Flucht ins Gestern: Die drei Geschwister Kitty, Daisy & Lewis sind äußerst erfolgreich mit ihrem historischen Rock'nRoll. © PIAS Recordings

Lana Del Rey ist ein gutes Beispiel. Über die Sozialen Netzwerke ist die 24-jährige Sängerin zu einem kleinen Star geworden. Sie sieht aus wie eine Hollywood-Diva im Look des White Trash, singt von den verlorenen Träumen Amerikas und setzt ihre Musikvideos aus grobkörnigen Archivsequenzen zusammen. YouTube liebt sie.

Ihr Konzept ist durchaus zeitgemäß, trotz aller Nostalgie. Nein, gerade wegen ihrer Nostalgie, würde der große britische Popkritiker Simon Reynolds erwidern. Lana Del Rey bestätigt die These, die er auf den rund 450 Seiten seines neuen Buches ausbreitet: In keiner Epoche der Popgeschichtsschreibung war die Rückbesinnung auf schon mal Dagewesenes so gegenwärtig wie in den vergangenen zehn Jahren. Und er scheint recht zu haben. Vor Lana del Rey waren Kitty, Daisy & Lewis mit ihrem originalgetreuen Rock'n'Roll, Hurts mit ihrem kühlen Achtzigerjahresynthiepop, Adele mit ihrem Sechzigerjahresoul, The XX mit ihrem Post-Punk-Appeal, die Reihe ließe sich endlos fortsetzen.

Reynolds' telefonbuchdicker Band Retromania – Pop Culture's Addiction To Its Own Past attestiert der Popmusik einen besorgniserregenden Zustand. In den Nuller Jahren sei wenig Neues entstanden. Seine Diagnose: Pop erschöpft sich selbst in seiner manischen Flucht in die Archive. Die Digitalisierung und Archivierung aller musikalischen Hervorbringungen, der einfache Zugang zu unendlichen Kulturdatenbanken wie YouTube oder dem iTunes Store hätten nicht zu einer ästhetischen Progression geführt, sondern zu einem Stillstand der musikalischen Originalität. An die Stelle der kreativen Megabands seien technologische Megamarken getreten: Nicht die Musiker, sondern Napster, Apple, Limewire, Last.fm, MySpace und andere hätten das vergangene Jahrzehnt geprägt.

Sein Kulturpessimismus ist Simon Reynolds selbst nicht ganz geheuer. So argumentiert er weniger aus der Sicht des Fatalisten, sondern aus der Haltung des enttäuschten Emphatikers. In seinen Publikationen hat sich der heute 48-Jährige gründlich mit den dominierenden Popgenres der vergangenen Jahrzehnte auseinandergesetzt. Seine Bücher über Rock, Rave, Hip-Hop und Post-Punk sind zu Standardwerken geworden. Reynolds war immer Kritiker und Fan in einer Person. Das verringert auch in Retromania den Abstand zum lesenden Musikfreund und erzeugt eine Verbindlichkeit, die den Autor trotz allem als sympathischen und daher glaubwürdigen Ankläger erscheinen lässt.

In einer überwältigenden Menge von Beispielen illustriert er, wie sich die heutige Popbranche in der Verwertung der Vergangenheit eingerichtet hat: angefangen bei Rockmuseen, über Wiedervereinigungen längst zersplitterter Bands, ihre Auferstehung in Tribute-Kapellen, die Wiederveröffentlichungen alter Bestseller-Alben, die verklärende Nostalgie der Popdokumentationen im Fernsehen, der auflebende Vinyl-Fetischismus , die unzähligen Cover-Versionen in den Charts, die Sampling- und Mash-Up-Kultur bis hin zu musikalischen Genres, die uns zunächst als neu erscheinen, aber schnell als historisierend entlarvt werden können.