Es beginnt mit einem Skandal und stehenden Ovationen. Am Morgen des Konzerts nennt Irène Schweizer im Züricher Tagesanzeiger das Opernhaus und stellvertretend damit alle Stätten der subventionierten Hochkultur einen Horror. Ein Sturm der Entrüstung fegt durch die Online-Foren, soll doch die Free-Jazz-Pianistin am Abend selbst in der ehrwürdigen, fast ausverkauften Tonhalle auftreten. Noch nie zuvor haben sich der Große Saal und der kostbare Konzertflügel dem Jazz aus dem eigenen Land geöffnet.

Als Irène Schweizer die Bühne betritt, erhebt sich das Publikum, um eine Künstlerin zu feiern, die im Juni 70 Jahre alt wird. Lange hat sie auf diese Anerkennung warten müssen. Erst mit 50 erhielt sie den mit 50.000 Franken dotierten Großen Kulturpreis der Stadt Zürich, kein Jazzer hatte ihn zuvor bekommen.

Vor einer raumgreifenden Orgel und goldenem Stuck setzt sie sich ans Klavier. Die Umgebung könnte kaum einen größeren Kontrast zu ihrem Lebensentwurf und ihrer Kunst bilden. Als politische Aktivistin engagierte sie sich für Frauenrechte und Gleichberechtigung, wie auch gegen die Apartheid in Südafrika. In ihrer Musik befreite sie sich von herkömmlichen Strukturen und entwickelte eine tonale Intensität, die anfangs das Publikum aus den Konzertsälen trieb.

Nun beginnt sie mit einer freien Improvisation, bleibt im mittleren Bereich der Tastatur, folgt einigen Stride -Läufen und endet ungebremst in seltsamer Schwerelosigkeit. In die Verwirrung setzt sie eine dahingleitende Erzählung in glasklarer Reduktion, um danach in die Saiten zu greifen, mit Zimbeln, Schlägeln und Kugeln Klangbilder zu entwerfen, die sie durch Tastendruck zum Schweben bringt. Es ist ein zartes Spiel, weit entfernt von der früheren, körperlichen Intensität, die einem vorgegebenen Weg folgte. Jetzt kommen Zwischentöne und Mehrdeutigkeiten dazu. Sie nennt er Poesie.

Zwei Tage zuvor nimmt sie sich Zeit für ein Gespräch am Zürichsee. Sie kommt mit dem Rad aus dem vierten Bezirk. Zuerst habe man ihr in der Tonhalle den Flügel nicht geben wollen, sie sei ja bekannt für ihr Ellenbogenspiel und das Bearbeiten der Innensaiten mit Objekten. Doch ihr Spiel sei ruhiger geworden, sagt sie. "Ich versuche jetzt, weniger Töne zu spielen." Improvisation bedeute ihr, sich immer wieder aus Erfahrungen zu befreien, "egal aus welcher Richtung". Sie habe nicht mehr diesen Zorn in sich, wie damals, Ende der sechziger Jahre, als das kulturelle Umfeld aufbegehrte und sich neue, radikale Strömungen entwickelten. Damals, mit Cage und Kagel , Nouvelle Vague und der Fluxus-Bewegung.

Sie schlägt eine Bank in der Sonne vor. "Ich spiele Jazz", sagt sie. Im Unterschied zu vielen Musikerinnen und Musikern im Bereich der Improvisierten Musik, die aus dem Umfeld der Neuen Musik kämen. Sie habe in den Fünfzigern mit Boogie Woogie begonnen und sich dann durch die Aufnahmen ihrer Vorbilder gearbeitet, ganz autodidaktisch. "Damals gab es ja keine Jazzschulen". Mit 19 habe sie als erste Frau mit ihrem Trio den Schweizer Amateur-Jazzwettbewerb gewonnen, als "Fräulein Schweizer". Für Frauen sei das gar nicht vorgesehen gewesen, als Preis gab es ein Päckchen Zigarretten und ein Herrenhemd.