Hoffen und Harren hält manchen zum Narren. Seit zwanzig Jahren wartet nahezu ganz Deutschland auf die Allman Brothers Band, doch das große Mutterschiff des Bluesrock blieb aus. Jetzt ließ es Boote zu Wasser. Drei allmaneske Platten sind jüngst erschienen. Und soeben haben die Allmans hierzulande gespielt – nicht alle Brothers, aber vier von sieben. Es konzertierten die Bands der Gitarristen Warren Haynes und Derek Trucks und das Sextett des Gründervaters Gregg. Die Fans bejubelten auch die Filialen der Allman-Genossenschaft. Hier galt, was einst die SED propagierte: Wo ein Genosse ist, da ist die Partei.

Die Allman-Partei besteht aus Blues-, Rock-, Jazz- und Soul-Afficionados, die ihre 1969 gegründete Herzenscombo seit Jahrzehnten lieben. Meine Erweckung geschah am 17. März 1975. Die Lautsprecherbespannung des elterlichen Staßfurt-Radios knatterte in einem Gitarrensturm, der via Hessischer Rundfunk über die deutsch-deutsche Grenze gen Ostharz fegte. You Don't Love Me hieß der siebzehnminütige Live-Orkan und stammte vom Opus classicum des Bluesrock: The Allman Brothers Band at Fillmore East . 1971, zur Zeit der Aufnahme, bestand die Formation aus fünf wildbemähnten, weißen southerners und einem farbigen Schlagzeuger. Die Doppeldrums von Jaimoe und Butch Trucks trieben das jagende Spiel der Gitarristen Duane Allman und Dickey Betts. Deren wilden Ritten schloss sich der Bassist Berry Oakley an. Gregg Allman, Duanes jüngerer Bruder, orgelte fliegende Hammond-Schleier und soulte Schmerzen, dass es den Hörer überlief: I feel like I'm goin' to die …

Der Tod war längst zu den Allmans gekommen. Bereits 1971 hatte sich Duane Allman im heimatlichen Macon/Georgia auf seinem Motorrad zu Tode gerast. Ein Jahr später starb der Bassist Oakley auf ebendiese Art am selben Ort. Die Überlebenden machten weiter. Mit Eat A Peach und Brothers and Sisters gelangen noch Prachtplatten; dann folgte Mittelmaß. Nach Brothers Of The Road (1981) gab die Band auf. Die Gitarrenhelden-Zeit des Southern Rock war vorbei.

Die der Allmans kehrte wieder. 1989 gingen sie auf Reunion-Tour, fanden alten spirit und produzierten das vorzügliche Album Seven Turns . 1990 sah ich sie erstmals, in Concord/Kalifornien, unterm Vollmond an der San-Francisco-Bay. Gereifte Werke erschienen – Shades of Two Worlds (1991), Where It All Begins (1994), Hittin' The Note (2003), dazu Live-Aufnahmen, gekrönt von der Dokumentation des March Madness , der alljährlichen ABB-Konzertserie im New Yorker Beacon Theatre. Ich sah die DVD, war erschlagen, musste hin, im März 2004.

Dann saß ich im Beacon, am Broadway, Ecke 73. Straße. Das plüschige Theater, 1929 eröffnet, gilt New Yorker Rockfans als ihre gute Stube. Dreitausend Menschen strömten ein. Die beißende Süße des Krauts belud die Luft. Im Bühnendämmer hantierte ein älterer Herr in kurzen Hosen, der kontemplativ eine Pauke streichelte. Still fing er an, pochte härter, zog Trommeln zu Rate. Dann saß er hinter den Drums und war Butch Trucks, Schlagzeuger der Allman Brothers. Nun zogen sie ein. Gregg Allman klemmte sich hinter seine antike Orgel. Jaimoe und Marc Quiniones bestiegen ihr Trommelgebirge. Rechts baute sich der Bassist Oteil Burbridge auf. Vorn an der Rampe standen die Gitarristen Warren Haynes und Butch Trucks' Neffe Derek, mit 24 Jahren das Kind der Band.

Sie spannten an und jagten ihre alte Kutsche durch eine William-Faulkner-Welt aus Hitze und Passion. Die Slide-Gitarren woben schwarzblaues Gespinst, das Schlagwerk klöppelte einen schweren Teppich; und nun stieg er, schaukelte, flog. Zu Häupten der Band flackerten Sumpfbilder aus Floridas Bayous und psychodelische Farb-Halluzinationen, als wäre just die Hippie-Ära angebrochen. Die Allmans spielten auch zwei Klassiker der Grateful Dead, Franklin's Tower und Stella Blue , doch Ikonen der sogenannten Gegenkultur sind sie nie gewesen. Dead-Musik klingt licht und folkig abgedreht, erschaffen aus Wasser und Luft. Der Allman-Sound ist dunkel und seelenschwer; seine Elemente heißen Feuer und Erde. Die Musik schleppt Bürden der Vergangenheit, mit Kraft statt Charme. Nach drei Stunden Arbeit trat die Bluesbruderschaft ab, im Schweiße ihres Publikums. Sie wurde zurückbefohlen, fetzte ein ekstatisch mitgebrülltes One Way Out und wünschte Gute Nacht.

Nicht ein Stück vom ersten Abend erklang am zweiten. Am dritten gab es wenige Reprisen, aber in Variation. Kein Konzert glich einem anderen. All dies war amerikanische Hochkultur. Die Ironie des Pop, seine momentanen Lüste, seine Abkürzungen und Reduktionen sind den Allman Brothers fremd. Alles wird episch formuliert und ausgespielt. Nach neun Konzerten, nach 27 Stunden Musik war ich zutiefst befriedigt und erschöpft. Drei Monate besuchte ich kein Konzert. Nichts anderes schien gut genug zu sein.

Der Dresscode empfiehlt Allman-Brothers-T-Shirt

Das geschah, wie gesagt, 2004. Neue Allman-Aufnahmen blieben aus, bis im Frühjahr 2011 Greggs Low Country Blues erschien. Der Produzent T-Bone Burnett verjüngte den alten Allman, indem er ihn in archaische Sounds zurückverwies. Unk-Bass, Tunk-Klavier und saxofonöse growls betten die vernutzte Stimme in einen patinierten Klang, der noch nichts und nichts mehr mit Rockmusik zu tun hat. Sodann veröffentlichte Warren Haynes' Man In Motion – auch dies ein Weg zurück. Haynes spielt und singt Soulfunk, wobei der Kraftmensch nicht auf sein muskulöses Gitarrenspiel verzichtet. Den Kompositionen fehlt die Ruhe, die moll-pathetische Brillanz, die Haynes mit seiner Band Gov't Mule erreicht; dennoch ist Man In Motion eine gute Platte. Superb geriet die dritte Neuerscheinung Revelator von der ehegemeinschaftlichen Tedeschi Trucks Band. Susan Tedeschi singt herzinniglich wie Bonnie Raitt minus Pop-Appeal, mit fulminanter Dynamik zwischen Stille und Schrei. Ihr Gatte Derek dient den Songs mit preziöser Gitarre, ohne uferlose Virtuosität.

Das wird in Bonn zu hören sein. Zunächst nach Köln, zu Warren Haynes. Die Live Music Hall liegt im proletarischen Vorort Ehrenfeld. Ein aufgelassenes Fabrikgelände füllt sich mit reellen Männern und patenten Frauen. Der Dresscode empfiehlt Allman-Brothers-T-Shirts aller Zeiten und Tourneen. Und dann! Haynes steht an der Rampe und singt River's Gonna Rise . Diese Stimme ist ein beseeltes Herrschaftsinstrument. Sie gurgelt, brüllt und brodelt wie der korpulente Mann. So spielt er auch Gitarre: ganzkörperlich pumpend, zerrend, sich windend, in glücksgequälter Pein aus dem Exzess hinübertaumelnd ins Riff von Born Under A Bad Sign . Das Gospel-Girl Alicia Shakur und ein Quartett begleiten Haynes; bekannt ist der Tenorsaxofonist und notorische ABB-Gast Ron Hollway, der Sick Of My Shadow in ein ekstatisches Finale bläst. Zur Halbzeit des Konzerts ist Holloways Hemd ein triefend nasser Sack.

Nach der Pause beginnt Haynes solo. Zur akustischen Gitarre singt er Railroad Boy und Gordon James vom jüngsten Gov't-Mule-Album By A Thread , Van Morrisons Listen To The Lion , dann den ABB-Klassiker End Of The Line . Die Band kehrt zurück und erklimmt Haynes' Höhen zum zweiten Mal. Hattiesburg Hustle folgt, Man In Motion , schließlich der Choral: Soulshine is better than sunshine, better than moonshine, damn' sure better than rain .

Was unterscheidet die beiden Gitarristen der Allman Brothers Band? Das frage ich Derek Trucks, drei Tage später, in Bonn. Neben ihm sitzt Susan Tedeschi und bekost den Gatten. Neun Jahre älter ist sie, doch man spürt erstaunt: Das passt. Beide tragen um den Hals das gleiche Amulett: eine silberne Feder.
"Warren und ich, wir sind wie Yin und Yang", sagt Derek. "Ich bin mehr Yin. Warren spielt aggressiver, er kommt aus der klassischen Rock-Ära. Mountain, Led Zeppelin – das hat mich nie besonders interessiert. Ich habe mehr indische Musik gehört. Ähnlich sind unsere Blues- und Jazz-Einflüsse."
"Und Warren singt. Warum du nicht?"
"Ich konnte immer alles mit der Gitarre ausdrücken."

Derek Trucks galt als gitarristisches Wunderkind. Sein Vater, beinharter Allman-Brothers-Fan, sorgte für entwicklungsfördernde Beschallung des Knaben. Mit neun Jahren erlebte Derek die Allmans erstmals live, mit zwölf stand er professionell auf der Bühne. Aber was er spielte, war erwachsene Musik. Wie das?
" I don't know ”, sagt Susan Tedeschi. " He's an alien . Oder die Reinkarnation von jemand anders, who knows ?"

Trucks spricht von Jacksonville/Florida, wo er aufwuchs, vom deep south , wo diese Musik allgegenwärtig sei. Man sauge sie auf wie ein Schwamm. Mit Allman-Platten, mit Eric Claptons Derek & The Dominos , mit Elmore James und B.B. King sei er ins Bett gegangen und erwacht. "Das verändert deine musikalische DNS", sagt Trucks. "Für eine Zeit kannst du die ganze Welt durch diese Linse sehen. Dann kamen für mich John Coltrane und Wayne Shorter . Dann war's indische Musik. Und so weiter, das passierte seit meiner Kindheit zwanzig Mal. Du brauchst eine Obsession."

Aus völlig anderer Umgebung stammt Susan Tedeschi. Sie wuchs katholisch im Nordosten auf und sang im Kirchenchor. "Das war mir", sagt sie, "als würden Freiheit und Spiritualität in eine Schachtel gepackt. Ich suchte Erregung, soulfulness , nicht Perfektion, doch in Norwell/Massachusetts konnte ich das nicht finden. Mein Vater machte mir ein Fenster auf. Die Staple Singers und Sam Cooke berührten mich. Billie Holliday , Aretha Franklin, Big Mama Thornton, Koko Taylor ... Was dich berührt, inspiriert dich."

Für jemanden, der erst mit 23 Jahren zur E-Gitarre fand, spielt Susan Tedeschi sehr respektabel. Sie selbst nennt sich limitiert. Mit Derek begleite sie endlich ein perfekter Gitarrist.

Das Paar muss zum Soundcheck. Am Bonner Museumsplatz sammelt sich das Allman-Volk, kaum mehr als zweitausend Pilger. Bonn ist der einzige Ort, wo man Tedeschi/Trucks und die Gregg Allman Band erleben kann (in Bälde auch im Radio; der Deutschlandfunk schneidet mit). Die Getreuen sind weit gereist. Aus Fredericia/Dänemark kommen Nicky, Ronny, Brian und Allan; zusammen ergeben sie 50 Prozent der jütländischen Allman Brothers Jam Band . Sehr gern würden sie ja mal in Deutschland spielen.

Jetzt zieht die Tedeschi Trucks Band ein, elfköpfig, mit einer jugendfrischen Brass- und Gospel-Abteilung sowie dem Allman-Brothers-Bassisten Oteil Burbridge, dessen Bruder Kofi Keyboards und Flöte spielt. There is no colour in music , dennoch fällt auf, dass diese Truppe, wie die von Warren Haynes und Gregg Allman, fast durchweg afroamerikanisch besetzt ist. Trucks messert auf der Slidegitarre seine hochfahrenden Glissandi. Tedeschi brilliert mit subdominanten Soli und delikater Expression. Bound For Glory : Besinnung und Eruption. Spätestens mit Eric Claptons Anyday erinnert das Paar an Delaney & Bonnie. Finale. Die jütländischen Allmans sind begeistert. Ronny stöhnt: "Fantastisch! Goosebumps, all the time !"

Niemand ahnt, dass Allman alle weiteren Konzerte absagen wird

Mit Rührung sieht man den alten Allman auf die Bühne kommen. Und denkt daran, was er sagte, als 2004 Ray Charles starb: I thought he had ten more years in him . Charles war 73. Gregg Allman ist 63 und wirkt älter, doch erholt von seiner vorjährigen Lebertransplantation. Er trägt zwei Hörgeräte und immer noch den schönen blonden Zopf. Er beginnt mit dem ABB-Klassiker Don't Keep Me Wondering , gefolgt von I'm No Angel , aus dem schwächeren Solo-Album von 1986. Vom neuen Werk gibt's Tears In My Eyes und Just Another Rider . Das Volk brüllt nach Allman-Brothers-Material. Und bekommt den Statesboro Blues , Dreams (mit Derek Trucks), Melissa , Whipping Post , als Zugabe One Way Out . Die solide Band spielt bündig, bar der hybriden ABB-Virtuosität. Gregg, kein auffälliger Gitarrist, verlässt ein ums andere Mal seine Orgelbank und greift zur Klampfe. In den bewegendsten Minuten des Abends singt er brüchig These Days , eine Grübelei, die sein so völlig verschiedener Freund Jackson Browne mit 16 Jahren schrieb: Well I've been out walking / I don't do that much talking / These days (…) Please don't confront me with my failures / I'm aware of them.

Und dann ist es vorbei.
Niemand ahnt, dass dieses erste Konzert auch das letzte auf Allmans deutscher Visite ist. München, Nürnberg, Tuttlingen und das Burg-Herzberg-Festival werden abgesagt, wegen einer schweren Lungeninfektion. Liegend, im Sauerstoffzelt, fliegt Allman zurück in die USA.
"Gibt es in dieser Musik einen Fortschritt", hatte ich Derek Trucks gefragt. "Oder schreitet man nur im eigenen Leben voran?"
"Beides", sagte Trucks. "Einige unserer Platte sind formal einzigartig. Klassik und Blues, dreißigminütige Improvisationen über Coltrane-Themen hat es vorher nicht gegeben. Es ist ja auch viel mehr Weltmusik erhältlich als vor zwanzig Jahren."
"Ravi Shankar 1969 in Woodstock …"
"Ja", lachte Trucks, "der war damals der einzige Exot. Genres interessieren mich nicht. Wenn du einer Musik wirklich zuhörst, dann begreifst du ihre Emotion, jenseits der Sprache. Du findest immer und überall Bezüge – die Herkunft, die Wurzeln des family tree . Auch bei einem Wildling wie Hendrix kannst du sagen: Das kommt von Curtis Mayfield, das ist Dylan … Bloß gibt es eine Menge Leute, die halten zum Beispiel die White Stripes für Genies und wissen nicht, wer Son House war. Ich denke, unsere Hörer sind etwas besser gebildet. Wir versuchen unser Publikum zu erziehen."
"Kunsterziehung im Konzert?"
"Künstler", sagte Trucks, "tun oft, als wären sie Erfinder. Jeder Musiker ist zunächst Hörer. Wir nehmen eine Form und machen daraus was anderes. Keine Musik kommt aus dem Nichts."

Drei Tage nach Bonn spielte in Hamburg abermals Warren Haynes. Er variierte sein Solo-Set und fusionierte Soulshine mit Van Morrisons Tupelo Honey . Der warme, trockene Sound der Fabrik war bekömmlicher als die Überlautstärke von Köln. Die Menge schied zufrieden, gesegnet vom Victory-Zeichen des strahlenden Haynes. Dessen Musiker wirkten eher wie Begleiter denn als Band. Etwas zu monoton betrieben Haynes & Co. die vitale Flucht nach vorn, in ohrenbetäubende Steigerungen des Funk. An Kraft mangelte es keineswegs, doch an der Dynamik von Gov't Mule, ganz zu schweigen von der der Allman Brothers Band.

Aber deren Abglanz konnte man erleben in dieser deutschen Juliwoche 2011. Und in Hamburg außerdem eine großartige Ausstellung mit Werken William Turners: Gemälde und Aquarelle vom Fänger des Lichts, unterteilt in die Kapitel Luft, Wasser, Feuer, Erde und Fusion. Turner (1775 – 1851) gilt als Urvater des Impressionismus und als Pionier der Abstraktion. Seine leuchtenden Bilder ehren den Gegenstand wie die Imagination. Sie zeigen, was man wissen muss und geben die Empfindung frei. In Meeresstürmen und Wolkenglut, im Schöpfungschaos der Welt erscheint einiges, das man erkennt. Darunter ist manches, das man versteht. Etliches vom Verstandenen lässt man in sich dringen. Mitunter birgt es, was man liebt.
So höre ich Musik. So liebe ich die Allman Brothers.

Gregg Allman – Low Country Blues (Umgd/Rounder)
Warren Haynes – Man In Motion (Mascot Records/Rough Trade)
Tedeschi Trucks Band – Revelator (Sony Classical)