Gib den Namen deiner Heimatstadt ein. Dann drücke auf Play, und die Straßen deines Gedächtnisses werden zur Kulisse eines Musikvideos. Ein dunkler Läufer macht sich auf den Weg, virtuelle Vögel bevölkern die Dächer, animierte Bäume brechen durch den Asphalt vor deiner Haustür. Du bist Teil dieses Videos.

Das individuelle Du definiert das Musikvideo zu We Used To Wait von Arcade Fire . Für die kanadische Band hat der Regisseur Chris Milk ein interaktives Video entworfen: Auf Basis von Google Street View und vorproduzierten Sequenzen entsteht vor den Augen des Zuschauers ein eindrucksvoller Kurzfilm, den er mitgestalten kann.

Noch 1995 gaben Janet und Michael Jackson mehr als sieben Millionen US-Dollar für Scream aus. Wenige Jahre später kaum noch vorstellbar. Anfang des neuen Jahrtausends waren die goldenen Zeiten der Musikindustrie vorbei, die Plattenfirmen in Trauer erstarrt, die Werbebudgets vaporisiert. Viva und MTV spezialisierten sich derweil auf Klingeltöne und Unterleibsfernsehen. Das Popvideo aber braucht kein Rahmenprogramm, keine feste Sendezeit und auch kein Millionenbudget. Die digitale Technik, die die Branche in die Krise stürzte, befördert gleichzeitig die kreative Entwicklung der Filmemacher.

Gerade jüngere Videos konzentrieren sich auf die Aktivierung des Konsumenten, das entspricht den Erwartungen heutiger Internetnutzer. Ob Politik, Medien oder Kultur – sie wollen mitgestalten. Mike Skinner alias The Streets überlässt seinem Publikum gleich die Dramaturgie des Videos zum neuen Album Computers & Blues . Der Zuschauer kann am Bildschirm selbst auswählen, was in den einzelnen Szenen geschehen soll. Finanziert wurde der Clip offenbar durch Produktplatzierungen. Auch das Projekt von Arcade Fire ist eigentlich ein Werbefilm für Google und sein umstrittenes Street-View-Programm. Schleichwerbung hin oder her: Es scheint, als können Musiker mit einem modernen Sponsoring-Konzept in künstlerischer Hinsicht heute mehr erreichen, als wenn sie sich auf den Zuschuss ihrer Plattenfirmen verlassen.

Nicht wenige Musiker kümmern sich selbst um Finanzierung und Gestaltung ihrer Videos. So meldete sich die britische Band Zoot Woman im Jahr 2006 bei der Wiener Videotechnikstudentin Mirjam Baker. Sie hatte auf YouTube eine Seminararbeit von ihr gesehen und fragte, ob sie nicht das nächste offizielle Video für die Band drehen wolle. Jetzt ist Baker 25, hat gerade ihr Studium abgeschlossen und schon vier Popvideos gedreht. "Mein Kollege Mike Kren und ich profitieren sehr stark von YouTube und Facebook. Alle Anfragen kommen übers Internet. Die meisten klingen allerdings so, als gäb's da kein Budget", sagt sie. An Erfahrungen ist sie reicher, aber ihren Unterhalt sichern die Produktionen nicht. Willkommen im Kulturprekariat.