Nick Drake blieb auch lange so ein Geheimtipp . Den melancholischen Songwriter aus Südengland, der sich 1974 nach drei Alben das Leben nahm, lernten viele erst im Jahr 2000 kennen, als Volkswagen einen Werbespot mit seinem Pink Moon bestrahlte. Als Drake starb, hatte John Martyn gerade richtig losgelegt: mit seinem Album Solid Air von 1973, dessen Titelsong dem depressiven Drake gewidmet war, seinem Freund und zeitweiligen Mitbewohner.

Martyns Ruhm ist bis heute kaum über enge Fankreise hinausgedrungen. Die allerdings sind an Treue kaum zu übertreffen. Einer schreibt, Martyn sei "ein Gott, der wie Athene dem Haupte Zeus' entsprungen sein muss, ausgewachsen und bereit zum Loslegen, in Echoplex-Zungen redend, der Große Schotte des Rock 'n' Roll, eine emotionale Atomexplosion". Und das war ein Amerikaner – in Martyns britischer Heimat und in Irland, wo er zuletzt lebte, sind sie noch enthusiastischer.


Wer ist der Mann, der solche Elogen hervorruft, den hier aber kaum einer kennt? Sein letztes Studioalbum und ein Tribute-Doppelalbum geben jetzt auch uns armen Kontinentaleuropäern die Chance, das eigenwillige Energiebündel John Martyn kennenzulernen. Es lohnt sich.

Martyn hieß eigentlich Iain David McGeachy, hatte Opernsänger als Eltern, Wurzeln in Glasgow und seine Wiege 1948 im englischen Surrey. Mit 17 trieb er sich in der Londoner Folkszene herum, deren oft puristische Klänge er mit Blues-Anklängen gezielt verdreckte. Sein erstes Album, London Conversation , kam 1967 bei Island Records heraus.

Martyn entwickelte nicht nur eine erstaunlich virtuose Picking-Technik auf der Gitarre, sondern auch einen einzigartigen Sound: Seine Akustikgitarre lief oft durch Fuzzbox, Phase-Shifter und vor allem Echoplex, frühe Effektgeräte, die dem beschaulichen Fuchsjagd-Feeling anderer britischer Folker eine ordentliche Portion amerikanischer Westküstenabgedrehtheit verpassten. Dazu sang Martyn mit angerauter, souliger Stimme seine folk-inspiriert schlichte, aber treffende Poesie.

Immer wieder verschob er Grenzen, zwischen Folk, Jazz, Blues und Rock sowieso, aber auch zu Genres, die es noch gar nicht gab. Eric Clapton soll über ihn gesagt haben, Martyn "war allen anderen so weit voraus, es war fast unvorstellbar". Was er auf Solid Air macht, lässt sich auch als Proto-Ambient beschreiben. Martyn entwickelte einen ganz eigenen, schleppenden Gesangsstil, oft glockenhell in der Kopfstimme, dann wieder in knorrigem, rauem Blues-Idiom.

Mit Gästen wie Steve Winwood und Chris Wood von der Band Traffic brachte er das experimentelle Album Inside Out heraus, er produzierte auf eigene Kosten ein großartiges Livealbum und trieb sich auf Jamaika mit dem Reggae-Regenten Lee "Scratch" Perry herum. Das Ergebnis, das Album One World (1977), brachte Martyn den Titel Father of Trip Hop ein.