Zum 100. Todestag Erlöst Gustav Mahler aus linker Vereinnahmung!

Liebling der politisch Korrekten: Vor 100 Jahren starb der Komponist Gustav Mahler. Heute wünscht man sich weniger Ideologie – und mehr Musik.

Gustav Mahler im Jahr 1909

Gustav Mahler im Jahr 1909

Im September/Oktober 1977 wird Hanns Martin Schleyer von der RAF entführt und ermordet. Die Konterfeis der Terroristen hängen in jedem Postamt, die kleine Bundeshauptstadt Bonn gleicht einer Festung. Panzer fahren Patrouille, Bannmeilen werden verhängt, Stacheldraht überall – Deutschland im Herbst. Man liest Bölls Die verlorene Ehre der Katharina Blum, sieht Viscontis Tod in Venedig – und hört Gustav Mahler (nicht nur das mit Visconti berühmt gewordene Adagietto aus der fünften Sinfonie). Wächst mit ihm auf, glaubt, alle klassische Musik illustriere die eigene Gegenwart, fühle ihr und nur ihr und nur uns den Puls. Und wird lange nichts anderes suchen in der Kunst.

Zwei Jahre später, 1979, präsentiert die Düsseldorfer Tonhalle ihren ersten vollständigen Mahler-Zyklus, alle neun Sinfonien, die Kindertotenlieder und das Lied von der Erde eingeschlossen. Die Dirigenten heißen Rafael Kubelik, Bernhard Klee, Jury Ahronovich oder Hiroshi Wakasugi, sehr ordentliche Kapellmeister. In Persien bricht die islamische Revolution aus, im Irak ergreift Saddam Hussein die Macht, als erster westlicher Popstar gibt Elton John in Leningrad ein Konzert, und Deutschland schließt ein Kulturabkommen mit China. Das alles dringt wie durch Watte zu mir, sonderlich politisch bin ich nicht. Von Bonn nach Düsseldorf aber ist es nicht weit.

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Dort erlebe ich zum ersten Mal die Lindenbaum-Episode in der ersten Sinfonie (Der Titan), die Hammerschläge der Sechsten, die Siebte mit ihren beiden Nachtmusiken und träume davon, im Leben etwas so Existenzielles zu tun, stärker als der Tod. Oder gleich selber zu sterben. "Protest ist, wenn ich sage, das und das passt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht", schreibt Ulrike Meinhof 1968. Solche Radikalität und Todesverachtung bleibt mir nicht nur kraft meiner Generation fremd.

Die Mahler-Welle, die die BRD Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre erfasst, ist die zweite in der noch jungen Rezeptionsgeschichte des Komponisten. Die erste rollt 1960 an, 15 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs und rechtzeitig zu Mahlers 100. Geburtstag. Theodor W. Adornos fulminante Mahler-Bibel ("Eine musikalische Physiognomik") erscheint und ein Jahr später erlischt das große Recht: Mahler aufzuführen, wird endlich erschwinglich. Ebenfalls 1961 kommt Kurt Blaukopfs Mahler-Biografie auf den Markt, 1973/74 die des Franzosen Henry-Louis de la Grange. Der Komponist Karlheinz Stockhausen hat für Mahlers "rätselhafte Popularität" (Carl Dahlhaus) früh ein feines, kritisches Gespür, als er prognostiziert: "Man wird Filme auf Filme über Mahlers Leben drehen. Generationen von Regisseuren werden eine Auferstehung Mahlers nach der anderen feiern und die Fernsehzuschauer das Buch de la Granges in merkwürdigsten Bilderketten durchrasen."

Abgesehen von Ken Russells Leinwand-Opus Mahler (1974) und dem üblichen Jubiläums-TV (aktuell Percy Adlons Mahler auf der Couch, am 18. Mai um 0.35 Uhr in der ARD; Auf der Suche nach Gustav Mahler mit dem amerikanischen Bariton Thomas Hampson, am 21. Mai um 20.15 Uhr auf 3Sat) ist es dazu nie wirklich gekommen. Allen schrillen Eskapaden seiner Frau Alma zum Trotz verläuft Mahlers Leben vor allem arbeitsam, zwischen den als Fron empfundenen Ämtern in Kassel, Budapest, Hamburg oder Wien und den manisch-produktiven Sommerfrischen. Sein Medium, seine "zweite Existenz" wird die Schallplatte, nicht der Film. LP und Stereotechnik bringen Raum und Zeit seiner Werke in einer Weise zur Geltung, die den Kopfhörer emanzipiert und legitimiert, das Hören für sich allein. "Tradition ist die Weitergabe des Feuers und nicht die Anbetung der Asche" – Mahler-Sätze wie dieser lassen sich auf der Straße so gut ausleben wie auf dem heimischen Sofa.

Leser-Kommentare
    • zorc
    • 18.05.2011 um 10:19 Uhr

    Ein seltsamer Artikel: Da beklagt Christine Lemke-Matwey wortreich, dass Mahler als Projektionsfläche für allerlei Welt- und Selbstschmerz gedient habe, tut das aber nicht zuletzt, indem sie ihre eigene (politische) Biographie mit der Rezeptionsgeschichte Mahlers vermengt. Vielleicht haben andere Leute Mahler ja auch anders gehört, Frau Lemke-Matwey.

    Und dann fragt sie sich, wo denn unter all der Projektion die Musik abgeblieben sei, schreibt aber einen Text, in dem von fast allem zwischen 1900 und heute die Rede ist, aber so gut wie gar nicht von Mahlers Musik.

    So kann das nichts werden mit der "Rehabilitierung und Erlösung" Mahlers. Ob die nun konservativ sein soll, wie Frau Lemke-Matwey sich wünscht, oder nicht.

  1. /Zitat
    1960 dann reklamieren ihn die "Guten" für sich, die Kritischen und dialektisch Aufgeklärten, die wahrheitssuchenden Söhne, Adorniten und Post-Adorniten. Hinter diesem gewachsenen Bollwerk aus linker Intellektualität und political correctness wieder zur Musik selbst vorzudringen und herauszufinden, wie sie ohne ideologische Aufladung klingt, und ob wir je die Ohren dazu hätten – das ist nicht leicht.
    Zitat/

    Das ist keine Musik-Kritik, [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und äußern Sie Kritik anhand sachlicher Argumente. Danke. Die Redaktion/wg

  2. Vielleicht wäre es besser, anstatt den Zwölf Schelmen der politischen Mahlerexegese nicht noch das Dutzend der persönlichen Reifung von Frau Lemke-Matwey aufzusetzen, schlicht und einfach die Erkenntnisse der Historischen Aufführungspraxis konsequent auf das Werk Gustav Mahlers anzuwenden. Gut, es ist unvergleichlich teurer, ein Originalinstrumente-Ensemble für dessen Sinfonien zusammenzubekommen als für die Brandenburgischen Konzerte, und Nikolaus Harnoncourt hat sich bisher einer Beschäftigung mit Mahler immer verschlossen, aber ich bin sicher, dass in der musikalischen Aufarbeitung nach den Maßstäben der "Alten Musik" eine neue, große Chance für unser Verständnis Mahlers liegt. Auf jeden Fall ist er an der Reihe, und nach ihm Schönberg und Berg...

    Eine Leser-Empfehlung
  3. jetzt müssen Sie aber noch einen nachlegen, um nicht als die Schwester von Jan Fleischhauer von SPON zu gelten. Wie wär’s mit: Befreit Richard Wagner von den Rechten?

    • T.M.
    • 18.05.2011 um 11:03 Uhr

    Also ehrlich, einen Zusammenhang zwischen Mahler und den 68ern hab ich im Leben noch nie gesehen. (Ohnehin ein allein und einseitig *west*deutscher Gedanke.) Mahler hat eine ganz andere intellektuelle Ausrichtung, eine, die das Individuum, d.h. explizit den Einzelnen in den Mittelpunkt rückt - Nietzsches Mitternachtslied aus dem Zarathustra taucht nicht umsonst in der 3. auf - und dessen Bestehen oder Scheitern an der Welt und eben nicht die Gesellschaft, schon gar nicht gesellschaftlichen Widerstand oder Politik. Ich finde das Herbeireden eines Zusammenhangs lediglich aufgrund der Gleichzeitigkeit ziemlich albern. Selbstverständlich darf sich jede Zeit und in ihr jede ideologische Strömung und Gruppierung ihr eigenes künstlerisches Ideal an ihre virtuelle Wand nageln, insbesondere eines, das schon Jahrzehnte tot ist. Tatsächlich verstanden haben muss sie es dennoch nicht.

    Nebenbei: mit Nietzsche und den 68ern verhält es sich übrigens ganz ähnlich.

  4. Bernstein war - natürlich - ein Linker, so wie Visconti oder, wahlweise, Schönberg, Thomas Mann, jaja, und nicht zu vergessen die "braven" Kapellmeister, welche in Düsseldorf den "ersten Mahlerzyklus" in Deutschland dirigiert haben sollen.
    Ich erinnere mich:
    In der Vorbereitung einer Demonsration gegen den Vietnamkrieg haben wir seinerzeit die 8. Symphonie von Bruckner auf dem Plattenspieler laufen lassen.
    Bruckner also auch ein Untermaler der "Guten" ?
    Oder waren Kupfers Mozartoperninszenierungen an der Ostberliner Komischen Oper etwa gar so etwas wie die brechtsche Rettung Mozarts?

    Dieser Artikel ist in vielerlei Hinsicht von einfachster Zeitbetrachtungsart geprägt: Als ob ausgerechnet der 9.11.2001 die Zeitenwende verkörpere, mit der Mahlers Musik endlich den Konservativen ( logischerweise, wenn ich den Ausführungen der Verfasserin folge, also der "Bösen", was wohl heissen soll: der Vernünftigen, der Realisten)zugeführt werden könne oder müsse, damit sie "gerettet" werde.
    Gerettet wofür ? Gerettet für wen?

    Der durchaus auf klassischer Kompositionstechnik aufbauende Wohlklang der Popkultur, die weichen oder harten Rhythmusabfolgen und die Wiederholungsvielfalt von Technotönen usw., welche heute Musik ausdrücken, Musikerfahrung erzeugen, Körperlichkeit der Klangwelt vergegenwärtigen, kommen bei der Verfasserin überhaupt nicht vor. Wenn schon: Mahlers Musikvielfalt ist vielleicht gerade deshalb aushaltbar. Aber solche Gedanken sind natürlich nicht feuilletonfähig.

  5. Das ist ja kaum mehr auszuhalten, [...]
    Lese ich hier die Zeit oder doch die Bild?
    Aber klar - in Zeiten, da möglichst unintellektueller Primitivismus en vogue und der Sarrazinismus samt Eugenik und Rassenideologie salonfähig ist, paßt sich halt auch ein ehemals seriöses Blatt der Modewelle an und schraubt den eigenen Anspruch auf das gängige Subniveau herunter - was sogar überraschend glaubwürdig gelingt.

    Respekt, liebe Zeit, das nennt man dann wohl flexible Zielgruppenorientierung.

    Herr Schmidt, lesen Sie eigentlich noch die Zeit oder nur das, was Sie selbst schreiben?
    Bitte äußern Sie Kritik sachlich und diskutieren Sie den konkreten Inhalt des Artikels. Danke. Die Redaktion/wg

  6. Ich entdeckte Mahler in den späten sechziger Jahren für mich. Seitdem liebe und höre ich ihn.
    Ich habe noch nie irgendeine "linke Ideologie" an meiner Musikliebe und Rezeption festgestellt, auch nicht beim Hören im Radio, das Mahler gerne und oft sendet.
    Gerade läuft er wieder, im Kulturradio: Man ruft dazu die Hörer auf, anzurufen und sich um die "beste" Interpretation der diversen Aufnahmen zu "streiten". Will sagen: Es geht auch hier natürlich um Musik, nicht um "links vs. rechts".
    Kurz: Der Artikel oben ist überflüssig, weil aus den Fingern gesogen. Man bekommt den Eindruck, da möchte jemand die pösen "Linken" schlagen. Aber mit Mahler? Dass ich nicht lache. Wer hat überhaupt den Schmarrn verfasst? Ah, I see: eine Bindestrichdame. Nunja. Muss ja nix heißen.

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    daß eben nunmal intellektuelles Potenzial eher zu Schöngeistigem und zugleich politisch linker Vernunft führt, während die Rechten selbst - ich bitte Sie - wer von denen hört sich schon symphonische Musik an (einzige Ausnahme Wagner vielleicht als Äußerung patriotisch-dümmlichen Bombastkitsches)? Die verharren doch seit jeher beim stupiden und anspruchslosen Bierzelt-Humtata oder heute eben beim niveaulosen Ballermann-Geballere.

    Diese Diskussion ist einfach nicht ernst zu nehmen. Die rechten sollen bei dem bleiben, was sie können: Stupide Parolen ausgeben.

    daß eben nunmal intellektuelles Potenzial eher zu Schöngeistigem und zugleich politisch linker Vernunft führt, während die Rechten selbst - ich bitte Sie - wer von denen hört sich schon symphonische Musik an (einzige Ausnahme Wagner vielleicht als Äußerung patriotisch-dümmlichen Bombastkitsches)? Die verharren doch seit jeher beim stupiden und anspruchslosen Bierzelt-Humtata oder heute eben beim niveaulosen Ballermann-Geballere.

    Diese Diskussion ist einfach nicht ernst zu nehmen. Die rechten sollen bei dem bleiben, was sie können: Stupide Parolen ausgeben.

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