Filmmusik zu "Harry Potter"Im Kino die Gänsehaut hören

Der preisgekrönte Komponist Alexandre Desplat hat den Soundtrack zum neuen "Harry Potter" geschrieben. Grund genug, sich ein zu Unrecht vernachlässigtes Musikgenre genauer anzusehen. von 

Klingt nach Unheil: Harry, Hermine und Ron auf der Suche nach den "Heiligtümern des Todes"

Klingt nach Unheil: Harry, Hermine und Ron auf der Suche nach den "Heiligtümern des Todes"  |  © Warner Bros.

Klirren! Allein das Wort klingt. Nach knochendürren Ästen, die nachts das Fenster streifen. Nach Glasscherben, die darauf warten, dass sich ein nackter Fuß über ihnen senkt. Nach zerbrochenen Hoffnungen, die vom Schicksal zermalmt werden. "Sie haben keine Chance. Er ist hinter Ihnen her, Mr. Potter!" sagt der alte Ollivander zum Zauberlehrling. In den Hintergrund klirren Geigen ein unheilvolles col legno : Mit dem Bogenholz statt mit dem Haar springen sie auf den Saiten. Hören wir etwa den kalten Schauder, der Harry Potter in diesem Moment erfasst?

Es ist eine stille Szene zu Beginn des zweiten Teils der Heiligtümer des Todes , der gerade in die Kinos gekommen ist. Tageslicht scheint in Ollivanders Zimmer, doch die Musik verbreitet eine Dunkelheit, die den Zuschauer ahnen lässt, was nun auf Harry, Ron und Hermine zukommt.

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Geschrieben hat sie der Franzose Alexandre Desplat. Der 49-Jährige ist einer der begehrtesten Filmmusikkomponisten dieser Tage. Viermal war er schon für den Oscar nominiert, für den Soundtrack zu The King's Speech bekam er den Bafta-Award , für Der Ghostwriter den César. In der Harry-Potter -Saga trat er 2010 das akustische Erbe von John Williams, Patrick Doyle und Nicholas Hooper an. Sie gaben den ersten sechs Folgen eine musikalische Entsprechung.

Filmmusik ist nicht bloß eine Untermalung oder ein klingendes Möbelstück, das zufällig in der Szenerie rumsteht. Sie bedient sich mal eindrücklicher, mal subtiler Stilmittel und lenkt damit unsere Wahrnehmung der Bilder. Man müsste sie nur mal abschalten oder durch den Radetzky-Marsch ersetzen: Uffza, Uffza, Tirili – Er ist hinter Ihnen her!

Oft wirkt sie im Geheimen, man spricht nicht drüber. Im 100-seitigen Presseheft zum neuen Harry-Potter -Film widmet sich lediglich eine dem Filmmusikkomponisten Desplat. Allerdings nur seinen beeindruckenden Erfolgen, nicht etwa der Struktur oder Wirkung seines Scores.

Soundtrack, Score, Filmmusik – im Kino stehen sie als Diener im Schatten der Bilder. Erst außerhalb des Popcorn-Dunstkreises dürfen sie sich entfalten. Die Radiowellen verkaufen Filmmusik als Klassik von heute, weil ja ein Orchester spielt. Und in den Sommerpausen füllen irgendwelche Sinfoniker mit irgendwelchen Soundtracks irgendwelche Konzertsäle. Sie ist Funktionsmusik, die erst gehört wird, wenn sie von ihrer Funktion befreit ist.

Doch obwohl ihre Komponisten ähnlich den Synchronsprechern nur selten im Mittelpunkt stehen: Viele von ihnen schätzen die Arbeit an der Filmmusik. "Einige Stücke, die ich für den Film geschrieben habe, haben einen afrikanischen, jazzigen oder brasilianischen Puls", erzählte Alexandre Desplat vor einem Jahr in einem Interview über seinen ersten Potter -Soundtrack. "In einem anderen Musikgenre könnte ich so nicht komponieren. In dieser Fantasiewelt eröffnet sich eine Welt der außergewöhnlichen Klänge, mit denen man spielen kann."

Auch sein großer Landsmann und Kollege Michel Legrand, der in den vergangenen 50 Jahren die Charaktere von Romy Schneider, Catherine Deneuve oder Steve McQueen in Musik gegossen hat, liebt die Vielseitigkeit seines Berufs. "Als Filmmusikkomponist sollte man alle Arten der Musik schreiben können, Jazz, Klassik, altertümliche, elisabethanische, moderne", sagt er. "Wenn Sie mich bitten, einen Mozart für Sie zu schreiben, mache ich das. Und niemand könnte sagen, dass es nicht er war."

Leserkommentare
  1. "Anlass für einen Blick auf das zu Unrecht vernachlässigte Genre Filmmusik."
    Wenig Ahnung, was? "Filmmusik" - auch wenn ich sie nicht besonders mag: zuviel Geklautes von "Klassikern" des 19. Jahrhunderts dabei - ist ein s e h r populäres Genre bei den Käufern.
    Sogar die Radiosender mit eigentlich "klassischer Musik" bringen häufig diese Art von meist recht seichter Gebrauchsmusik; eben weil sie bei den Hörern so populär ist, leider oft mehr als die Originale.

    2 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Liebe/r maxizwo,

    vielleicht haben Sie mich missverstanden. Ich erwähne ja im Artikel, wie Klassikradios und Publikum auf Filmmusik reagieren. Allerdings spielt die Filmmusik in ihrer angestammten Funktion, nämlich als emotionale Verstärkung der Bilder, leider meist eine untergeordnete Rolle. Wäre es anders, ginge es den Komponisten besser.

    Beste Grüße aus der Redaktion!

    • 3cpo
    • 14. Juli 2011 11:00 Uhr

    eher, dass Sie wenig Ahnung von Filmmusik haben. Filmmusik beschränkt sich nicht nur auf "klassische" Musik. Und wenn, dann gibt es genug Beispiele für hervorragende, klassisch anmutende Musik wie die von John Williams, Jerry Goldsmith oder einem experiementellen Leonard Rosenman. Trent Reznor, Kopf von Nine Inch Nails komponierte beispielsweise den Soundtrack zu "The social Network". Eine unglaublich gute Musik, die dem Film, egal ob man ihn mag oder nicht, das i-Tüpfelchen dessen gibt, was M.Z zu schaffen macht: Einsamkeit und Zweifel. Eine Filmmusik interpretiert das Visuelle auf eigene Art und Weise, aber, und das ist das Schwierige, im Einklang mit dem Gesehenen. Allerdings haben Regisseure sich auch schon oft gegen die für den Film komponierte Musik entschieden und auf Klassiker zurück gegriffen wie zum Beispiel T.Malick in "Die neue Welt" auf Wagner oder ganz berühmt, Kubrick in 2001 auf Ligeti. Ein Star Wars Soundrack ist immer noch ein fantastisches Werk, in dem John Williams den Charakteren unterschiedliche Themes zugeordnet hat, die auch immer wieder beim Auftauchen der Darsteller in der Instrumentierung variieren. Wie schon im Artikel beschrieben: Filmmusik ist nicht nur die einfache Vertonung eines Bildes, sondern eine Interpretation die das Visuelle emotional verstärkt. mfg

  2. Redaktion

    Liebe/r maxizwo,

    vielleicht haben Sie mich missverstanden. Ich erwähne ja im Artikel, wie Klassikradios und Publikum auf Filmmusik reagieren. Allerdings spielt die Filmmusik in ihrer angestammten Funktion, nämlich als emotionale Verstärkung der Bilder, leider meist eine untergeordnete Rolle. Wäre es anders, ginge es den Komponisten besser.

    Beste Grüße aus der Redaktion!

    Antwort auf "... vernachlässigt? "
    • 3cpo
    • 14. Juli 2011 11:00 Uhr

    eher, dass Sie wenig Ahnung von Filmmusik haben. Filmmusik beschränkt sich nicht nur auf "klassische" Musik. Und wenn, dann gibt es genug Beispiele für hervorragende, klassisch anmutende Musik wie die von John Williams, Jerry Goldsmith oder einem experiementellen Leonard Rosenman. Trent Reznor, Kopf von Nine Inch Nails komponierte beispielsweise den Soundtrack zu "The social Network". Eine unglaublich gute Musik, die dem Film, egal ob man ihn mag oder nicht, das i-Tüpfelchen dessen gibt, was M.Z zu schaffen macht: Einsamkeit und Zweifel. Eine Filmmusik interpretiert das Visuelle auf eigene Art und Weise, aber, und das ist das Schwierige, im Einklang mit dem Gesehenen. Allerdings haben Regisseure sich auch schon oft gegen die für den Film komponierte Musik entschieden und auf Klassiker zurück gegriffen wie zum Beispiel T.Malick in "Die neue Welt" auf Wagner oder ganz berühmt, Kubrick in 2001 auf Ligeti. Ein Star Wars Soundrack ist immer noch ein fantastisches Werk, in dem John Williams den Charakteren unterschiedliche Themes zugeordnet hat, die auch immer wieder beim Auftauchen der Darsteller in der Instrumentierung variieren. Wie schon im Artikel beschrieben: Filmmusik ist nicht nur die einfache Vertonung eines Bildes, sondern eine Interpretation die das Visuelle emotional verstärkt. mfg

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "... vernachlässigt? "
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    Volle Zustimmung zu Ihrem Kommentar!

    John Williams ist für mich auch immer wieder DIE Referenz, wenn es um hervorragend komponierte und instrumentalisierte Programmmusik geht.

    Es versetzt mich immer wieder in Verzückung, wenn in einer Musikpassage plötzlich einfach irgendein Holzblock ein einziges Mal auftaucht. Oder wenn im letzten Ton einer Kadenz kurz eine Piccoloflöte einsetzt. Dieser Mann ist für mich ein Kompositionsgenie unserer Zeit.

    In Filmforen wie der imdb.com kann ich mich regelmäßig über die mittelmäßigen Kompositionskünste heutiger Filmkomponisten erregen, die meinen, es reiche, Spannung mit Akkorden, die stur über einen vollen Takt von Streichern gehalten werden, zu erzeugen. Man merkt sofort, dass hier am Rechner und nicht mit einem Orchester vor Augen komponiert wird. Einfallslosigkeit allenthalben.

    Schlimme Beispiele für schlechte Kompositionen sind für mich z. B. die Filme "Wolfman" und "Thor". Gerade Thor war ein Meisterwerk; aber die Filmmusik?!?

  3. Meiner Meinung nach ist Filmmusik kein vernachlässigtes Genre, sondern neben Game-Musik stark im kommen (besonders in Japan hat Spielmusik einen sehr hohen Stellwert!). Aber es ist eben kein Mainstream-Pop, Rock oder R'n'B, der es in die Charts schafft. Aber so geht es vielen Genres, leider. ;)

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    Redaktion

    ...ist ein neues Feld, auf dem sich gerade viele kleinere Filmmusikkomponisten umschauen, die allein von TV und Kino nicht mehr leben können. Auch das wurde bei den Symposien in München und Hamburg besprochen. Die Schwierigkeit für den Komponisten besteht dann allerdings darin, dass er die Musik nicht mehr linear anlegen kann, weil der Games-Spieler ja den Verlauf der Handlung bestimmt. In diesem Subgenre muss man viel mit Schleifen arbeiten, die sich solange wiederholen, bis der Akteur eine neue Stimmungswelt betritt. Form follows function, die Ansprüche an die Komposition verändern sich.

  4. Redaktion

    ...ist ein neues Feld, auf dem sich gerade viele kleinere Filmmusikkomponisten umschauen, die allein von TV und Kino nicht mehr leben können. Auch das wurde bei den Symposien in München und Hamburg besprochen. Die Schwierigkeit für den Komponisten besteht dann allerdings darin, dass er die Musik nicht mehr linear anlegen kann, weil der Games-Spieler ja den Verlauf der Handlung bestimmt. In diesem Subgenre muss man viel mit Schleifen arbeiten, die sich solange wiederholen, bis der Akteur eine neue Stimmungswelt betritt. Form follows function, die Ansprüche an die Komposition verändern sich.

    Antwort auf "Naja..."
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    Games-Musik hat meinen hohen Respekt. Deren Kompositionen übertreffen die aktuellen Kinokompositionen bei weitem. Insbesondere, wenn man - wie Sie - bedenkt, dass die Musik dem aktuellen Spielverlauf folgen und die aktuelle Stimmung wiedergeben muss.

    Ich denke da zum Beispiel an das Spiel "Soldier of Fortune", dass ich vor vielen Jahren eine Zeit lang gespielt hatte. Diese Kompositionen, diese Interaktion, diese Emotionalität... das war ganz großes Kino.

    Games-Musik hat meinen hohen Respekt. Deren Kompositionen übertreffen die aktuellen Kinokompositionen bei weitem. Insbesondere, wenn man - wie Sie - bedenkt, dass die Musik dem aktuellen Spielverlauf folgen und die aktuelle Stimmung wiedergeben muss.

    Ich denke da zum Beispiel an das Spiel "Soldier of Fortune", dass ich vor vielen Jahren eine Zeit lang gespielt hatte. Diese Kompositionen, diese Interaktion, diese Emotionalität... das war ganz großes Kino.

  5. ...höchstens von den Medien. Ich kaufe seit Jahren nur noch Filmscores. Man sollte sich aber sowieso nichts vormachen, viele Bereiche der modernen Musik werden in den Medien schlicht unterschlagen. Oder liest man auf der Zeit von der neuesten Indie-Blackmetalplatte?

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    Redaktion

    Nun, die neuste Metal-Platte ist es nicht, aber eine sehr interessante:
    http://www.zeit.de/kultur...

    Und hier was über Metal-Forschung:
    http://www.zeit.de/kultur...

    Wir bemühen uns. :-)

  6. Iich will bei der Gelegenheit nur mal eine Empfehlung loswerden. Diejenigen, die eienen qualitativen Unterschied sehen zwischen Gamemusuik und Filmmusik, die sollten sich vergegenwertigen, dass Filmmusikkomponisten auch viele Spiele musikalisch untermalen und diese Musik der Filmmusik in nichts nachsteht.

    Die Soundtracks, die Harry Gregson Williams für Spiele wie Metal Gear Solid 2 geschrieben hat. Oder Hans Zimmer: Coll of Duty Modern warefare 2 sind echt großartige Soundtracks. Und können sich mit polulären Soundtracks von Gladiator oder herr der ringe messen.

  7. Redaktion
    8. Metal

    Nun, die neuste Metal-Platte ist es nicht, aber eine sehr interessante:
    http://www.zeit.de/kultur...

    Und hier was über Metal-Forschung:
    http://www.zeit.de/kultur...

    Wir bemühen uns. :-)

    Antwort auf "Vernachlässigt..."
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    :)

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