In England ist was los! Am Freitag beginnt das legendäre Glastonbury-Festival , auch Woodstock Englands genannt. Nach Jahren der schlammigen, hedonistischen Party soll es jetzt endlich wieder politisch werden. Deshalb hat man den Weltverbesserer Bono und seine Kapelle U2 zum Headliner gemacht. Der Plan der Veranstalter ist aufgegangen: Lautstark regt sich Protest, nicht gegen Klimaerwärmung, Überfischung der Meere oder Armut in Afrika, sondern gegen Bono Vox höchstselbst.

Die Organisation Art Uncut will in Glastonbury demonstrieren, weil der Pop-Heilige Wasser predigt und Wein trinkt . Oder genauer, weil er keine Gelegenheit auslässt, für den Schuldenerlass in der Dritten Welt und die Erhöhung der Entwicklungshilfezahlungen zu werben, er allerdings 2006 den Unternehmenssitz der U2 Holding von Dublin nach Amsterdam verlegt hat, um Steuern zu sparen. In den Niederlanden zahlen Künstler keine Abgaben auf Lizenzeinnahmen. Art Uncut schreibt , U2 ermutigten damit einzelne Staaten, sich im Wettbewerb um die niedrigsten Steuersätze gegenseitig zu unterbieten. "So schwinden weltweit die Einnahmen, die den Regierungen für Gesundheit, Bildung und die öffentliche Hand zur Verfügung stehen."

Bono schadet seiner Heimat Irland und möglicherweise sogar den Armen der Welt, denn Entwicklungshilfe wird schließlich aus dem Fiskus bezahlt. Steuern sparen andere Unternehmer aber auch. Mick Jagger und die Rolling Stones verwalten ihre Güter ebenfalls in Amsterdam. Nur ist Micks Weste schon immer etwas grauer gewesen, während Bono sie im Scheinwerferlicht einer Dauerwohltätigkeitsveranstaltung bleicht. Seine Heiligkeit strahlt so hell, dass er nicht ohne Sonnenbrille auskommt. Er war Kandidat für den Chefposten der Weltbank und nominiert für den Friedensnobelpreis.

Dass ausgerechnet Bono... – aus einem ersten Reflex heraus möchte man Art Uncut unterstützen. Aus einem zweiten heraus auch, weil nämlich U2 seit Jahrzehnten unglaublich langweiligen Stadionrock macht. Und aus einem dritten, weil einem Bono als personifiziertes schlechtes Gewissen der Industrieländer mit seiner ewigen Mission und der Selbststilisierung zur mildtätigen NGO irgendwann wirklich auf den Geist geht.

Aber ist es nicht amoralisch, ihn anzuklagen? Er, der zweifellos viel Gutes getan hat, soll schlechter sein als viele seiner Kollegen, denen Rechtschaffenheit völlig abgeht. Nach dem Prinzip: Brandstiftung ist alltäglich. Aber wenn der Feuerwehrmann zündelt, ist es ein Skandal, weil man es nicht von ihm erwartet. Dem Moralisten fällt die Untat schwerer auf die Füße als dem Wendehals. Und sie bleibt dort liegen, Bonos Sparstrategie ist schließlich schon seit fünf Jahren bekannt.