Das Pressefoto des Jahres 2006 zeigt ein Cabrio, in dem junge Libanesinnen und Libanesen durch eine Trümmerlandschaft in Beirut rollen. Aufgenommen wurde es am Tag des Waffenstillstands mit Israel. Es erhielt den World Press Photo Award wohl auch, weil es so gut zu westlichen Klischees von der Popschickeria der libanesischen Hauptstadt passte. Es sah aus, als cruisten hier reiche, schicke, gut aussehende junge Leute als Kriegsvoyeure durch das zerstörte Armenviertel.

"Die Israelis haben unsere Stadt nur bombardiert, weil Beirut plötzlich hipper und cooler als Tel Aviv war – das konnten sie nicht ertragen": Diesen Witz hörte der Musikethnologe Thomas Burkhalter nach den Angriffen vom Sommer 2006 von einem libanesischen Musiker. Hinter dem "plötzlich" steckt eine gehörige Portion Sarkasmus: Die Stadt war mühsam und nicht über Nacht auferstanden aus den Ruinen des jahrelangen Bürgerkrieges, der bis 1990 getobt hatte.

Aus den Trümmern war langsam eine neue Kunst- und Musikszene gewachsen, der die Angriffe vom Juli 2006 wenig anhaben konnten. Ein großer Teil ihrer Protagonisten kommt aus den wohlhabenderen Schichten und hat an den internationalen Universitäten oder Kunstschulen Beiruts studiert, sagt Thomas Burkhalter, der über die Musikszenen Beiruts promoviert hat. Gerade hat er eine CD mit Aufnahmen junger libanesischer Bands herausgebracht, von Indie und Post-Punk über Rap und Elektropop bis zu hartem Hip-Hop aus den palästinensischen Flüchtlingslagern der Stadt.

Wie Burkhalter berichtet, haben die Musiker nichts mit den religiösen und politischen Führern der Region am Hut. "In einem radikalisierten und kommerzialisierten Land wie Libanon liegt ihr politischer Ansatz im Fokus auf musikalische Qualität und Werte", meint er. Er sieht die Bands als Gegenkultur zur panarabischen Satelliten-TV-Pop-Industrie und zitiert den unter anderem in Beirut lehrenden Soziologen Theodor Hanf , der für den Libanon den Begriff "skeptische Nation" prägte.

So verschieden die Stile der jungen libanesischen Musiker sind, gemeinsam ist ihnen die Produktionsweise, sagt Burkhalter: Laptops voller Sound- und Videoschnipsel bilden die Arbeitsgrundlage. Darunter so seltsame Phänomene wie der Manga-Roboterheld Grendizer , der in den Bürgerkriegsjahren ins arabische Fernsehen geriet und zu einer Art Held der damaligen Kinder, der heute um die Dreißigjährigen, wurde.

Dank ihrer Computer, dank Facebook und Myspace sind die libanesischen Musiker "eng mit den zivilgesellschaftlichen Netzen verbunden, die so wichtig sind für die andauernden Revolutionen in der arabischen Welt 2011", sagt Burkhalter. Sie unterlaufen mit den Rechnern die Zensur : Sie organisieren Konzerte, verkaufen ihre CDs, halten Kontakt.

Das Private ist noch immer politisch

Ihre Musik ist oft nicht im engeren Sinne politisch. Mashrou' Leila singen zu handwerklich hervorragend gemachtem arabischen Folkpop von Geschlechterbeziehungen und Alltagsthemen. Die satirischen Texte handeln der Band, die auch über die Grenzen des Libanon hinaus Erfolg hat, immer wieder Ärger ein. Das nehmen die Musiker in Kauf: "Das Private ist politisch", zitiert Sänger Hammed Sinno einen Wahlspruch aus den sechziger Jahren.


Praed
, ein Duo aus dem Libanesen Raed Yassin und dem Schweizer Paed Conga, bastelt eine collagierte Experimentalmusik, die auch arabischen Pop verarbeitet. Lumi spielen glamourösen Elektronik-Indie mit punkigen Anteilen, Störgeräuschen und einer fiesen Schicht Achtziger-Haarspray und teilt sich den Produzenten mit Mouse on Mars. Soap Kills finden die Inspiration für ihre Elektronik-Lieder bei libanesischen und ägyptischen Liedermachern der dreißiger bis fünfziger Jahre. Und The Incompetents holen alles und jeden ins Studio, um ihre anarchischen Comic-Songs anzureichern, die Titel wie Bullets Gently Flying Over My Head , Urinal Blues oder Disposable Valentine tragen.

Explizit politisch predigen MC Malikah und der Rapper Zoog in Intikhabeit 2009 : "Wählt nicht jemanden, nur weil er zu Eurer Sekte gehört. Lest und lernt, und dann stimmt für Leute, die Gutes für Euer Land tun. Stoppt das Sektierertum, bekämpft die Korruption unserer Regierung, indem ihr für eine völlig neue stimmt." Auf Arabisch klingt das flüssiger. Katibe5 , eine Hip-Hop-Gruppe aus dem palästinensischen Flüchtlingslager Burj al-Barajneh, prangert in scharfen Worten die Diskriminierung der Palästinenser im Libanon an.


Der Singer-Songwriter Ziyad Sahhab , Jahrgang 1982, gehörte Mitte der neunziger Jahre zu einer Band, die vor allem linke Liedermacher der arabischen Welt coverte. Damals trat er in die kommunistische Partei ein – und bald wieder aus. "Viele Sänger waren Sänger, weil eine politische Partei es so entschieden hatte", erinnert er sich. "Es war eine politische, keine künstlerische Entscheidung. Jeder musste die Sänger seiner Partei mögen und die anderer Parteien verabscheuen. Es ist furchtbar. Deswegen gehöre ich nicht zu irgendeiner Partei." Er singt: "Gebt mir Zeit, meinen Platz in diesem Land zu finden. Gestattet mir ein paar Fehler. Lasst mich lernen."

Die reichen jungen Leute auf dem Pressefoto des Jahres 2006 waren weder reich noch Kriegsvoyeure, sie stammten selbst aus der zertrümmerten Vorstadt. Der vermeintlich arrogante Ausdruck auf den Gesichtern war Entsetzen. Das Cabrio war geliehen.