Frage: Herr Bäßler, stimmt es, dass Kinder heutzutage weniger singen als noch vor einer Generation?

Hans Bäßler: Genaue Zahlen dazu gibt es nicht. Allerdings kann man dies aus einer Vielzahl von Beobachtungen schließen. Zum Beispiel bei Besuchen in Grundschulen. Besonders bedrückend sind die Erfahrungen bei Aufnahmeprüfungen an unserer Hochschule: Über ein entsprechendes Liedrepertoire verfügt kaum noch jemand. Und wenn man internationale Jugendtreffs besucht, stellt man sehr schnell fest: Da singen die deutschen Gruppen kaum noch, wohl aber die Skandinavier oder die jungen Menschen aus den baltischen Staaten oder Polen.

Frage: Es heißt, Kinder singen gerne. Gibt es dafür eine anthropologische Erklärung?

Bäßler: Das stimmt. Kinder singen ausgesprochen gern, gerade wenn sie von ganz frühen Jahren an mit den Eltern oder den Geschwistern zusammen singen. Es ist anscheinend dieses "etwas gemeinsam machen", das ihnen besonders viel Freude macht. Und da das Singen überall möglich ist, beim Spielen, beim Schlafengehen, beim Laufen, gehört es "irgendwie" dazu. Nur: Es muss praktiziert werden. Zunächst lallen die Kinder und ahmen nach, das bringt ein Wohlgefühl, anschließend verfestigt es sich immer mehr zu dem, was man gemeinhin als Singen versteht.

Frage: Warum ist das fördernswert? Worin sehen Sie das gesellschaftliche Interesse am Singen mit Kindern?

Bäßler: Das Singen ist unter ökonomischen Gesichtspunkten zunächst einmal wertlos. Und genau das braucht unsere durchstrukturierte und auf Sinn hin getrimmte Gesellschaft mehr denn je: Dass man Dinge um ihrer selbst willen tut, nicht, um damit etwas zu erreichen. Es gehört zum Wesen der Künste, scheinbar keinen eigentlichen Zweck zu haben – außer dass sie den Menschen zu dem machen, was er eigentlich ist: ein Mensch, der frei lebt und frei entscheidet und sich damit eine neue kommunikative Umgebung schafft.

Frage: Welche Lieder mögen Kinder am liebsten?

Bäßler: Das kommt darauf an, wie alt die Kinder sind. Das erste Singen bewegt sich in einem ganz engen Tonraum mit äußerst einfachen Texten, anschließend wird gern zu einer dur-moll-tonalen Harmonik gesungen. Wichtig ist, dass die Texte bestimmte Themen reflektieren und zunächst aus einem unmittelbaren Lebenszusammenhang und der ersten Erfahrung stammen. Später lieben Kinder Lieder, die besonders witzig sind: Der Cowboy Jim aus Texas ist bei Grundschulkindern immer noch der Renner.

Frage: Stimmt es, dass Kinder keine Opernarien mögen?

Bäßler: Das kommt darauf an. Wenn ein Kind eine frühe Erfahrung mit Opern gemacht hat, dann ist dies kein Problem. Das kann ich aufgrund der Erfahrungen, die unsere Tochter ab ihrem fünften Lebensjahr gemacht hat, nur bestätigen. Aber ansonsten stimmt es: Der Belcanto-Stil ist dermaßen anders gegenüber dem ganz alltäglichen Singen, dass diese Art des Singens auf viele abschreckend wirkt.

Frage: Welche Vorzüge sehen Sie in den alten, traditionellen Kinderliedern, ihren Melodien und ihren Texten?