Rock von John MellencampVolksmusik, die nicht grinst

Er pinkelte Ronald Reagan ans Bein und wurde zum Feindbild der Republikaner: John Mellencamp, die große Stimme des liberalen Amerika, spielte nach 19 Jahren mal wieder in Deutschland. von 

John Mellencamp während eines Konzerts im Februar in New York

John Mellencamp während eines Konzerts im Februar in New York  |  © Mike Coppola/Getty Images

Vor anderthalb Jahrhunderten verließ der Heuermann Johann Heinrich Friedrich Möllenkamp sein Heimatdorf Kalkriese im Osnabrücker Land. Er überquerte den Atlantik, erreichte Indiana und wurde Amerikaner. 2011 kehrte Möllenkamps Ururenkel in die Alte Welt zurück. Man kann nicht sagen, dass sie ihn triumphal empfing, obwohl am Berliner Tempodrom ein bemaltes Laken lappte: WELCOME JOHN MELLENCAMP!

Es gibt wohl keinen zweiten Rockmusiker, dessen amerikanische Popularität sich derartig von der europäischen unterscheidet. In den USA ist der 1951 geborene John Mellencamp seit Jahrzehnten ein Star und Hitlieferant, zudem eine markante Stimme des liberalen Amerika. Gemeinsam mit Willie Nelson begründete er 1985 die Farm-Aid -Konzerte. Im Song Country Gentleman pinkelte er Ronald Reagan ans Bein und verfluchte den zweiten Irak-Krieg beizeiten. Seine Ode To Washington honorierte das republikanische Radiovolk mit Ekelanrufen: Mellencamp sei so hassenswert wie Osama bin Laden. Der Barde hatte in Woody-Guthrie-Manier George W. Bush besungen: And he wants to fight with many / and he says it's not for oil / He sent out the National Guard / To police the world / From Baghdad to Washington / What is the thought process / To take an humans life / What would be the reason / To think that this is right / From heaven to Washington / From Jesus Christ to Washington.

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Das unpatriotische Schandstück, enthalten auf dem Album Trouble No More , ist purer Mellencamp. Dessen bodenständiger Idealismus gründet auf Herzland-Pathos, Distanz zur Machtzentrale, Sozialgewissen und Empathie für die sogenannten kleinen Leute. Und die Musik? Midwest-Mainstream, süffiger Wurzelrock mit Herzgrabsch-Qualitäten. Mit Recht sieht sich Mellencamp seit Scarecrow (1985) als Americana-Ahnvater. Aus Europas Sicht blieb er allerdings im Schatten der Highway-und-Hemdsärmel-Ikone Bruce Springsteen.

Ja, das ist ungerecht. Und das Tempodrom (4.200 Plätze) wirkt keineswegs ausverkauft, obwohl oder weil Mellencamp sich hierzulande seit 19 Jahren nicht blicken ließ. Unser Nachbar, Berliner Granitgesicht, instruiert vor Konzertbeginn seinen halbwüchsigen Sohn: "Ditt wird nüscht Besondret, sone Typen jips jenuch in Amerika: Joe Ely, Joe Grushecky …" Wir fragen den Nachbarn nach dem Grund seiner werten Anwesenheit. "Ick bin Fan. Hab die Karten im Radio jewonn."

John Mellencamp –  Our Country

Jetzt geht es los, zum allgemeinen Befremden. Das Volk will Konzert und landet im Kino. Mellencamps Show beginnt mit Kurt Markus' impressionistischer Dokumentation It's about you . Der Film erzählt die Erschaffung des nostalgischen Albums No Better Than This . Mellencamp ist in die Brunnenstuben der US-Musikgeschichte gepilgert: ins Sun Studio nach Memphis, nach Savannah zur First African Baptist Church, nach San Antonio, wo Robert Johnson in Zimmer 414 des Gunter Hotels am 23. November 1936 den Crossroad Blues aufnahm. Der Neo-Archaiker Mellencamp produzierte sein Album in Mono, mit nur einem Mikrofon. Die spartanische Kamera folgt der Geschichtswallfahrt. Sie zeigt grünes Land und moribunde Metropolen. Eine Grübelstimme kommentiert: " Downtown America . Wie werden diese Städte in fünfzig Jahren aussehen? The fight has been lost ."

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