Syd Barrett : Die verlorene Seele von Pink Floyd

Nach einer Überdosis LSD landete der Pink-Floyd-Gitarrist Syd Barrett in der Psychiatrie. Michele Mari hat ihm nun einen leidenschaftlichen Roman gewidmet.
Die britische Band Pink Floyd im Juli 1967. Syd Barrett ist unten im Bild, oben sind von links nach rechts Roger Waters, Nick Mason und Rick Wright zu sehen. © Keystone Features/Getty Images

Viele Bands hatten ihren Toten, Pink Floyd hatte den Verrückten, der sich allerdings wie ein Toter benahm, in einem Keller in Cambridge hausend, jahrzehntelang: Roger Barrett, genannt Syd. Das Schicksal des schönen schizophrenen Jünglings, der sich mit einer Überdosis LSD aus dem frühen Ruhm in die Psychose schoss, ist seit 1968 bekannt und erforscht. Die Floyds ersetzten Barrett durch dessen Kumpel, den Gitarristen David Gilmour. Barrett vegetierte im Keller, Pink Floyd wurde berühmt, vor allem auch mit Liedern, die sich um Syd Barretts Wahn drehten: Brain Damage , Shine On You Crazy Diamond , Wish You Were Here , Comfortably Numb , um nur die bekanntesten zu erwähnen.

Jetzt, im Frühling 2011 – Syd Barrett ist tot, Rick Wright ist tot, David Gilmour ist dick, Nick Mason sammelt Sportwagen, Roger Waters tourt zum 180. Mal mit The Wall um die Welt – präsentiert der italienische Autor und Literaturwissenschaftler Michele Mari einen Syd-Barrett-Roman. Rosa Umschlag, erschienen in der Edition Elke Heidenreich bei Bertelsmann.

Oha, denkt man, braucht die Musikliteratur das noch? "Aus der Antike kennen wir zahlreiche aufregende Geschichten über Besessenheit: Sie erzählen uns jedoch nicht, was von dem Besessenen übrig bleibt, nachdem Gott wieder weg ist…" Diesen Satz auf Seite 297 hätte Mari seinem Buch auch als Motto voranstellen können. Denn nichts anderes versucht er in Mr. Pink Floyd : in Barretts Besessenheit zu kriechen. Mari tut das nicht selbst in einem Fließtext, sondern lässt zahlreiche Zeugen sprechen – Bandmitglieder, Roadies, Verwandte, entfernte Verwandte, Manager, Regisseure, Figuren aus Barretts Songs. Auch Tote kommen zu Wort, etwa Stanley Kubrick und Michelangelo Antonioni. Dabei macht der Autor nicht klar, was Recherche und was Fiktion ist, vielmehr wird beides in den sogenannten Zeugenaussagen verwoben.

Der italienische Autor und Literaturwissenschaftler Michele Mari. © Basso Cannarsa

Die Art und Weise der Zusammenstellung, ihr Detailreichtum, verrät des Autors eigene Besessenheit mit dieser Band. So erfahren wir beispielsweise, dass der Name des ersten und letzten Albums unter Barretts Führung, The Piper at the Gates of Dawn , eigentlich der Titel eines Kinderbuchs ist, das der kleine Syd geliebt hat. Und dass der Autor dieses Kinderbuchs einen schieläugigen Sohn hatte, der sich wiederum von einem Zug enthaupten ließ. Und das hat alles natürlich auf geheimnisvolle Weise mit Barretts Schicksal zu tun! Den nannten seine Bandmitglieder in Shine On You Crazy Diamond schließlich "piper". Während der Aufnahme genau dieses Liedes tauchte der Nämliche dann in den Abbey Road Studios auf und wurde von seinen Freunden nicht einmal erkannt – wegen der Glatze und den abrasierten Augenbrauen.

Nach Maris kompilierten Zeugenaussagen zu urteilen, finden sich in Pink Floyds Werk nicht nur diese bekannten Hinweise auf den ehemaligen Spiritus Rector. Nein, das ganze spätere Werk sei eine schlecht verfremdete Obsession. Die zahllosen Songs, die Roger Waters seinem im Krieg gefallenen Vater widmete: Eigentlich gelten sie Barrett. Waters' angeblich so tyrannische Mutter, von der auf The Wall die Rede ist? War eigentlich Barretts Mutter. Der sadomasochistische Lehrer, um den es auf dem gleichen Album ging? Nachforschungen haben ergeben, dass Syd einen solchen Lehrer hatte.


Für Fans ist das sicher aufschlussreich. Aber was bedeuten diese Koinzidenzen aus der Fernsicht? Dass der ganze Erfolg dieses Platin-Monsters Pink Floyd auf dem Märtyrertum ihres einstigen Erfinders beruht. Stuart Sutcliffe, Brian Jones, Keith Moon, sie alle hatten sterben dürfen, nur Syd Barrett lebte noch, irgendwie, und seine Band arbeitete sich echt freudianisch an seiner Existenz ab, wand sich in Selbstvorwürfen. Und als sie sich am Ende ganz trennten, da fochten (laut Mari) Waters und Gilmour auf ihren Tourneen Kämpfe darüber aus, wer barrettianischer war. Dazu lässt sich sagen: Gilmour hat Barrett das Gitarrespielen beigebracht und Waters ist auch ein bisschen verrückt geworden. 

Was Mari zum Schreibzeitpunkt nicht wissen konnte: Kürzlich trat Gilmour als Gastgitarrist auf Waters' The-Wall -Konzert in London auf. Für ein Lied. Für Comfortably Numb , das es - You are only coming through in waves / Your lips move but I can't hear what you're saying – natürlich nur wegen Syd Barretts Wahn gibt. Weitere und schönere Wahnsinnsgeschichten für Fans in Michele Maris Mr. Pink Floyd .
 

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Kommentare

28 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Überflüssiger Artikel

Was bei der fehlerhaften Bildunterschrift beginnt, setzt sich bis zum Ende fort. Es ist nicht nötig, die verbliebenden Mitglieder von Pink Floyd als sammelwütige Dicke bei ihrer 180. Einzeltour abzukanzeln. Und so viel Neues erfährt der geneigte Zeit-Leser auch nicht wirklich. Dass das Fundament dieser großartigsten aller großartigen Bands von Syd Barrett gegossen wurde und die besten, weil bereits früh geschriebenen Songs von Syd Barrett geschrieben oder zumindest auf ihn und sein Gehirn zurückzuführen ist, ist bekannt. Dass Pink Floyd ohne den virtuosen David Gilmour und vor allem die dauerhafte Spannung zwischen ihm und Waters nicht so erfolgreich geworden wäre, bringt hoffentlich dieses Buch ans Licht. RIP Syd.

Die Techniker, die Industrie und die eigentlich Kreativen

Ich glaube jedenfalls nicht, dass solche Artikel überflüssig sind. Schließlich geht es nicht nur um Pink Floyd und Syd Barrett. Sondern es geht um ein Schema, das immer wieder auftaucht. Fast immer war da einer dabei der das, was die Band dann später als Produkt oder Marke ganz groß gemacht hat erfunden hat oder zumindest stellvertretend verkörperte. Der hat den großen Erfolg, der sich irgendwann einstellte in den meisten Fällen nicht erlebt. Das waren immer die Anderen. Die "Profis", mehr oder weniger begnadete Techniker, mit jedenfalls ausgeprägterem Bewusstsein als ihr genialer Genosse dafür, was denn wirklich Trumpf ist in der Realität. Musiker von denen Abertausende in den Studios ihre mehr oder weniger unauffälligen Existenzen fristen. Zu denen diese Jungs, die Gilmours und Co. vermutlich auch verdonnert gewesen wären. Wenn sie nicht die Chance gehabt hätten die Realitätsferne ihres Ex-Kollegen für ihre Vorteile auszunutzen. Nachdem er sich sang und klanglos aus dem verabschiedet hat, was sich, nachdem er die Blaupausen seiner Erfindung abgegeben hat sowieso zu etwas ganz ganz anderem entwickeln sollte. Zu einem Industrieprodukt nämlich, in dessen Kontext der eigentliche Erfinder mit seinen Verrücktheiten die Prozesse, um die es von da an vornehmlich geht sowieso nur gestört hatte.
Was ist das für ein Spiel, wenn es eines solchen Opfers ja anscheinend fast zwangsläufig bedarf um solche Ergebnisse hervorzubringen?

Re: Die Techniker, die Industrie und die eigentlich Kreativen

Zu Ihrer herzergreifenden Geschichte würden mich ein paar Beispiele interessieren. Mit Pink Floyd hat Ihre Story jedenfalls nichts zu tun. Syd Barrett hat die "Blaupause" für den Pink-Floyd-Sound der Siebziger nicht abgegeben, vielmehr hat die Band nach seinem Weggang in einem jahrelangen Prozess, der erst mit "Meddle" weitgehend und mit "Dark Side of the Moon" wirklich abgeschlossen war, zu ihrem typischen Stil gefunden.