Die 45-jährige Isländerin Björk Guðmundsdóttir © Universal Music

Am einen Ende des Universums gewinnt ein Kristallforscher den Chemienobelpreis , am anderen bereitet sich Island auf seine Gastrolle bei der Frankfurter Buchmesse vor. Und in seiner Mitte dreht sich seit heute eine Scheibe aus Makrolon: Björk hat ihr neues Album Biophilia veröffentlicht.

Crystalline heißt die erste Single. Doch auch das nun als CD, LP und Download erscheinende Album ist nur eine Facette: Biophilia will ein Gesamtkunstwerk sein. Um diesen Begriff kreisen Workshops, Videos, eine dreijährige Welttournee, ein Dokumentarfilm, eine Website – und nicht zuletzt eine App-Suite. Schon seit Juli ist die Biophilia -Galaxie für iPhone und iPad erhältlich, nach und nach lässt sie sich mit multimedialem Material zu den zehn Songs des Albums befüllen.

Warum dann überhaupt noch einen einfachen Tonträger veröffentlichen, mag sich Björk gefragt und vielleicht vergessen haben, dass die Apple-Welt ein Universum für sich ist, in dem sich nicht jeder bewegen kann oder möchte. Wer aber jetzt lediglich das sogenannte Standard Album erwirbt, sieht sich um den wichtigsten Teil des Biophilia -Projekts betrogen. Denn gerade die App setzt völlig neue Standards, wie sich Popmusik im digitalen, virtuellen Zeitalter präsentieren kann:

Am Anfang steht das schwarze All. Sphärische Chöre weiten die Sinne und stimmen den Besucher ein auf die Cosmogony , die Entstehung von Björks Weltensystem. Es schält sich aus dem Dunkel, während der große Tierfilmer Sir David Attenborough den Anspruch des Projekts erläutert : " Biophilia – die Liebe zur Natur in all ihren Ausprägungen. Sie geht einher mit einer ruhelosen Neugier und dem Drang, zu erforschen, wie Mensch und Natur einander begegnen." Jeder Planet in Björks neugeschaffener Galaxie ist ein Song, jeder Song eine App, und jede App widmet sich – für 1,59 Euro – einem anderen naturwissenschaftlichen Phänomen.


Moon beispielsweise fragt nach dem Zusammenhang zwischen den Mondzyklen, dem Tidenhub und dem Biorhythmus des Menschen. Virus dringt ein in das Verhältnis zu seinem Wirt und untersucht die Konzepte von Symbiose und Parasitismus. Crystalline ist eine Metapher für die regelmäßig wiederkehrenden Muster, aus denen Musik zusammengefügt ist.

Überhaupt: Die App-Suite zu Biophilia konzentriert sich nicht nur auf Naturwissenschaft, sondern möchte vor allem Musik in ihrer Struktur begreifbar machen. So ist jeder Song in mehreren Darstellungsformen erfahrbar: als klassisches Notensystem zum Mitlesen, in einer synästhetischen Visualisierung, als musikwissenschaftliche Analyse in Schriftform, und als interaktives Handyspiel, in dem der Nutzer den Songverlauf mitbestimmen kann.