Vor einigen Wochen fragte sich Volker Schmidt in einem Artikel: Wo bleibt der deutsche Jazz? Auf der Suche nach einer Antwort blieb er bei dem großen Münchner Label ACT und dessen neuesten Veröffentlichungen hängen. Zu Wort kamen Musiker aus der Reihe young german jazz sowie deren Produzent und Labelchef. Die Lektüre empörte viele Musiker und Musikschaffende: Sollte hier nun auf neue CDs hingewiesen oder einer interessanten Frage nachgegangen werden?

Volker Schmidts Beitrag war irreführend und hat dem deutschen Jazz keinen Gefallen getan: Die im Artikel zu Wort kommenden Bands spiegeln in keiner Weise die erstaunliche Entwicklung, die der Jazz hierzulande künstlerisch und qualitativ genommen hat. Sein Artikel ist symptomatisch für den Versuch marktbestimmender deutscher Labels und Festivals, unter dem Begriff "Jazz" eine zunehmend nivellierte Wohlfühlmusik zu verkaufen. Diese Tendenz ist kontraproduktiv, sie wird kaum nachhaltig ein neues Publikum begeistern und verzerrt das Bild von einer großen Kunstform.



Alle deutschen Künstler, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten erfolgreich waren, teilen eine Gemeinsamkeit: Es sind eigenständige Stilisten, die auf ihrem Instrument Einzigartiges erreicht haben. Ihre Musik ist von dem geprägt, was Jazz groß macht: Innovation, Kompromisslosigkeit, Authentizität und Integrität. Bemerkenswert ist auch, dass sie im Ausland oft große Aufmerksamkeit erfahren, während sie daheim eher Unbekannte bleiben. Das gilt für die erste Generation großer deutscher Jazzmusiker wie Albert Mangelsdorff, Peter Brötzmann (Preis für sein Lebenswerk beim New Yorker Visions Festival 2011), Alexander von Schlippenbach, Aki Takase, Joachim und Rolf Kühn, Gunter Hampel, "Baby" Sommer. Und auch für die mittlere Generation wie Frank Gratkowski, Gebhard Ullmann, Frank Möbus, Rudi Mahall oder Nils Wogram.

Hierzulande geschieht seit einigen Jahren Erstaunliches: In Köln, Hamburg, München, den zahlreichen Städten mit eigenem Jazzstudiengang, und vor allem in Berlin wird geforscht und experimentiert, Kollektive gründen sich, Festivals und Konzertreihen werden selbst organisiert. Berlin wirkt wie ein Magnet auf die internationale Szene und gilt mittlerweile, nach New York, als weltweit herausragende Jazzmetropole. Viele Musiker von internationaler Bedeutung haben die Stadt zu ihrer Wahlheimat gemacht.

Der Nachwuchs zeigt sich abenteuerlustiger und spielwütiger denn je und die Vernetzung einzelner Szenen funktioniert generationenübergreifend auf nationaler und internationaler Ebene. Man sieht viele neue und junge Gesichter auf Konzerten. Beispielhaft für die innerdeutsche Kulturszene sind die enge Zusammenarbeit zwischen Musikern aus den neuen und alten Bundesländern und die Entwicklung neuer Musik aus gewachsenen Traditionen. Künstlerisch gesehen geht es dem deutschen Jazz also hervorragend.

Wir spüren in vielen Konzerten und Begegnungen, dass das Publikum der gefälligen, reproduzierten Stereotype müde ist. Ebenso sind die Menschen es müde, den Elfenbeinturm einer künstlerischen Elite erklettern zu müssen. Dies ist eine Chance für das, was Jazz auszeichnet und ihn nach wie vor für ein großes Publikum attraktiv und unersetzbar wertvoll macht. Jazz ist in seinem Wesen eine spirituelle Musik jenseits von Religionen – Improvisation ist eine verbindende globale Sprache von Menschen, verwurzelt in allen Kulturen – und passt wie kaum eine andere Musik in ihrer Vielfalt in das neue Jahrtausend.

Uns Musikern ist es besonders wichtig zu betonen, dass Jazz in erster Linie Live-Musik ist. CDs und Plattenlabels existieren nur, weil Musik auf der Bühne gespielt und entwickelt wird. Die mediale Berichterstattung reduziert sich zu oft auf die Perspektive der Plattenindustrie, die seit Jahren in einer ernsten Krise steckt. Stattdessen sollte konstruktiv und mit Sachverstand über Konzerte und Tourneen, Musikerkollektive und Konzertreihen der Jazzszene berichtet werden, und das in größerem Umfang. Nur wenn diese Musik medial angemessen gewürdigt wird, hat sie auch die Chance, ein breiteres Publikum zu erreichen. Kommen die Leute erst einmal zu Konzerten, lassen sie sich auch begeistern.