"Keine Musikkultur wird auf Dauer gesund bleiben, wenn sie nicht aus den ursprünglichen Quellen des Volkstums gespeist wird." Sätze wie dieser erklären den desolaten Zustand der Volksmusikkultur im Nachkriegsdeutschland. Gesagt hat ihn Heinrich Lübke (CDU), Bundespräsident, zur Jahrhundertfeier des Deutschen Sängerbundes 1962. Er fügte hinzu: "Es scheint mir bezeichnend für die innere Verfassung unseres Volkes zu sein, dass es bei uns noch nicht wieder zu einem neuen vaterländischen Singen gekommen ist."

Bezeichnend ist vor allem, dass Lübke noch 1962 eine Terminologie verwendete wie die, mit der die Nationalsozialisten so gründlich alles erstickt hatten, was mit der Vorsilbe "Volk-" beginnt. Richard Eichenauer etwa pries in seinem Buch Musik und Rasse 1932 Volkslieder als "Kraftquellen nordischen Musikgeistes" und forderte eine "Gesundung" der Tonkunst.

Als die NSDAP 1933 an die Macht kam, wurde Propagandaminister Joseph Goebbels Präsident der Reichskulturkammer (RKK), in der alle Kulturschaffenden und ihre Vereine zwangsweise vereinheitlicht wurden, "gleichgeschaltet". Darunter auch jener 1862 gegründete Deutsche Sängerbund, zu dem Lübke 1962 von "vaterländischem Singen" sprach. Der Deutsche Arbeiter-Sängerbund wurde gleich ganz verboten.

Die Reichsmusikkammer (RMK) wurde die zentrale Institution zur Überwachung des Musiklebens. Nur ihre Mitglieder durften als Musiker und Komponisten arbeiten, und nur "Arier" durften Mitglied werden. Von 1938 an führte die neu eingerichtete Reichsmusikprüfstelle eine Liste über "unerwünschte und schädliche Musik", neben Jazz und Musik jüdischstämmiger Komponisten auch viel Unterhaltungsmusik.

Die Theorie wurde unter anderem bei den Reichsmusiktagen besprochen, welche die RKK und die zur Deutschen Arbeitsfront gehörende Organisation Kraft durch Freude (KdF) 1938 in Düsseldorf ausrichteten. Neben einer Ausstellung über "Entartete Musik" diskutierte die Gesellschaft für Musikwissenschaft die Anwendung der Rassentheorie auf die Musik. Jede "Rasse", so die pseudowissenschaftliche These, habe einen auf ihren Erbanlagen beruhenden spezifischen Stil.

Dass der moderne Mensch sich mit Jazz und anderem "Entartetem" abgebe, sei der Beweis für einen "rassischen Abstieg", verursacht durch die Vermischung verschiedener "Rassen". Alles Intellektuelle, Abstrakte lehnten die NS-Ideologen ab. "Artgemäß" und "rassisch gesund" sei eine "volksmäßige" Kunst, die in der Volksmusik vergangener Zeiten wurzele, klare Dur-Moll-Dreiklänge und eingängige Melodien aufweise. Im Rahmen der NS-"Volkstumsarbeit" durchreisten bald Schulungsleiter das Reich und propagierten als Ersatz für Swing und Jazz als Tanzmusik "Arteigenes" wie den Walzer.

Bei weitem nicht jedes Volkslied war genehm. Ausgesondert wurde etwa alles allzu Geistliche, so wurden seit 1941 keine Weihnachtslieder mehr im Rundfunk gespielt. Arbeiterlieder hatten keine Chance, auch Mundart war verpönt. Stattdessen erklangen im Volkston neu komponierte Kampflieder der Hitlerjugend (HJ) wie Was ist der Tod, wo unsere Fahne weht? oder Wir Hüter der heiligen Flamme , Martialisches wie Bomben auf Engeland , das Panzerlied oder die antifranzösische Wacht am Rhein von 1854.

 

Das Regime diktierte die Anlässe des Musizierens: Gesungen wurde bei der HJ, dem Bund Deutscher Mädel und KdF-Großveranstaltungen. Private Hausmusik war riskant, zu leicht konnte ein verpöntes Lied Parteispitzeln zu Ohren kommen. Die Zensur war unberechenbar; örtliche Parteigranden entschieden auch nach ihrem Geschmack, was als "entartet" galt. Die Volksmusik verkam zum Propagandainstrument, es war kein Leben mehr in ihr.

Nach dem Krieg brauchte sie Jahre, um sich zu erholen. Was rasch wieder erklang, waren volkstümelnde Blasmusik, Dirndl-Schlager und Schunkellieder – Gute-Laune-Musik, die Schuld und Not vergessen half. Die Generation, die in dieser Zeit ihre musikalische Prägung erhielt, verlebt bis heute gern gemütliche Fernsehabende in öffentlich-rechtlichen Musikantenstadln. Der kategorische Imperativ dieser Sorte sogenannter Volksmusik heißt Herzilein, Du darfst nicht traurig sein .

Dann entdeckte die linksalternative Szene zugleich mit US-Folk und Chanson auch deutsches Liedgut. Bei den prägenden Festivals auf Burg Waldeck im Hunsrück von 1964 bis 1969, in Wohngemeinschaften und bei Ostermärschen erklangen neu gedichtete, aber auch überlieferte deutsche Verse. Ein Standardwerk der Zeit wurde die Sammlung Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten von Wolfgang Steinitz. Lieder gegen Krieg, Unterdrückung und Elend, Arbeiter- und erst recht jiddische Lieder hatten quasi einen Anti-Arier-Nachweis erbracht.

Heimatlieder wie Kein schöner Land dichteten die Liederjans und Zupfgeigenhansel lieber "zeitkritisch" um. Sie taten, was lebendige Volksliedkultur schon immer auszeichnete: umschreiben, aneignen, neu arrangieren. Um es auf Soziologisch zu sagen: der volksmusiktypische kollektive Schaffensprozess ohne Prinzipalagenten. Diese Langhaarigen in ihren Jeans, die Lübke so gar nicht gemeint haben dürfte mit seinem Satz von den "Quellen des Volkstums", brachten die deutsche Volksmusikkultur auf den Weg der Besserung.