Bluesheld Johnny WinterWeißer Papst der schwarzen Kunst

Johnny Winter, der Altmeister der Bluesrock-Gitarre, kehrt zurück. Unser Autor Christoph Dieckmann verehrt ihn seit Jahrzehnten und traf ihn kurz vor seinem Konzert in Berlin. von 

Johnny Winter im Tourbus in Berlin 2011

Johnny Winter im Tourbus in Berlin 2011  |  © Lutz Müller-Bohlen

"Die Liebe höret nimmer auf." So steht es im ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther. Die Liebe wandelt sich. So weiß man es selbst. Einst liebten wir den Bluesrock-Gitarristen Johnny Winter mit Leidenschaft. Aber dann…

Am 4. Mai 2011 hat Johnny Winter in Berlin gespielt, zum Auftakt einer Europa-Tour. Die Vorfreude erweckte gloriose Memoiren. Stonezeitliche Rocker – etliche leben ja noch – schwärmen bekanntlich gern von ihrer wildermutigen Jugend und wie sie damals die weichlichen Beatles-Fans verachtet haben. Unsereins, etwas jünger, bevorzugte Bluesrock-Gitarrengötter. Gitarristisch wirkten die Rolling Stones nicht minder limitiert als die Beatles. Jimi Hendrix, Duane Allman, Eric Clapton waren schneller, also besser. Der Speed King hieß Johnny Winter, laut Rock-Lexikon "ein hundertdreißigpfündiger schielender Albino, der so ziemlich die flüssigste Gitarre spielt, die man jemals gehört hat". Fürwahr, Winter raste. Er tobte übers Brett, er quirlte die Saiten, er häckselte Vierundsechzigstel-Noten. Sein Paradestück warnte vermutlich vor ihm selbst: Be Careful With A Fool .

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Wir wussten nicht, dass Winter die Rockstar-Hysterie hasste. Im Herzen war er Bluesmann. 1944 in Beaumont/Texas als Sohn eines Baumwoll-Plantagenbesitzers geboren und fast blind, wuchs der Außenseiter gewissermaßen als weißer Schwarzer auf. Mit 18 verschwand er mit seiner Gitarre gen Chicago. Dort fand er keinen Erfolg. Er trampte durch den Süden und spielte sich durch. Die Hippie-Ära begann. Deren Protagonisten pushten den Blues. Weiße Briten adaptierten die schwarze Musik und reimportierten sie als Pop in die USA. Die Stones, John Mayalls Bluesbreakers, Eric Burdon & The Animals, Led Zeppelin schossen hoch, die Plattenfirmen griffen hektisch zu. Mit 300.000 Dollar, dem bis dato üppigsten Vorschuss der jungen Rockgeschichte, schnappten sich Columbia Records Johnny Winter. Der hielt den Tourneestress nicht durch, verfiel dem Heroin, und verschwand 1971, suizidgefährdet, für fast ein Jahr in einer Entziehungsklinik.

Sein Comeback-Album von 1973 hieß programmatisch Still Alive And Well . Erst 1977, mit Nothin' But The Blues , beendete Winter das Kapitel Rock'n'Roll-Star. Fortan spielte er Blues in der Tradition seines Idols Muddy Waters, freilich weitaus virtuoser. Waters starb 1983. Sein Spätwerk hat Johnny Winter produziert, teils instrumental begleitet. Und kürzlich erschien eine DVD jenes Konzerts, das Winter europaweit bekannt machte: der Rockpalast-Auftritt in der Essener Gruga-Halle am 22. April 1979. Die Live-Rocknächte des WDR wurden in ganz Westeuropa übertragen, vom Nordkap bis Sizilien. Auch in televisionär begnadeten Regionen der DDR war Winters Gala-Auftritt zu sehen. Hierzu benötigte man einen Fernsehapparat. Man hatte keinen? Null Problem. Man ging in Ostberlin auf die Straße, hielt Ausschau nach einem bluesartigen Menschen und fragte: "Kuckste irgendwo Rockpalast?"

Die 79er-Erinnerung meldet einen Dachboden im Prenzlauer Berg, überfüllt von fünfzig Bluesern aus der ganzen DDR. Andachtsvoll umlagerten sie einen kleinen Schwarzweiß-Fernseher. Der Ton dröhnte aus einer Mammutbox. Die J. Geils Band eröffnete die Show, danach kam Patti Smith. Und dann erhob sich der Gitarrensturm Johnny, mit Hideaway , gefolgt von Messin' With The Kid . Zwei Stunden tobte Winters Trio (J.W. plus Schlagzeuger Bobby Torello und Bassist Jon Paris, mit dem Winter zeitweilig das Instrument tauschte). Dann flammte in Essen das Saallicht auf. In Ostberlin taumelten wir benommen auf die morgenrötliche Pappelallee, trunken ohne Alkohol.

Mit Rührung sieht man die DVD 31 Jahre später: Johnny Winter, jung, im Vollbesitz seiner selbst und der Musik, obzwar ihn, bedingt durch den Albinismus, extreme Sehschwäche hemmt. Sonst er ist bei allen Kräften. Das würde sich ändern. In den neunziger Jahren baute Winter ab. Zu Beginn des neuen Jahrtausends schien er dem Ende geweiht. Wer ihn sah, fühlte sich beklommen. Johnny Winters Stil lebt von der Virtuosität, doch nun wurde ein tapernder Greis auf die Bühne geführt. Er setzte sich, spielte verlangsamt und reduziert, sang brüchig. Live Is Hard And Then You Die . Er blieb am Leben. Vor vier Jahren wirkte er leidlich repariert. Und nun kam er wieder nach Berlin, in die Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg.

Leserkommentare
    • Hermez
    • 06. Mai 2011 16:50 Uhr

    für diesen Artikel.Als Bluesmusiker verbinden mich viele Erinnerungen mit Johnny Winter. Der Blues wird niemals sterben weil es keine Musik ist, sondern ein Lebensgefühl.
    Ich wäre gern bei dem Konzert dabei gewesen.....

    • jazzer
    • 06. Mai 2011 17:14 Uhr
    • TDU
    • 06. Mai 2011 17:28 Uhr

    Gerne lese und höre ich von den Etlichen, die noch leben. Meinen Dank für den Bericht.

  1. Blues hat immer was bleibendes und der Hörer verbindet persönliche Erlebnisse mit dieser Musik. Scheint eine aussterbende Gattung zu sein und denen die dieses Handwerk noch beherrschen wird viel Anerkennung nachgesagt.

  2. Oh ja, auch ich kann mich noch an diese Rockpalast-Nacht erinnern. Ich war noch Teenager und wir sind mit ein paar Freunden zu einem Wochendgrundstück gefahren und hatten den Fernseher mit Autobatterien betrieben.
    Patti Smith war toll, aber der Höhepunkt zweifellos Johnny Winter. Bei manchen dieser 20min-Songs hatte man tatsächlich Sorge daß er den Schluß vergessen hat und endlos weiterspielt. Meine Hochachtung vor diesem Künstler.
    Manche von uns waren auch leicht angetörnt (nicht berauscht), obwohl kein Alkohol vorhanden war. Stattdessen lag ein angenehm schwerer, süßlicher Duft in der Luft...
    Das Konzert ging, soweit ich mich erinnere, tatsächlich bis zum Morgengrauen.
    Aber dass es "Ossis" gibt, die damit auch etwas anfangen können, hätte ich weder damals noch heute gedacht. Ich dachte immer das sind alles Schlager- und Volksmusikfans.
    Aber gut, Berlin ist eben schon Weltstadt, und selbst eine Mauer konnte nicht verhindern daß ein Geruch von westl. Freiheit überschwappt.
    Meine Kultur war damals schon und bis heute sehr stark angelsächsisch geprägt, und das wird auch so bleiben, denn es hat mir im Leben unglaublich viel Freude gebracht. Dafür bin ich den Amerikanern (aber auch Engländern, Kanadiern und Australiern) ewig dankbar. Wobei es natürlich damals und heute auch vereinzelt herausragend gute deutsche Künstler gibt.

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    Rockpalast war in der DDR eine Pflichtveranstaltung, nicht nur in Berlin, 3 Kisten Bier, Rum fuer die Cola und ein paar Freunde und die Party ging ab. Von den 3. Programmen wurde auf Tonband mitgeschnitten, die Aufnahmen wurden weitergegeben wie Reliquien. Winter, ZZ-Top, The Who und eines der besten Konzerte, das ich je gesehen habe, Gianna Nannini. Da war der Luzifer los. Was glaubt ihr eigentlich in welcher Welt wir gelebt haben, Blues und Rock war in der DDR Lebensgefuehl. Opa schmuggelte seinerzeit eine gebrauchte Gibson Les Paul, das Teil spiele ich heute noch, leider hat man irgendwann im Leben dann einen richtigen Beruf und die Musik bleibt auf der Strecke... Schade, dass Winter so abgestuerzt ist, das hat mindestens 15 Jahre guter Musik gekostet.

    • FranL.
    • 07. Mai 2011 21:22 Uhr

    Aber dass es "Ossis" gibt, die damit auch etwas anfangen können, hätte ich weder damals noch heute gedacht. Ich dachte immer das sind alles Schlager- und Volksmusikfans.

    Dachte ich als "Ossi" eher von den Wessis. Mit Jazz, Blues und Rock wurde ich als Kind und Teenager im Osten "gepeinigt", höre nur noch Klassik

  3. Erinnere mich ganz genau - große Party, wie immer wenn der "Rockpalast" im TV lief; Johnny war wie immer in Hochform! Meine Kumpels wollten davor schon in den TV springen - eine nervige, besoffene PATTI SMITH wollte um 4 Uhr morgens nicht von der Bühne; die Dame war früher überschätzt und ist es noch immer!

  4. Mister Winter ist wahrlich einer der letzten Veteranen die auch noch mit Größen wie Muddy Waters gespielt haben. Einer der großen Bluesinterpreten auf der E-Gitarre ist er immer noch. Man muss aber auch sagen, dass Winters Qualität etwas unter seinem Gesundheitszustand leidet. Trotzdem muss man davor nur den Hut ziehen. Aber ich teile die Meinung nicht das der Blues ausstirbt, viele Interpreten aus den Staaten kennt man hier nur nicht, da sie niemals in den Mainstream gelangen oder geschweige denn nach Deutschland z.B. The Homemade Jamz Blues Band. Wenn man vom Aussterben reden möchte, dann sind es die klassichen Formen des Blues, wie z.B. Chicago Blues oder Delta Blues. Alles verschwimmt mehr und mehr, was eben auch an der Entwicklung der USA liegt. Ein Beispel hierfür sind die Black Keys.

  5. 8. Super

    Hallo,
    ich kannte diesen Musiker bisher nicht und habe ihn jetzt in meine Musiksammlung aufgenommen. Im allgemeinen sind eure Musikartikel einfach Klasse. Weiter so.

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  • Schlagworte Kunst | Winter | Jimi Hendrix | Papst | DDR | Johannes Paul II.
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