Junge Musikszene : Jazz aus Deutschland? Hören Sie hier!

Vor einigen Wochen fragte unser Autor Volker Schmidt: Wo bleibt der deutsche Jazz? Die Szene war irritiert. Ph. Gropper, U. Kempendorff und U. Steinmetz antworten.
Drei Berliner Saxofonisten schreiben über die Szene aus ihrer Sicht.

Vor einigen Wochen fragte sich Volker Schmidt in einem Artikel: Wo bleibt der deutsche Jazz? Auf der Suche nach einer Antwort blieb er bei dem großen Münchner Label ACT und dessen neuesten Veröffentlichungen hängen. Zu Wort kamen Musiker aus der Reihe young german jazz sowie deren Produzent und Labelchef. Die Lektüre empörte viele Musiker und Musikschaffende: Sollte hier nun auf neue CDs hingewiesen oder einer interessanten Frage nachgegangen werden?

Volker Schmidts Beitrag war irreführend und hat dem deutschen Jazz keinen Gefallen getan: Die im Artikel zu Wort kommenden Bands spiegeln in keiner Weise die erstaunliche Entwicklung, die der Jazz hierzulande künstlerisch und qualitativ genommen hat. Sein Artikel ist symptomatisch für den Versuch marktbestimmender deutscher Labels und Festivals, unter dem Begriff "Jazz" eine zunehmend nivellierte Wohlfühlmusik zu verkaufen. Diese Tendenz ist kontraproduktiv, sie wird kaum nachhaltig ein neues Publikum begeistern und verzerrt das Bild von einer großen Kunstform.

Die Autoren

Uli Kempendorff, geboren 1981 in Berlin. Studium in Berlin und New York. Leiter und Sideman in verschiedenen Formationen. Konzerte in ganz Europa und Nordamerika. Organisiert und kuratiert seit 2010 die Konzertreihe Serious Series im Berliner Senatsreservenspeicher.

Philipp Gropper wurde 1978 in Berlin geboren und ist freischaffender Saxofonist und Komponist. Studium an der Udk Berlin. Er konzertiert weltweit mit eigenen Bands und als Sideman. Mitglied des Jazzkollektivs Berlin, Organisation von Festivals und Konzertreihen. Vereinzelte Lehrtätigkeiten an Musikhochschulen.

Uwe Steinmetz, geboren 1975, ist Berliner Saxofonist und Komponist. Seine Musik wurde in über 30 Ländern aufgeführt, er veranstaltet internationale Konzertreihen und interdisziplinäre Workshops. 



Alle deutschen Künstler, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten erfolgreich waren, teilen eine Gemeinsamkeit: Es sind eigenständige Stilisten, die auf ihrem Instrument Einzigartiges erreicht haben. Ihre Musik ist von dem geprägt, was Jazz groß macht: Innovation, Kompromisslosigkeit, Authentizität und Integrität. Bemerkenswert ist auch, dass sie im Ausland oft große Aufmerksamkeit erfahren, während sie daheim eher Unbekannte bleiben. Das gilt für die erste Generation großer deutscher Jazzmusiker wie Albert Mangelsdorff, Peter Brötzmann (Preis für sein Lebenswerk beim New Yorker Visions Festival 2011), Alexander von Schlippenbach, Aki Takase, Joachim und Rolf Kühn, Gunter Hampel, "Baby" Sommer. Und auch für die mittlere Generation wie Frank Gratkowski, Gebhard Ullmann, Frank Möbus, Rudi Mahall oder Nils Wogram.

Hierzulande geschieht seit einigen Jahren Erstaunliches: In Köln, Hamburg, München, den zahlreichen Städten mit eigenem Jazzstudiengang, und vor allem in Berlin wird geforscht und experimentiert, Kollektive gründen sich, Festivals und Konzertreihen werden selbst organisiert. Berlin wirkt wie ein Magnet auf die internationale Szene und gilt mittlerweile, nach New York, als weltweit herausragende Jazzmetropole. Viele Musiker von internationaler Bedeutung haben die Stadt zu ihrer Wahlheimat gemacht.

Der Nachwuchs zeigt sich abenteuerlustiger und spielwütiger denn je und die Vernetzung einzelner Szenen funktioniert generationenübergreifend auf nationaler und internationaler Ebene. Man sieht viele neue und junge Gesichter auf Konzerten. Beispielhaft für die innerdeutsche Kulturszene sind die enge Zusammenarbeit zwischen Musikern aus den neuen und alten Bundesländern und die Entwicklung neuer Musik aus gewachsenen Traditionen. Künstlerisch gesehen geht es dem deutschen Jazz also hervorragend.

Wir spüren in vielen Konzerten und Begegnungen, dass das Publikum der gefälligen, reproduzierten Stereotype müde ist. Ebenso sind die Menschen es müde, den Elfenbeinturm einer künstlerischen Elite erklettern zu müssen. Dies ist eine Chance für das, was Jazz auszeichnet und ihn nach wie vor für ein großes Publikum attraktiv und unersetzbar wertvoll macht. Jazz ist in seinem Wesen eine spirituelle Musik jenseits von Religionen – Improvisation ist eine verbindende globale Sprache von Menschen, verwurzelt in allen Kulturen – und passt wie kaum eine andere Musik in ihrer Vielfalt in das neue Jahrtausend.

Uns Musikern ist es besonders wichtig zu betonen, dass Jazz in erster Linie Live-Musik ist. CDs und Plattenlabels existieren nur, weil Musik auf der Bühne gespielt und entwickelt wird. Die mediale Berichterstattung reduziert sich zu oft auf die Perspektive der Plattenindustrie, die seit Jahren in einer ernsten Krise steckt. Stattdessen sollte konstruktiv und mit Sachverstand über Konzerte und Tourneen, Musikerkollektive und Konzertreihen der Jazzszene berichtet werden, und das in größerem Umfang. Nur wenn diese Musik medial angemessen gewürdigt wird, hat sie auch die Chance, ein breiteres Publikum zu erreichen. Kommen die Leute erst einmal zu Konzerten, lassen sie sich auch begeistern.

Öffentliche Förderung muss gerecht sein

Öffentliche Förderung ist ebenso wichtig: Es müssen vermehrt Gelder in die schon bestehende Veranstaltungsstruktur für Jazz investiert werden. Viele Clubs und Festivals kämpfen ums Überleben. In Berlin gibt es beispielsweise keine institutionalisierte Förderung von Jazz. Während die Stadt ihre landeseigenen Theater und Orchester im Jahr 2010 mit 254,8 Millionen Euro (14,3 Mio mehr als 2009) unterstützte, standen für Projektförderung, Studiopreise und Stipendien im Bereich Jazz nur 121.228 Euro bereit. Wir wollen die verschiedenen Förderungsbereiche nicht gegeneinander ausspielen. Aber wenn die Jahresförderung im Jazz dem entspricht, was die Stadt jeder Vorstellung des Deutschen Sinfonie Orchesters zuschießt (nämlich 299,31 Euro pro verkaufte Karte), stimmen die Proportionen nicht mehr.

Auch in Volker Schmidts Artikel werden viele wichtige Punkte angesprochen, wie die ausbauwürdige Spielstättenförderung und drastische Etatkürzungen beim Goethe-Institut. Aber was bringt das Lamentieren allein? Es muss gezeigt werden, wie prächtig sich der Jazz hierzulande entwickelt. Einzig die Musik, die vor Stärke und Fantasie strotzt, ist die Basis, auf der alles wachsen kann.

Betrachten Sie also die folgende Auflistung als Möglichkeit, unterschiedlichste Musikwelten zu entdecken, die hierzulande entstanden sind. Jede Liste ist unvollständig, jedoch führt jeder dieser Namen zu weiteren und lässt somit ein ansatzweise vollständiges Bild erahnen.

Wo bleibt der deutsche Jazz? Suchen Sie hier:

Rudi Mahall, Henrik Walsdorff, Achim Kaufmann, Christian Lillinger, Matthias Schriefl, Hyperactive Kid, Subtone, Robert Landfermann, Pierre Borel, Tobias Delius, Frank Gratkowski, Matthias Schubert, Olaf Rupp, Schneeweiß und Rosenrot, Soko Steidle, Talking Horns, Carl Ludwig Hübsch, Umlaut, John Schröder, Christina Fuchs, Christian Weidner, Ignaz Dinné, Axel Dörner, Jürgen Friedrich, Johannes Fink, Andromeda Mega Express Orchester, Ritsche Koch, Niels Klein, Johannes Schleiermacher, Jörn Marcussen-Wulff, Kalle Kalima, Florian Weber, Katrin Mickiewicz, Pablo Held, Die Enttäuschung, Rolf Kühn, Joachim Kühn, Alexander von Schlippenbach, Tony Hurdle, Ernst Bier, Felix Lehrmann, Tom Arthurs, Philip Zoubek, Gerhard Gschlössl, Gebhard Ullmann, Peter Brötzmann, David Friedman, Bodek Janke, Merkur, Yelena K, Almut Kühne, Eric Schaefer, Gerd Dudek, Christopher Dell, Steffen Schorn, Johnny Lamarama, Kölner Saxophon Mafia, Nils Wogram, Root 70, Gunter Hampel, Lauer Large, Sebastian Gille, Denis Gäbel, Angelika Niescier, Marc Schmolling, Antonis Anissegos, Michael Thieke, Wanja Slavin, Lotus Eaters, Carlos Bica, Der Rote Bereich, Gabriel Coburger, Julia Hülsmann Trio, Expressway Sketches, Antonio Borghini, Benjamin Weidekamp, Squakk, Christof Thewes, Tristan Honsinger, Steve Heather, Silke Eberhard Trio, Heinz Sauer, Michael Wollny, Shreefpunk, Uli Gumpert, Ernst-Ludwig Petrowsky, Uschi Brüning, Carsten Daerr Trio, Stefan Schultze,Transit Room, Octothorpe, Torsten Goods, Daniel Erdmann, Frank Möbus, Ed Partyka, Peter Weniger, Harvard Wiik, Florian Ross, Günther Baby Sommer, Dejan Terzic, Florian Trübsbach, Thomas Lehn, Paul Lovens, Conny Bauer, Johannes Bauer, Theo Jörgensmann, Michael Griener, Dieter Manderscheid, Henning Sieverts, Peter Bolte, Hannes Zerbe, Frederik Köster, DJ Illvibe und viele mehr.

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Kommentare

54 Kommentare Seite 1 von 10 Kommentieren

Leider fehlt dem deutschen Jazz etwas...

Meiner Erfahrung und meiner Auffassung nach ist das akademische Lehren von Jazz an Konservatorien für die Entwicklung dieser Musik kontraproduktiv. Es ist eine Kunstform geschaffen worden, die vom bodenständigen Anarchismus und dem gleichzeitig unendlichen Sinn für Schönheit und Ästhetik, wie sie noch bei Musikern, wie Charlie Haden oder Ornette Coleman zu hören ist, weit, weit entfernt ist.

... deutscher Jazz, nun ja... (1)

Stimmt.
Immer wenn ich im Kulturradio eine dieser neuen Sängerinnen (immer Frauen, seltsamerweise) höre, höre ich auch: sie hat das studiert. Ja, man hört es. Und dann kommt die Ansage und es wird erwähnt: ihre Vorbilder (die man oft auch deutlich hört) und natürlich ein "Jazz-Studium" an der oder der Hochschule oder Uni. ..
... und dann hört man nie wieder von ihr. Und die nächste kommt ran.
.
Ich lege entspannt die Originale auf und genieße die unstudierte Musik von Ella, Lady Day, Peggy Lee, Anita O'Day, Sarah Vaughn, Dinah Washington, Nina Simone, oder Lou Rawls, Sinatra, Hoagy Carmichael, Nat King Cole... und natürlich all die Bluessänger...
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Und die Jazz-Musiker? Gar aus Deutschland? Ich höre genau, welch' Vorbild da jeweils Pate steht: meist immer noch Coltrane bei den Saxophonisten (Bird schaffen sie nicht; sinnloses schnelles Gedudel tut's allein nicht), bei Pianisten ist's auch leicht: Monk macht den Anfang, Bill Evans wird oft versucht aber nie erreicht... Trompeter sind eigentlich alle durchgegend ungenügend, sie erreichen weder Clifford Brown, noch Dizzy oder Miles (resp. dessen Schatten Chet; Herr Brönner macht's trotzdem. Und die deutschen Depppen kaufen ihn anstatt das preiswerte und bessere Original). Satchmo wird ja zum Glück nicht mehr nachgemacht (außer in 'ner Dixieband auf SPD-Festen?)

Da sind wir aber auch selbst schuld

Ein Maler würde es sich schön verbitten, dass ihm jemand vorschreibt,
wie seine Kunst auszusehen hat.
Albert Ayler hat mal auf einer Jam konstant einen Feuerwehrmarsch
gespielt und wurde daraufhin nicht mehr eingeladen.
Und Sex Spy von Ornette klingt den meisten noch heute nicht glatt genug.
Ich habe so 30 Anfragen in diesem Jahr gestartet und bin nicht ein
einziges Mal eingeladen worden.
Jazzförderung in München, da lache ich mal kalt auf.
Thomas Reimer hat sich nach Thailand davongemacht,
die Jams in der Unterfahrt werden von Rentnern dominiert,
die jede Woche die Coker Patterns for Jazz aufwärmen.
Ich habe neulich mit einem Amerikaner gesprochen,
sein Quartett fliegt für 3 gigs in Europa aus N.Y. ein.
Das ist die Crux an der Sache, kein Mensch will mehr touren,
aber auf dem Sofa mit einem Bier in der Hand geht halt auch nix voran.
Angeblich gibt es in München 1500 Bands, aber die Gelder laufen in die
Subventionierung der Staatsoper und im Atomic spielen hauptsächlich
Engländer.
Da bleibe ich doch lieber bei Logic und habe meine Ruhe

Bei den Pianisten höre ich seit 20 Jahren nur noch dieselbe...

...Leier, dasselbe ausgelatscht und ausgelutsche Voicing-System, einundieselbe kalte Pracht der Soli - all das, was in den Konservatorien "gelehrt" wird. Es wird Musik nach Rezept gemacht und der Begriff "Konservatorium" hat ja eine nicht zufällig denselben Stamm, wie der Begriff des Konservierens.

Neue Wege, andere Anknüpfungspunkte werden nicht verfolgt: Johnny Hodges, einer der größten Altsaxophonisten seiner Zeit und einer der ehemals vielen Grenzgänger zwischen Jazz und Rock'nRoll ist heute ebenso vergessen, wie der Pianist und Organist Milt Buckner. Wege, die der Pianist Erroll Garner beschritt, sind vielen zu anstrengend...

Offene Sessions in irgendwelchen Kneipen - wie sie noch vor 20 Jahren selbst auf dem Lande üblich waren - finden nicht mehr statt, weil man Angst hat, die Musiker könnten den Laden leer spielen.

Der deutsche Jazz ist so lange leblos, so lange er nicht den Weg zu den Wurzeln des Konzertierens wieder beschreitet, sich von den Kochrezepten der Konservatorien verabschiedet und - ganz wichtig: die klassischen Konzerthallen verlässt. Die tun ihm nämlich alles andere als gut - sie sind sein Tod.

Weitere Ansichten

Es gibt nur gute Argumente den Jazz in Deutschland zu fördern, auch wenn sich die Publikumszahlen (noch) nicht mit denen in anderen Bereichen vergleichen lassen. Ein aktueller Trend ist, dass Jazzer den Crossover zu diversen Bereichen der Popular- und Weltmusik gewagt haben, so dass sich ein popularmusikalischer Stilmisch aus allen Erdteilen herausbildet, der quasi Highlights aus allen Kulturkreisen miteinander verbindet. Wenn dieser Trend in Deutschland nicht gepusht wird, bleibt die Musikkultur weiterhin auf Sparflamme hinter internationalen Entwicklungen zurück. Nur die harmonische und experimentelle Vielfalt des Jazz kann der Musikkultur weiter helfen, abgesehen davon, dass sich auch im Bereich der klassischen neuen Musik einiges entwickelt, was allerdings immer noch nur einen Teil der Bevölkerung interessiert. Dass der Zeitpunkt für die neuen Trends gut ist, zeigt sich daran, dass heute deutlich schneller gearbeitet werden kann, womit viele Musiker häufiger zwischen den Genres wechseln können. Die technischen Möglichkeiten sind so vielfältig, dass Multiinstrumentalismus ein weiterer Trend werden könnte, der selbst musikalisch wenig Gebildeten zu interessanten Ergebnissen verhelfen dürfte. Und wer einen Blick auf die Nachkriegsmusikkultur im Bereich Popularmusik bis heute wagt, wird feststellen können, dass eine harmonische und rhythmische Einfalt tonangebend war. Der Jazz ist ein wichtiger Pool, aus dessen Experimenten neues Entstehen wird.

...deutscher jatt, nun ja (2)

(2) ...

Ganz schlimm: es gibt tatsächlich noch immer das Spiel der Fünfziger: Thema (alle), sax-Solo, tp-solo, piano-solo, bass-solo, kurzes dm-solo, Thema und Schluss. 1000mal gehört. Ich kann's seit Ende der Sixties nicht mehr hören.

Was früher die deutschen biertrinkenden Dixieland-Nachspieler waren, sind heute die deutschen Bop-Nachspieler. Genau so langweilig. Und der Freejazz ist ja wohl tot, nur manche haben's noch nicht gemerkt.
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