Post von Sophie Hunger (1)Vom Leben und Sterben Amerikas

Die Musikerin Sophie Hunger reist mit der malischen Band Tinariwen durch die USA. Für ZEIT ONLINE beschreibt sie ihre Eindrücke "Vom Leben und Sterben Amerikas". von Sophie Hunger

Sophie Hunger vor ihrer Abreise am Flughafen Zürich

Sophie Hunger vor ihrer Abreise am Flughafen Zürich  |  © Patrick David

Liebe ZEIT-ONLINE-Leser,

kein Mensch kann 10.000 Eier fressen, sagt sich der Europäer und fliegt, voller Zweifel, nach Amerika. Amerika! Klischees sind eine großartige Sache. Während meiner letzten Tour in Kanada sagte mir eine amerikanische Jazzsängerin, die ich sehr bewundere, ich sei doch Schweizerin und folglich pünktlich und korrekt. Ich erwiderte ihr, sie sei doch Amerikanerin und demnach ungebildet und dick! Innerhalb eines Augenblickes wurde mir der kolossale Missklang meines Witzes bewusst. Entgegen jeder Absicht hatte ich sie unendlich beleidigt.

So schaue ich besorgt den bevorstehenden vier Wochen Tour entgegen. Zusammen mit zwei Deutschschweizer Musikern, einem Techniker aus Fribourg und einem jurassischen Manager werde ich "Die Menschen der Wüste" – Tinariwen – auf ihrer USA-Tour begleiten. Von L.A. bis nach Minneapolis. Tinariwen, das sind fünf verschleierte malische Tuareg, die sich vor 30 Jahren in einem libyschen Militärausbildungslager Muammar al-Gadhafis kennenlernten und inzwischen weltweit für ihre Musik gefeiert werden.

Klischees treffen hier auf ihre Grenzen. Darf man einen dieser ehemaligen Soldaten fragen, ob und wie viele Menschen er getötet hat? Darf man einen gläubigen Quäker fragen, ob das "innere Licht" nachts blendet? Darf man einem Jazzmusiker in New Orleans erzählen, wie viel ein Jazzmusiker in Zürich verdient?

Post von Sophie Hunger

© Ramon & Pedro photo by art10

Die Schweizer Musikerin Sophie Hunger hat auf ZEIT ONLINE exklusiv von ihrer Amerika-Tour berichtet. Mit der malischen Tuareg-Band Tinariwen reiste sie im November 2011 durch die Metropolen der USA.

In der Serie Vom Leben und Sterben Amerikas hat sie Eindrücke der einzelnen Menschen gesammelt, die ihr dort begegnet sind und die vielleicht etwas über den Zustand und die Zukunft des Landes verraten. Alle Beiträge sind auf dieser Seite zu finden.

Ist Amerika tatsächlich die Überhöhung unserer schlechtesten Eigenschaften? Oder unserer besten? Wie lange noch, Amerika? Und endlich: Was, bitte schön, wird dann aus uns? Diese Fragen, liebe ZEIT-ONLINE-Leser, kreisen wie Geier über dem Flughafenbus, in dem ich jetzt sitze. Meine erste Post erhaltet ihr aus Los Angeles. So wünscht mir Glück im Zufall und bedenkt bei allem stets unser hoffnungsvolles Herz und unsere gottlose Natur. 

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Leserkommentare
  1. 1. [...]

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    • Azenion
    • 27. Oktober 2011 19:22 Uhr

    Sophie Hunger wird mit diesem kleinen Scherz ausdrücken wollen, wie unsicher man als Mensch mit "gottloser Natur" gegenüber religiösen Menschen ist, die man nicht verletzen will, deren Vorstellungen man aber beim besten Willen nicht ernstnehmen kann.

    Es ist mitunter gar nicht so leicht, einerseits religiöse Menschen nicht zu kränken, andererseits aber leidlich ehrlich zu sein.

    • Azenion
    • 27. Oktober 2011 19:22 Uhr

    Sophie Hunger wird mit diesem kleinen Scherz ausdrücken wollen, wie unsicher man als Mensch mit "gottloser Natur" gegenüber religiösen Menschen ist, die man nicht verletzen will, deren Vorstellungen man aber beim besten Willen nicht ernstnehmen kann.

    Es ist mitunter gar nicht so leicht, einerseits religiöse Menschen nicht zu kränken, andererseits aber leidlich ehrlich zu sein.

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    • noodles
    • 27. Oktober 2011 22:25 Uhr

    wie soll man sonst darauf reagieren? die religiösität ist ein schwieriges thema. und in einem kommentar (das ist das hier ja wohl) ist das erlaubt.

    ich finde den schreibstil gut, in dem der sophie hungers kommentar zu (Nord?)Amerika verfasst wurde. Ihre Musik hab ich noch nicht gehört, auch wenn ich schon öfter die möglichkeit hatte.

    die musik von Tinariwen ist wirklich gut, auch wenn ich den text nicht verstehe.

    Ich weiss ja nicht worauf Sie Ihre "leidliche Ehrlichkeit" beziehen, aber rein von einer logisch-rationalen (der Sie sich wohl als "Aufgeklaerter" bezeichnen wuerden) Betrachtung hat soweit noch keiner einen Gott widerlegen koennen. Wenn Sie allerdings ihre rein kulturell-sozial bedingte Perspektive und Ihr sozial-suggestives Wissen ueber Gott als DIE Wahrheit betrachten, haben Sie natuerlich, so schade es ist, Recht.

  2. über "glauben" kann man nicht genug billige witze machen. meine meinung.

    7 Leserempfehlungen
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    Reden sie nicht von Dingen die sie nicht verstehen. Ohne Glauben, nicht gerade im religiösen Sinne sondern allgemein, ist der Mensch ein jämmerliches Nichts.

  3. Reden sie nicht von Dingen die sie nicht verstehen. Ohne Glauben, nicht gerade im religiösen Sinne sondern allgemein, ist der Mensch ein jämmerliches Nichts.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "das innere licht"
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    ...damit war der religiöse Glauben gemeint und insbesondere in den USA gruselt mich die Hyperreligiosität, die immer wieder in Filmen, Interviews und Dokus durchschimmert. Da ist Gegenhalten fast schon Pflicht, die Aufklärung war ein wichtiger Schritt für die Menschheit, dahinter sollte man nicht wieder zurück.

    Daraus ist wohl zu folgern, dass er mit Glauben ein gläubiges Nichts ist.

    Der Unterschied zwischen einem jämmerlichen Nichts und einem gläubigen Nichts scheint dann der zu sein, dass das gläubige Nichts auch noch durch sein innerliches Licht geblendet wird.

  4. ...damit war der religiöse Glauben gemeint und insbesondere in den USA gruselt mich die Hyperreligiosität, die immer wieder in Filmen, Interviews und Dokus durchschimmert. Da ist Gegenhalten fast schon Pflicht, die Aufklärung war ein wichtiger Schritt für die Menschheit, dahinter sollte man nicht wieder zurück.

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    Reporte und Nachrichten uebertreiben eindeutig. Ich lebe jetzt schon seit 3 Jahren in Kalifornien und kann Ihnen sagen, dass nur 2% so extrem religioes drauf sind.

    Das Problem ist, dass die eben auch den groessten Maul haben und es somit auch immer ins Fernsehen schaffen waehrend die Vernuenftigen es nie schaffen.

    Zu behaupten, dass all Amerikaner Hyperreligioes sind ist so als wuerde man sagen, dass Leute in DE sich jeden Tag mit Bier voll saufen. Was ich aber von den Amerikanern sagen kann ist dass die UEBERHAUPT keine Ahnung von ihrer Innenpolitik haben und schon garnichts von der Aussenpolitik. Ein Praesidentschaftskandidat dachte doch wirklich, dass Libyen in Asien ist.

  5. von einem Land mit vielen Religionsgemeinschaften, die vor
    Jahrhunderten aus Europa herausgeekelt wurden, und die wohl
    immer noch nicht zueinander finden.
    Man kümmert sich im nichts - in wenigen Haushalten der USA
    gibt es ein Buch (von der Bibel abgesehen) - was soll man dazu sagen??

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    • Bikila
    • 27. Oktober 2011 21:45 Uhr
    7. Unreif

    Sie singt ja ganz nett, doch mit der Zeit wird es langweilig. Darf man einer aufstrebenden Künstlerin sagen, das ihre Musik nach 3 Titeln langweilig wird? Oder ist sie dann beleidigt, weil sie ja nicht im Mainstream schwimmt. Aber das allein machte es ja nun auch nicht.

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    • wo_ny
    • 27. Oktober 2011 21:47 Uhr

    ... den Amerikanern haette die Zukunft wohl viel besser gefallen, haetten Truman und FDR auf Morgenthau gehoert und nicht auf Marshall.

    Nun ernten sie das Resultat der teuren (fuer sie in jedem Sinn) und unnoetigen "Atlantik Bruecke" zu Laendern mit denen sie weder Stimmung noch Ueberzeugung teilen.

    Bis jetzt haben sie wohl immer noch nicht viel gelernt. Sie schicken den Geithner heutezutage noch zur EU um durch die IMF den Finanzen dieses Gebietes zu helfen, so dass Europa seine Grossbanken retten koennte.

    6 Leserempfehlungen

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