Das zweite Leben Gil Scott-Herons war allzu kurz. Es endete am Freitag Nachmittag im St. Luke's Hospital in New York. Gil Scott-Heron starb an den Folgen einer nicht näher genannten Krankheit. Er war erst kürzlich von einer Reise aus Europa zurückgekehrt.

Das zweite Leben Gil Scott-Herons hatte vor einem guten Jahr begonnen. Da war eine der wichtigsten Stimmen der Popgeschichte nach langem Schweigen wieder aufgetaucht. Hatte die Sucht und das Gefängnis nach anderthalb mehr oder weniger verschwendeten Jahrzehnten hinter sich gelassen, und nach 16 Jahren ohne neue Songs, mit nur wenigen Auftritten endlich ein neues Album herausgebracht.

I'm New Here kam einer Wiedergeburt gleich: Da war sie wieder, diese Stimme, diese Wut, diese Weisheit. Diese Stimme, die in den frühen siebziger Jahren den Rap vorweg genommen hatte. Diese Stimme, die über einem Amalgam aus Jazz und Soul die Welt in ihre Einzelteile zerlegte. Diese Stimme, die anklagte und analysierte, die dem weißen Amerika vorhielt, was es am schwarzen Amerika verbrochen hatte. Diese Stimme, die manche für die bedeutendste afro-amerikanische seit Martin Luther King hielten. Diese Stimme, die behauptete, dass die Revolution nicht im Fernsehen übertragen werden würde und damit bis heute Recht behalten hat.


Auch in seinem zweiten Leben saß Gil Scott-Heron wieder an seinem elektrischen Piano. Die Stimme schleifte ein wenig. Das lag am Crack und den Haftstrafen wegen Drogenbesitzes. Die hatten ein paar Zähne gefordert. Den Zorn aber hatte er nicht verloren. Auf I’m New Here verarbeitete er seine eigene Geschichte als prominentestes Opfer des War on Drugs , den die US-Regierung seit dreißig Jahren ohne Erfolg führt. Millionen Süchtiger werden wegen minimaler Drogenmengen weggesperrt, obwohl sie in einer Therapie besser aufgehoben wären. Die meisten von ihnen sind Schwarze, vor denen sich die weiße Bevölkerungsmehrheit geschützt fühlen möchte. Rassentrennung mit anderen Mitteln.

Scott-Heron erhob seine Stimme, so wie er sie früher erhoben hatte, um anzuklagen. Aber die Stimme war nicht mehr dieselbe. Nicht nur, weil ein paar Zähne fehlten. Die Stimme war nicht mehr so arrogant, so messerscharf, nicht mehr so selbstsicher. Sie war nun nach innen gerichtet, sensibel, persönlich, intim, berührend, wenn sie berichtete aus " the ruins of another black man's life ". Sie war alt geworden und zu einer neuen Stimme gewachsen, mit einer anderen, vielleicht sogar noch größeren Kraft.