Aribert Reimann "Der Klang sucht mich"

Einzelgänger mit Echo: Der Berliner Komponist Aribert Reimann wird mit dem Siemens-Musikpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet. Christine Lemke-Matwey hat ihn getroffen.

Aribert Reimann, 1936 in Berlin geboren, schreibt gerade an seiner neunten Oper

Aribert Reimann, 1936 in Berlin geboren, schreibt gerade an seiner neunten Oper

Aribert Reimann: Darf ich beginnen? Sie haben mir in Ihrer Medea-Kritik...

Frage: ...Ihre Oper Medea nach Grillparzer ist vor einem Jahr sehr erfolgreich an der Wiener Staatsoper uraufgeführt worden...

Reimann: ...einen bildungsbürgerlichen Impetus unterstellt. Ich stünde mit meinem Oeuvre im Gegensatz zu vielen Kollegen im konservativen, akademischen Eck.

Frage: Sie haben sich immer an großer Literatur orientiert, an Shakespeare, Ibsen, Lorca – und Sie haben in der Wahl Ihrer Mittel nie danach gefragt, in welche Richtung das ästhetische Fähnchen weht. Das könnte man bewahrend nennen, konservativ.

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Reimann: Ich weiß nicht. Ich wollte mit meiner Musik nie in einer bestimmten Ecke stehen oder nicht stehen. Sonst hätte ich künstlerisch gar nicht überleben können. Deshalb ärgern mich solche Kategorisierungen, sie scheren meine Arbeiten fürs Musiktheater über einen Kamm. Das wird der Sache nicht gerecht, denn die Melusine hat eine vollkommen andere Sprache als der Lear oder die Medea. Ich könnte nie zweimal das Gleiche komponieren, im Sinne einer bestehenden Grammatik. Ich muss mir immer ein fremdes, neues Terrain erschließen, sonst verhungere ich.

Frage: Dennoch gibt es einen Reimann-Ton, einen unverkennbaren Stil, vor allem, was die Oper betrifft. Die Stimmen sind bei Ihnen oft hoch expressiv, um nicht zu sagen exzentrisch: wilde Koloraturen, bizarre Intervall-Sprünge, ein Ausloten und Ausbeulen des gesungenen Wortes.

Reimann: Aber für jede Figur ganz verschieden! Koloraturen haben doch einen Sinn! Nehmen Sie Medea und ihre Rivalin Kreusa. In dieser Beziehung gibt es einen unerhört wichtigen Moment, wenn Kreusa zu Medeas Kindern sagt: "Kommt her, ihr heimatlosen Waisen. Ich will euch Mutter sein." Und die leibliche Mutter, Medea, steht daneben! Etwas Grauenvolleres kann man sich nicht vorstellen. Die Frage für den Komponisten ist, was geht in Medea vor? Kreusa mag ein bisschen einfältig sein. Medea aber vibriert, permanent, das ist ihre Art, sich in einer fremden Welt zu behaupten – und sie fasst einen Plan, ohne Worte. Diesen Plan muss ich hörbar machen, das sind bestimmte Flageolett-Akkorde in den Streichern, die man wiedererkennt, wenn Kreusa im Palast in Flammen aufgeht. Das heißt, die Musik spiegelt Medeas Inneres. Das ist ja überhaupt der Sinn von Oper. Dass ich mehr erfahre über die Menschen da auf der Bühne, als wenn sie "nur" zu mir sprechen wie im Schauspiel.

Frage: Und wenn ich heute so gar nichts weiß von Medea und von Grillparzer und vom Goldenen Vlies, was erfahre ich dann?

Reimann: Hoffentlich eine große Fremdheit, nicht mit dem Musiktheater, sondern mit der Figur. Grillparzers Medea ist unglaublich heutig, sie ist die Fremde, die Nicht-Angenommene. Das klingt jetzt blöd, aber ich wusste gar nicht, wie aktuell ich mit dieser Wahl bin. Medea ist keine Migrationsoper, das wäre zu schlicht. Aber ich kann nun einmal nur Stoffe vertonen, die etwas mit unserer Zeit zu tun haben. Das war immer so, auch bei Troades nach den Troerinnen des Euripides. Das ist, wenn Sie so wollen, meine Anti-Kriegs-Oper. 1945 war ich neun Jahre alt, ich habe den Krieg als Kind sehr bewusst erlebt. Aber Sie haben es sicher wieder auf den Bildungsbürger abgesehen, stimmt’s?

Frage: Wäre das so schlimm?

Reimann: Ich empfinde mich nicht als solchen, jedenfalls nicht mit dem Unterton, den dieser Begriff heute hat. Für mich gab es nie etwas anderes als Literatur und Musik. Mein Vater war Leiter des Berliner Staats- und Domchors, meine Mutter Sängerin, ihre Schüler, die ich sehr früh schon am Klavier begleitet habe, gingen bei uns ein und aus. Bach und Schubert, das war für mich wie Essen und Trinken. Und als wir ausgebombt wurden, erst in Berlin, dann in Potsdam, und mit einem Handkarren gen Westen flohen, den brandschatzenden Russen oft nur wenige Kilometer voraus – da war das, was man im Kopf und im Herzen trug, das Einzige, was blieb. Das sind existenzielle Erfahrungen.

Frage: Beschäftigt Sie die Vergangenheit heute stärker als früher?

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