Wegen seiner herausragenden Technik, Virtuosität und Improvisationsfähigkeit erlangte Wynton Marsalis höchste internationale Auszeichnungen als klassischer Trompeter und Jazzmusiker. Im Jahr 1984 erhielt er je einen Grammy im Klassik- und Jazz-Segment – ein bis dahin einzigartiger Vorgang in der Geschichte der Grammy Awards, der sich 1985 wiederholen sollte.

Das Wynton Marsalis Septet repräsentierte Anfang der 1990er Jahre den Erfolg der jungen neotraditionalistischen Bewegung im New Yorker Jazz und den Beginn einer letzten großen weltweit greifenden Jazzkonjunktur. Seit Anfang der Achtziger lebt Marsalis in New York. Dort lernte er den schwarzen Publizisten Stanley Crouch kennen, der zu seinem engsten Berater und Mentor wurde: Von ihm assistiert gründete Marsalis 1991 die Jazz-Institution am New Yorker Hochkultur-Tempel Lincoln Center.

Seitdem hat sich in den USA die gesellschaftliche Wahrnehmung von Jazz verändert. Die Debatten um die Kanonisierung bei JALC (Jazz at Lincoln Center) und die Aktivitäten von Wynton Marsalis deuten eine grundlegende Wende im Jazz an: Zum ersten Mal in seiner Geschichte ist der Jazz auf der Ebene der zeitgenössischen Kultur angekommen: Anerkannt, aufgeführt, institutionalisiert. Das jährliche Budget lag 2008 bei 42 Millionen Dollar, im Rückblick wird deutlich, dass JALC den Verteilungskampf um das Fördergeld für die New Yorker Jazzszenen gewonnen hat.

Marsalis war ein einflussreicher Berater des Filmemachers Ken Burns und hatte eine eigene Vorlesungsreihe an der Harvard University (2011). So ist es ihm gelungen, seine Definitionsmacht sukzessive ausbauen. Der Jazzkritiker Gary Giddins sagt: "Als Wynton Marsalis nach New York kam, änderte sich hier viel. Er war der Ronald Reagan unter den Jazzmusikern, er redete konservatives Zeug, er brachte die Anzuguniform in die Clubs zurück, er propagierte alten Swing und entsprechende Kompositionsformen. Und viele Musiker, die nicht mit ihm übereinstimmten, verstummten. Bloß nicht politisch werden, man könnte ja Widerspruch ernten." Eine folgenschwere Zäsur war die Wiederwahl Bushs im November 2004. Für zahlreiche Jazzmusiker, die sich gegen Bush mit künstlerischen Mitteln engagiert hatten, endete ihr öffentlich bekundetes politisches Interesse mit dem Rückzug ins Private.

Ein Paradoxon: Die Bewahrung des kulturellen schwarzen Erbes ist nur um den Preis individualistischer Wertvorstellungen und Disziplin zu haben. Americana als der Versuch, eine farbenblinde nationale amerikanische Identität zu begründen, ist ein Konstrukt, in dem die Freiheit nur über harte Arbeit und Proben zu erreichen ist, nicht durch die bloße Kampfansage. Jene sind ernüchtert, die an eine gesellschaftsverändernde Wirkung ihrer Musik glaubten. Andere, die einst die permanente Weiterentwicklung des Jazz zum Thema gemacht haben, finden sich als Neuinterpreten der Tradition wieder. Eine weitere Fraktion verweigert sich den Fragen nach gültigen Codes der afroamerikanischen Musikkultur mit dem Verweis auf deren Hybridität und Unterschiedlichkeit.