Musik und GenderZwölf Komponistinnen, die man kennen sollte
Seite 2/2:

Brahms reagiert mit vor Verachtung triefender Stimme

© Hulton Deutsch Collection, London

Ethel Smyth (1858-1944)
In einem ihrer autobiografischen Bücher schildert Ethel Smyth , wie Johannes Brahms eine Fuge von ihr analysierte. Vom Lob des Komponisten ermutigt, wagte sie es, ihn auf ein Detail hinzuweisen – und erntete eine ironische Antwort, "mit vor herablassender Verachtung triefender Stimme". Brahms, schreibt Smyth, "hatte sich daran erinnert, dass ich ja eine Frau war". Die Anerkennung als gleichwertige Komponistin war ihr Lebensthema. Die Erlaubnis zum Musikstudium in Leipzig erkämpfte sie sich in ihrer viktorianischen Offiziersfamilie mit einem Hungerstreik, für Konzerte in Restaurants, in die Mädchen nicht gehen durften, verkleidete sie sich als alte Schabracke. Mehrere von Wagner beeinflusste Opern hatten vor allem in Deutschland Publikumserfolge. Smyth unterstützte die Suffragetten, die für das Frauenwahlrecht kämpften; ihr March Of Women wurde deren Hymne. In späten Jahren ließ ihr Gehör nach. Mit autobiografischen Büchern wurde sie populär; in der Folge wurde auch ihre Musik aufgeführt.

Die Kanadierin Hope Lee

Die Kanadierin Hope Lee  |  © Archiv Furore Verlag

Hope Lee (geboren 1953)
Die in Taiwan geborene Hope Anne Keng-Wei Lee lebt seit 1967 in Kanada . Sie hatte eigentlich eine Karriere als Medizinerin angepeilt, doch der Klavierunterricht, den sie seit dem fünften Lebensjahr nahm, wirkte sich aus: Sie studierte Klavier, Komposition und elektronische Musik in Montréal und Freiburg. Seit 1980 ist sie mit dem Komponisten David Eagle verheiratet, mit dem sie oft zusammenarbeitet. Sie wird als "interkulturelle Forscherin" beschrieben, die gern verschiedene Sparten der Kunst verbindet, etwa in Licht-Klang-Installationen. Mit Computern als Instrumente hat sie sich ebenso auseinandergesetzt wie mit der Philosophie und Notation der chinesischen Zither Qin, die sie virtuos spielen lernte. Ihr wohl umfangreichstes Werk ist der 1989 begonnene Zyklus Voices In Time : elf Stücke, die je einen Abschnitt der chinesischen Geschichte abbilden, aber auch einen Bezug zur Gegenwart herstellen. Ihre atonalen Werke sind komplex und expressiv.

Vivienne Olive arbeitete mit Doris Dörrie.

Vivienne Olive arbeitete mit Doris Dörrie.  |  © Archiv Furore Verlag

Vivienne Olive (geboren 1950)
Die in London geborene Vivienne Olive hat am dortigen Trinity College Klavier-, Cembalo-, Orgel- und Musiktheorie studiert, dann in York, Mailand, Wien und Freiburg vertiefende Studien angehängt. 1979 wurde sie Dozentin für Musiktheorie und Komposition am Nürnberger Meistersingerkonservatorium (der heutigen Hochschule für Musik) und begründete die Tage Neuer Musik in Nürnberg mit, später unterrichtete sie mehrfach zeitweise in Australien. Seit 1995 ist sie Vorstandsmitglied des Internationalen Arbeitskreises Frau und Musik. Ihr Oeuvre reicht von der Blockflöte bis zur Oper: Das hässliche Entlein entstand für einen Kompositionswettbewerb der Kölner Hochschule für Musik in Zusammenarbeit mit der Kölner Oper 2004. Das Libretto der Märchenoper stammt von der Filmemacherin und Schriftstellerin Doris Dörrie. Vivienne Olive will ihr Publikum ebenso wie auf der intellektuellen auch auf einer emotionalen Ebene erreichen und so die Distanz vieler Zuhörer zur Neuen Musik überwinden.

Die Komponistin Florentine Mulsant

Die Komponistin Florentine Mulsant  |  © Alexandra de Léal

Florentine Mulsant (geb. 1962)
Florentine Mulsant , Tochter eines Unternehmers und einer Aristokratin, wurde in Dakar im Senegal geboren und lebte bis zu ihrem siebten Lebensjahr in Algier. Mit 15 Jahren studierte sie am Pariser Conservatoire, während ihre Familie in Madrid lebte. Ihre Ausbildung folgte den klassischen Disziplinen Harmonielehre, Kontrapunkt, Fuge, Analyse und Orchestersatz. Sie gehört heute vor allem in Frankreich, aber auch in Deutschland und den USA zu den profilierteren Komponistinnen. Ihr Stil vereint Elemente aus dem postseriellen Erbe, das europäische Komponisten vor allem in den fünfziger Jahren beeinflusste, mit dem Expressionismus, der in jüngster Zeit bei vielen Komponisten wieder mehr Gewicht bekommen hat. Ihre erste Sinfonie 2006 war ein Auftragswerk des französischen Radios, das gleich ein weiteres Großwerk bei ihr bestellte. Im Juni hatten in Trier ihre Quatre Nocturnes Uraufführung, ein Auftragswerk des Philharmonischen Orchesters der Stadt Trier.

Camille Van Lunen

Camille Van Lunen  |  © Archiv Furore Verlag

Camille van Lunen (geb. 1957)
Als Tochter einer französischen Mutter und eines holländischen Vaters wuchs Camille van Lunen in mehreren Ländern Europas auf. Sie studierte zunächst Bratsche am Brüsseler Konservatorium, dann Gesang in Den Haag und Köln, wo sie mit ihrem Ehemann lebt, dem britischen Dirigenten Roderick Shaw. Sie tritt als Sopranistin in verschiedenen Ensembles auf, ihr Repertoire reicht von barocker bis zur zeitgenössischen Musik. Als Komponistin hat sie sich vor allem der Oper gewidmet, aber auch für gemischten und Kinderchor, Solostimme, Orgel und Kammerensembles geschrieben. Die Kinderoper Der Felsenjunge nach einem Libretto von Jan Michael war eine Auftragsarbeit der Stadt Leverkusen. Ihr Bläserquintett Entgleist ist eine Hymne an die Pünktlichkeit der Bahn. Lunen verarbeitet gern zeitgenössische Themen: Ihr Oratorium Star Over Amsterdam "versetzt die Weihnachtsgeschichte in die heutige Zeit. Gegen die Last einer kriegerischen Besatzung triumphiert der Geist der Freiheit", wie sie sagt.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. ganz nebenbei die Frage, wieviele Deutsche es wohl fertig brächten, aus dem Stand 12 männliche Komponisten aufzuzählen, geschweige denn sie zu kennen...

    • WWH
    • 21. September 2011 17:23 Uhr

    Hhmmm, in der Tat nicht trivial, da geh ich mal mein CD-Regal gedanklich durch...
    - Johann Sebastian Bach
    - Ludwig van Beethoven
    - Johannes Brahms
    - Georg Friedrich Händel
    - Felix Mendelssohn Bartholdy
    - Max Reger
    - Heinrich Schütz
    - Franz Schubert
    - Richard Strauss
    - Georg Philipp Telemann
    - Carl Maria von Weber
    - Richard Wagner

    (Ich muss gestehen, ich hatte noch an Franz Schubert gedacht, aber der ist auch aus Oesterreich, wie Arnold Schoenberg und Joseph Haydn.)

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • rotiz
    • 21. September 2011 22:24 Uhr

    "(Ich muss gestehen, ich hatte noch an Franz Schubert gedacht, aber der ist auch aus Oesterreich, wie Arnold Schoenberg und Joseph Haydn.)"

    - von Mozart ganz zu schweigen! Auch ein Österreicher.
    Jetzt kann man sich natürlich streiten, ob nicht Beethoven und Brahms auch als Wiener zu gelten hätten, so wie die Engläder Händel ais einen der Ihrigen betrachten, war und wirkte er doch knapp fünfzig Jahre in London!

    Die eigentliche Frage jedoch, - "wieviele Deutsche es wohl fertig brächten, aus dem Stand 12 männliche Komponisten aufzuzählen", hat WWH (trotz falsch verstandener Frage) trefflich beantwortet...

    • rotiz
    • 21. September 2011 22:24 Uhr

    "(Ich muss gestehen, ich hatte noch an Franz Schubert gedacht, aber der ist auch aus Oesterreich, wie Arnold Schoenberg und Joseph Haydn.)"

    - von Mozart ganz zu schweigen! Auch ein Österreicher.
    Jetzt kann man sich natürlich streiten, ob nicht Beethoven und Brahms auch als Wiener zu gelten hätten, so wie die Engläder Händel ais einen der Ihrigen betrachten, war und wirkte er doch knapp fünfzig Jahre in London!

    Die eigentliche Frage jedoch, - "wieviele Deutsche es wohl fertig brächten, aus dem Stand 12 männliche Komponisten aufzuzählen", hat WWH (trotz falsch verstandener Frage) trefflich beantwortet...

  2. Da fehlen aber noch ein paar wichtige Komponistinnen der letzten Jahrunderte.

    Zum Beispiel Hildegard von Bingen, Clara Wiek / Schumann, Cécile Chaminade, Lili Boulanger und Germaine Tailleferre.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Johannes Brahms | Anna Amalia | Cembalo | Komponist | Oper | Taiwan
  • Traum oder harte Realität? Beyoncé in ihrem Dokumentarfilm "Life Is But A Dream"

    Die fleißigen Königinnen

    Beyoncé, Lana Del Rey und Taylor Swift sind die erfolgreichsten Popstars unserer Zeit. Sie zeigen uns, was es bedeutet, heute eine Frau zu sein. Wollen wir ihnen glauben?

    • PeterLicht zeigt sich nicht. Nur auf der Bühne sehen die Leute sein Gesicht.

      Tod, ach der Langweiler!

      Leben, Wahrheit, Zukunft, Freiheit, Liebe: Alles beginnt zu schillern. PeterLicht renoviert in seinem Buch und Live-Album "Lob der Realität" die Kapitalismuskritik.

      • Man mag's kaum glauben: Prince Rogers Nelson ist 56 Jahre alt.

        Freiheit allen Körpersäften!

        Nach jahrelangem Unabhängigkeitskampf veröffentlicht Prince gleich zwei Alben beim Warner-Konzern. Wer einmal Popkönig war, gibt sich eben ungern mit weniger zufrieden.

        • Die Inszenierungen des Regisseurs Calixto Bieito sind den Gegnern des Regietheaters ein plastisches Feindbild. Hier eine Szene aus der Händel-Oper "Der Triumph von Zeit und Enttäuschung" 2011 in Stuttgart

          Jeder Rollkoffer bringt uns weiter

          Geht das schon wieder los? Ein Musikwissenschaftler geißelt, was er für Regietheater in der Oper hält. Dabei ist jede noch so moderne Inszenierung besser als Stillstand.

          Service