Sophie Hunger vor ihrer Abreise am Flughafen Zürich © Patrick David

Liebe ZEIT-ONLINE-Leser,

kein Mensch kann 10.000 Eier fressen, sagt sich der Europäer und fliegt, voller Zweifel, nach Amerika. Amerika! Klischees sind eine großartige Sache. Während meiner letzten Tour in Kanada sagte mir eine amerikanische Jazzsängerin, die ich sehr bewundere, ich sei doch Schweizerin und folglich pünktlich und korrekt. Ich erwiderte ihr, sie sei doch Amerikanerin und demnach ungebildet und dick! Innerhalb eines Augenblickes wurde mir der kolossale Missklang meines Witzes bewusst. Entgegen jeder Absicht hatte ich sie unendlich beleidigt.

So schaue ich besorgt den bevorstehenden vier Wochen Tour entgegen. Zusammen mit zwei Deutschschweizer Musikern, einem Techniker aus Fribourg und einem jurassischen Manager werde ich "Die Menschen der Wüste" – Tinariwen – auf ihrer USA-Tour begleiten. Von L.A. bis nach Minneapolis. Tinariwen, das sind fünf verschleierte malische Tuareg, die sich vor 30 Jahren in einem libyschen Militärausbildungslager Muammar al-Gadhafis kennenlernten und inzwischen weltweit für ihre Musik gefeiert werden.

Klischees treffen hier auf ihre Grenzen. Darf man einen dieser ehemaligen Soldaten fragen, ob und wie viele Menschen er getötet hat? Darf man einen gläubigen Quäker fragen, ob das "innere Licht" nachts blendet? Darf man einem Jazzmusiker in New Orleans erzählen, wie viel ein Jazzmusiker in Zürich verdient?

Ist Amerika tatsächlich die Überhöhung unserer schlechtesten Eigenschaften? Oder unserer besten? Wie lange noch, Amerika? Und endlich: Was, bitte schön, wird dann aus uns? Diese Fragen, liebe ZEIT-ONLINE-Leser, kreisen wie Geier über dem Flughafenbus, in dem ich jetzt sitze. Meine erste Post erhaltet ihr aus Los Angeles. So wünscht mir Glück im Zufall und bedenkt bei allem stets unser hoffnungsvolles Herz und unsere gottlose Natur.