"Die Liebe höret nimmer auf." So steht es im ersten Brief des Apostels Paulus an die Korinther. Die Liebe wandelt sich. So weiß man es selbst. Einst liebten wir den Bluesrock-Gitarristen Johnny Winter mit Leidenschaft. Aber dann…

Am 4. Mai 2011 hat Johnny Winter in Berlin gespielt, zum Auftakt einer Europa-Tour. Die Vorfreude erweckte gloriose Memoiren. Stonezeitliche Rocker – etliche leben ja noch – schwärmen bekanntlich gern von ihrer wildermutigen Jugend und wie sie damals die weichlichen Beatles-Fans verachtet haben. Unsereins, etwas jünger, bevorzugte Bluesrock-Gitarrengötter. Gitarristisch wirkten die Rolling Stones nicht minder limitiert als die Beatles. Jimi Hendrix, Duane Allman, Eric Clapton waren schneller, also besser. Der Speed King hieß Johnny Winter, laut Rock-Lexikon "ein hundertdreißigpfündiger schielender Albino, der so ziemlich die flüssigste Gitarre spielt, die man jemals gehört hat". Fürwahr, Winter raste. Er tobte übers Brett, er quirlte die Saiten, er häckselte Vierundsechzigstel-Noten. Sein Paradestück warnte vermutlich vor ihm selbst: Be Careful With A Fool .

Wir wussten nicht, dass Winter die Rockstar-Hysterie hasste. Im Herzen war er Bluesmann. 1944 in Beaumont/Texas als Sohn eines Baumwoll-Plantagenbesitzers geboren und fast blind, wuchs der Außenseiter gewissermaßen als weißer Schwarzer auf. Mit 18 verschwand er mit seiner Gitarre gen Chicago. Dort fand er keinen Erfolg. Er trampte durch den Süden und spielte sich durch. Die Hippie-Ära begann. Deren Protagonisten pushten den Blues. Weiße Briten adaptierten die schwarze Musik und reimportierten sie als Pop in die USA. Die Stones, John Mayalls Bluesbreakers, Eric Burdon & The Animals, Led Zeppelin schossen hoch, die Plattenfirmen griffen hektisch zu. Mit 300.000 Dollar, dem bis dato üppigsten Vorschuss der jungen Rockgeschichte, schnappten sich Columbia Records Johnny Winter. Der hielt den Tourneestress nicht durch, verfiel dem Heroin, und verschwand 1971, suizidgefährdet, für fast ein Jahr in einer Entziehungsklinik.

Sein Comeback-Album von 1973 hieß programmatisch Still Alive And Well . Erst 1977, mit Nothin' But The Blues , beendete Winter das Kapitel Rock'n'Roll-Star. Fortan spielte er Blues in der Tradition seines Idols Muddy Waters, freilich weitaus virtuoser. Waters starb 1983. Sein Spätwerk hat Johnny Winter produziert, teils instrumental begleitet. Und kürzlich erschien eine DVD jenes Konzerts, das Winter europaweit bekannt machte: der Rockpalast-Auftritt in der Essener Gruga-Halle am 22. April 1979. Die Live-Rocknächte des WDR wurden in ganz Westeuropa übertragen, vom Nordkap bis Sizilien. Auch in televisionär begnadeten Regionen der DDR war Winters Gala-Auftritt zu sehen. Hierzu benötigte man einen Fernsehapparat. Man hatte keinen? Null Problem. Man ging in Ostberlin auf die Straße, hielt Ausschau nach einem bluesartigen Menschen und fragte: "Kuckste irgendwo Rockpalast?"

Die 79er-Erinnerung meldet einen Dachboden im Prenzlauer Berg, überfüllt von fünfzig Bluesern aus der ganzen DDR. Andachtsvoll umlagerten sie einen kleinen Schwarzweiß-Fernseher. Der Ton dröhnte aus einer Mammutbox. Die J. Geils Band eröffnete die Show, danach kam Patti Smith. Und dann erhob sich der Gitarrensturm Johnny, mit Hideaway , gefolgt von Messin' With The Kid . Zwei Stunden tobte Winters Trio (J.W. plus Schlagzeuger Bobby Torello und Bassist Jon Paris, mit dem Winter zeitweilig das Instrument tauschte). Dann flammte in Essen das Saallicht auf. In Ostberlin taumelten wir benommen auf die morgenrötliche Pappelallee, trunken ohne Alkohol.

Mit Rührung sieht man die DVD 31 Jahre später: Johnny Winter, jung, im Vollbesitz seiner selbst und der Musik, obzwar ihn, bedingt durch den Albinismus, extreme Sehschwäche hemmt. Sonst er ist bei allen Kräften. Das würde sich ändern. In den neunziger Jahren baute Winter ab. Zu Beginn des neuen Jahrtausends schien er dem Ende geweiht. Wer ihn sah, fühlte sich beklommen. Johnny Winters Stil lebt von der Virtuosität, doch nun wurde ein tapernder Greis auf die Bühne geführt. Er setzte sich, spielte verlangsamt und reduziert, sang brüchig. Live Is Hard And Then You Die . Er blieb am Leben. Vor vier Jahren wirkte er leidlich repariert. Und nun kam er wieder nach Berlin, in die Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg.

"Johnny, warum Blues?"

Wir waren verabredet, am späten Nachmittag, zur Soundcheck-Zeit. Schon aus der Ferne vernahm man köstliches Getöse: Get Down , mit rasanter Gitarre, die aber fremd klang, ebenso die Stimme. Im Kesselhaus probte Winters Band. Vito Liuzzi trommelte und sang das down down down , Scott Spray pumpte Bass, Gitarrist Paul Nelson hobelte sein Brett. Er legte es ab, begrüßte und führte uns über den Hof, zu einem kleinen Bus. Darin saß an einem Tischchen ein dürrer alter Mann und lauschte archaischem Blues-Gesang: "Das", sagte Johnny Winter, "ist Big Bill Broonzy".

"Johnny, warum Blues? Wie kam ein Mensch, der weißer nicht sein kann, zur schwarzen Musik?"

"Ich hörte den Blues als Kind", sagte Winter. "Ich dachte: Das ist die tollste Musik der Welt, das will ich können."

"Damals herrschte Rassentrennung in den USA. Was dachten Weiße, wenn du ihnen mit Blues kamst?"

Winter lachte, hustend. Natürlich habe er Blues nicht für Weiße spielen können, höchstens mal ein untergeschmuggeltes Stück. Schwarze hätten gar nicht in weißen Etablissements auftreten dürfen.

"Aber du für Schwarze?"

"Ohne Probleme", sagte Winter und erzählte, wie er, mit 17 Jahren, erstmals B. B. Kings Club betrat, als einziger Weißer weit und breit. King, erschrocken, hielt ihn für einen Steuerspion. Dann ließ er ihn, da der jugendliche Taxman bettelte, sogar auf die Bühne. "Mein erster Auftritt vor einem schwarzen Publikum", sagt Winter, immer noch stolz. "Ich bekam eine Standing Ovation ."

"Hat dich das überrascht?"

"Nein", lächelte Winter. " I knew I was good. "

"Dann geriet der Süden in Bewegung. Martin Luther King, die Bürgerrechtsbewegung..."

"Ja, das musste passieren. Es war zu übel im Süden. Und auf einmal wollten die weißen Kids schwarze Musik hören."

"Kaum jemand weiß, dass du 1969 beim Woodstock-Festival gespielt hast. Warum tauchst du in dem Film nicht auf?"

"Das zu untersagen", erklärte Winter, "hat mein damaliger Manager als größten Fehler seines Lebens bezeichnet. Er dachte, das Festival ist finanziell ein Desaster, dem Film wird es genauso ergehen."

"Bereust du das?"

"Natürlich", sagte Winter. – Allerdings zeigt ihn die jüngste Langversion des Woodstock-Films, ediert 2009. Gleichfalls zum 40. Jahrestag des epischen Festivals erschien Johnny Winters fulminanter Auftritt komplett als CD. Auch ohne Kontrakt hatten die Veranstalter mitgeschnitten.

"Johnny, wie war Woodstock?"

"Schlammig und schrecklich. Toll, für so viele Leute zu spielen. Aber es war das reinste Chaos."

"Warum bist du zum Blues gewechselt?"

"Ich liebe den frühen Rock'n'Roll, aber ich wollte nie ein Rockstar sein. Mein Manager wünschte sich das, da gab's mehr zu verdienen. Ich mag das Rockbusiness nicht, die Leute, das Benehmen …"

"Warum hörte Blues auf, die Popmusik der Schwarzen zu sein?"

"Weil die Leute Blues mit schlechten Zeiten verbanden. Daran wollten sie nicht erinnert werden. Tja, schade, nun hören sie Hip-Hop, Rap …"

"Was ist für dich Blues? Philosophie? Kunst der Traurigkeit?"

"Nein. It makes me happy . Wenn ich Blues spiele, geht es mir gut."

"Es ging dir lange gar nicht gut. Gab es eine Zeit, in der du nicht mehr spielen konntest, wie du wolltest?"

"Ja, die neunziger Jahre waren schlecht für mich. Ich hab zu viele Dinge genommen."

"Und was hat das geändert?"

"Ich nahm nichts mehr. Hab auch das Trinken aufgegeben."

"War das schwer?"

"Nein. Ich habe einfach entschieden, das wäre gut."

"Mann, warum hast du dann nicht eher aufgehört?"

Die Seligsprechung Johnny Paul des Zwoten

Winter lachte: "Weil ich nicht eher wollte. Erst als es mich beschädigt hat. So lange es Spaß machte, war's okay."

"Bist du ein religiöser Mensch?"

"Yes. I'm a Christian."

"Welche Johnny-Winter-Aufnahme würdest du Petrus am Himmelstor als deine größte Lebensleistung präsentieren?"

"Oh", sagte Winter, "das sind so viele Songs. Vielleicht Be Careful With A Fool . Und When You Got A Good Friend , die alte Robert-Johnson-Nummer. Welche Platte magst du denn am liebsten?"

"Deine erste. Und Nothing But The Blues . Die späten Muddy-Waters-Scheiben. Guitar Slinger , Serious Business , Third Degree , deine Alligator-Sachen aus den Achtzigern. Let Me In von 1991 …"

"Ich mag die alle", sagte Winter.

"Bereust du nichts? Was würdest du gern noch mal anders machen?"

"Die Rock'n'Roll-Platten mit Rick Derringer, Johnny Winter And , Live , solche Sachen. Aber die verkauften sich am besten, also sollte ich es lassen, wie es ist."

"Blues hat afrikanische Wurzeln. Hast du je mit afrikanischen Musikern gespielt, wie Ry Cooder mit Ali Farka Touré aus Mali?"

Nein, sagte Winter, er sei niemals afrikanischen Musikern begegnet. Allerdings war er gerade in Japan, erstmals in seinem Leben. "Drei ausverkaufte Shows in Tokyo. Ich dachte, die Japaner wären reserviert. Nicht im geringsten!"

"Und Fukushima ?"

Tokio betreffe das nicht, meinte Winter. Er zeigte den rechten Innenarm, wo der illustrated man zu seinen weltweit gesammelten Tattoos nun auch ein japanisches trägt: drei rätselhafte Schriftzeichen, die blue music feather bedeuten, oder so ähnlich. Für Blues hätten Japaner kein Wort.

Der Worte waren genug gewechselt. Wir verließen Winter. Der wird demnächst nach langer Zeit ein neues Album veröffentlichen, mit Lieblingsstücken seiner Jugend: Songs von Chuck Berry, Elmore James, T. Bone Walker, Bobby Bland … Johnny-Winter-Fans hören konservativ. Sie erwarten, was sie kennen: gediegene Exempel des Wohlvertrauten. Schon gar nicht schrecken Winters 67 Jahre. Bluesleute sind alt. Auch das Publikum, das sich nun versammelte, wirkte überaus volljährig. Viele suchten Karten. Ausverkauft!

Es wurde ein lautes Konzert. Die Band begann zu dritt. Während des Intros kam Winter auf die Bühne. Nahm umjubelt Platz. Begann mit Hideaway . Ließ Sugar Coated Love folgen. Sehr muskulär rockte die Band, auf fettem Boogie-Fundament. Der Gitarrist Paul Nelson verschalte die Strukturen, in welche Johnny Winter seine rasanten Dauersoli flocht. Die Läufe perlten, zerrten, unterschliffen, jaulten delikat wie je. Winters Stimme freilich krähte weniger vital als ehedem, und die Beton-Akustik vermatschte manches. Erstaunlich war, dass Winter nur eine seiner lodernden Slowblues-Nummern spielte: Black Jack von Ray Charles. Ansonsten gab es Klassiker: Johnny B. Goode , Good Morning Little School Girl , Muddy Waters' Got My Mojo Working , aber auch Gimme Shelter von den Rolling Stones … Nach 70 Minuten erhob sich der Meister und ging. Er kam zurück, ohne die kopflose Lazer-Gitarre. Er ließ sich die mächtige Gibson Firebird reichen und schloss mit zwei Slide-Orgien: Dust My Broom von Elmore James und Bob Dylans Highway 61 Revisited .

Dann war's vorbei. Winter dankte und trat ab. Das schlohe Haar bedeckte seine Schultern wie eine weiße Stola. Als er so sorgsam tappend verschwand, ergriff mich ein seltsames Déjà-vu: Einst sah ich im Petersdom den greisen Papst Johannes Paul II. ebenso fragil aus der überfüllten Halle schreiten, bis ihn eine Tür verbarg. Wahrhaftig, der späte Winter erinnert an den polnischen Schmerzensmann und sein öffentlich zelebriertes Siechtum.

Sonderbare Heimfahrt: An diesem 4. Mai 2011 lag in der nächtlichen Berliner Straßenbahn eine Süddeutsche Zeitung vom 2. Mai. Darin las man über die römische Seligsprechung Johnny Paul des Zwoten . Der Geist verbindet, was er will; folglich fiel mir zu Johnny Winter der Apostel Paulus ein: "Die Liebe höret nimmer auf". Andernorts schreibt er: "Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast." Mach ich. Johnny Winters Blues gehört zu meinem Leben. Ich liebe ihn auch nach Jahrzehnten – einst mit Leidenschaft, heute in Treue.