten einig, dass die (furchtbar wichtige Differenzierung!) nicht dem Metal sondern Hardrock zuzuordnen sind. Und Metallica waren soweit ich weiß irgendwie zuletzt vor 25 Jahren mal "cool".
    Aber heutzutage wimmelt es doch im Metal-Underground von HardScreamMathSubCoreThrashDeathSchredding-Bands, deren Namen mir im Einzelnen kaum geläufig sind, weil sich bei mir nach kurzfristiger Faszination dann doch irgendwie immer recht schnell das "Ist das nicht schon wieder der selbe Song?"-Phänomen einstellt, die einem nonstop polyrhythmische 11/16 Hochgeschwindigkeitsfrickeleien um die Ohren hauen.
    Und das mit der "virtuosen Kontrolle der Macht" und dem "indirekten Eingeständnis der eigenen Ohnmacht"... das sind so traditionell akademisch ein wenig übers Ziel hinaus segelnde Interpretationsgeschosse...

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  6. die kommerzielle Richtung des Schwermetalls analysiert und nur eine Richtung. Die wird allerdings ganz gut durchleuchtet. Ich hoere selber diese Musik wie so viele (erklaert auch meinen Namen). Im Verhaeltnis Erfolg zur Beachtung durch die Medien gibt es sicher keine Musikrichtung, die so unterschaetzt wird wie Metal. Dort wird sie allenfalls belaechelt. Deswegen Gratulation zu diesem Artikel.

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  7. ... für diesen Artikel (und das Buch), auch wenn es andere als die genannten Bands gibt, die noch differenzierter komponieren und noch virtuoser spielen; aber man wollte wohl bewusst bekanntere Namen hernehmen.
    Um einige Missverständnisse aufzuklären: "Heavy Metal" war früher ein Oberbegriff, heute ist es Metal, da der Heavy Metal inwzischen (bzw. schon lange) eine eigene Stilrichtung innerhalb des Metal ist.
    AC/DC spielen harten Blues Rock (oder bluesigen Rock 'n' Roll?): Die Notenskalen für ihre Riffs stammen fast immer aus der Blues-Tonleiter.

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    Vom Vorwurf, er habe ja nur die alten Sachen berücksichtigt, muss ich Elflein insofern in Schutz nehmen, als er zunächst mal anhand von Best-Of-Listen statistisch erfasst hat, was die Fans überhaupt für Metal und in diesem Genre für wichtig halten. Da kamen dann eben die genannten Bands raus. Elflein kennt sich in den neueren Subgenres sehr gut aus, aber es ging ihm nicht darum, eine besondere Spielart zu beschreiben, sondern eine "gemeinsame Sprache" zu beschreiben, die dann idealiter in allen Subgenres Verwendung findet.

  8. ... da muss man schon sehr wenig ahnung von musik haben - was aber, wenn man sich ansieht was da auf mtv &co so läuft, auch nicht weiter verwunderlich ist.

    und nachdem sich hier ja nur metaler herumtreiben, würd mich interessieren, wer eure lieblinge sind :)

    hier sind meine:

    http://www.youtube.com/wa...

    http://www.youtube.com/wa...

    (ton wie immer mässig bei youtube)

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    in der letzten Zeit waren Eluvetie, ASP, Freiwild (ja da haben wir doch den Prollmetal, muss ich mich fuer die Band eigentlich schaemen?) und Tyr, kann aber auch was mit deinen Favoriten Opeth und Arcturum anfangen.

    • Dimebag
    • 17. Februar 2011 15:24 Uhr

    Neben den Alltime-Faves Iron Maiden, Motörhead und Pantera waren für mich Kvelertak und Watain letztes Jahr positive Überraschungen.

    Zum Artikel kann ich sagen: 'Genau, so ist es'.

    aber auf jeden Fall gehören die Bay Area Bands dazu (Slayer, Exodus, Testament, etc.). Obituary, Six Feet Under, Possessed, Amon Amarth, Creed, Nightwish (mit Tarja), Death, Tankard, etc. etc. etc. Vor allem aber, wie mein Namen schon sagt, die guten alten 80er Sachen. ;)

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Aggression | Blues | John Lee Hooker | Riff
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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