Wynton Marsalis Der Jazz inmitten Amerikas

Der Trompeter Wynton Marsalis wollte den schwarzen Jazz in der amerikanischen Gesellschaft verankern. Christian Broecking hat untersucht, ob es ihm gelungen ist.

Wynton Marsalis und andere Jazzmusiker spielen für Barack Obama und Bill Clinton im Lincoln Center, 2009.

Wynton Marsalis und andere Jazzmusiker spielen für Barack Obama und Bill Clinton im Lincoln Center, 2009.

Wegen seiner herausragenden Technik, Virtuosität und Improvisationsfähigkeit erlangte Wynton Marsalis höchste internationale Auszeichnungen als klassischer Trompeter und Jazzmusiker. Im Jahr 1984 erhielt er je einen Grammy im Klassik- und Jazz-Segment – ein bis dahin einzigartiger Vorgang in der Geschichte der Grammy Awards, der sich 1985 wiederholen sollte.

Das Wynton Marsalis Septet repräsentierte Anfang der 1990er Jahre den Erfolg der jungen neotraditionalistischen Bewegung im New Yorker Jazz und den Beginn einer letzten großen weltweit greifenden Jazzkonjunktur. Seit Anfang der Achtziger lebt Marsalis in New York. Dort lernte er den schwarzen Publizisten Stanley Crouch kennen, der zu seinem engsten Berater und Mentor wurde: Von ihm assistiert gründete Marsalis 1991 die Jazz-Institution am New Yorker Hochkultur-Tempel Lincoln Center.

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Der Marsalis-Komplex
Der Marsalis-Komplex

Der Autor Christian Broecking ist einer der versiertesten Jazzkenner Deutschlands. In diesem Artikel verarbeitet er Auszüge aus seinem neuen Buch Der Marsalis-Komplex. Studien zur gesellschaftlichen Relevanz des afroamerikanischen Jazz zwischen 1992 und 2007. Der Band ist erschienen im Broecking Verlag und kostet 49,90 Euro (ISBN 978-3-938763-32-2).

Seitdem hat sich in den USA die gesellschaftliche Wahrnehmung von Jazz verändert. Die Debatten um die Kanonisierung bei JALC (Jazz at Lincoln Center) und die Aktivitäten von Wynton Marsalis deuten eine grundlegende Wende im Jazz an: Zum ersten Mal in seiner Geschichte ist der Jazz auf der Ebene der zeitgenössischen Kultur angekommen: Anerkannt, aufgeführt, institutionalisiert. Das jährliche Budget lag 2008 bei 42 Millionen Dollar, im Rückblick wird deutlich, dass JALC den Verteilungskampf um das Fördergeld für die New Yorker Jazzszenen gewonnen hat.

Marsalis war ein einflussreicher Berater des Filmemachers Ken Burns und hatte eine eigene Vorlesungsreihe an der Harvard University (2011). So ist es ihm gelungen, seine Definitionsmacht sukzessive ausbauen. Der Jazzkritiker Gary Giddins sagt: "Als Wynton Marsalis nach New York kam, änderte sich hier viel. Er war der Ronald Reagan unter den Jazzmusikern, er redete konservatives Zeug, er brachte die Anzuguniform in die Clubs zurück, er propagierte alten Swing und entsprechende Kompositionsformen. Und viele Musiker, die nicht mit ihm übereinstimmten, verstummten. Bloß nicht politisch werden, man könnte ja Widerspruch ernten." Eine folgenschwere Zäsur war die Wiederwahl Bushs im November 2004. Für zahlreiche Jazzmusiker, die sich gegen Bush mit künstlerischen Mitteln engagiert hatten, endete ihr öffentlich bekundetes politisches Interesse mit dem Rückzug ins Private.

Ein Paradoxon: Die Bewahrung des kulturellen schwarzen Erbes ist nur um den Preis individualistischer Wertvorstellungen und Disziplin zu haben. Americana als der Versuch, eine farbenblinde nationale amerikanische Identität zu begründen, ist ein Konstrukt, in dem die Freiheit nur über harte Arbeit und Proben zu erreichen ist, nicht durch die bloße Kampfansage. Jene sind ernüchtert, die an eine gesellschaftsverändernde Wirkung ihrer Musik glaubten. Andere, die einst die permanente Weiterentwicklung des Jazz zum Thema gemacht haben, finden sich als Neuinterpreten der Tradition wieder. Eine weitere Fraktion verweigert sich den Fragen nach gültigen Codes der afroamerikanischen Musikkultur mit dem Verweis auf deren Hybridität und Unterschiedlichkeit.

Leser-Kommentare
  1. Der Tod des Jazz trat praktisch lautlos und schon vor ein paar Jahrzehnten ein - als er nämlich seinen Weg in die Konservatorien fand. Dort wurde er standardisiert, eingedost und in Schubladen einsortiert. Die wesentlichen Elemente des Jazz, das Einzigartige, das Nichtwiederholbare, das Archaische, das stetige Beschreiten neuer musikalischer Wege, das stetige Neubeleuchten von bereits bestehender Musik - all das ist mit den Anforderungen der Konservatorien, aber auch mit dem streng an betriebswirtschaftlichen Regeln und Standards im Musikgeschäft nicht möglich.

    Der Jazz hat weniger etwas mit der heutigen klassischen Konzertmusik gemein - obwohl manche dies gerne glauben. Er hat mehr etwas mit Musikrichtungen gemein, deren Nähe von den Protagonisten der "Ernsten Musik" - welch grauenerregender Begriff - entweder verachtet oder gar nicht wahr genommen werden.

    Jazz - das ist eben eine Musik, die der klassischen Volksmusik - und hiermit meine ich eben nicht die Heile-Welt-Musik des Musikantenstadls - in ihrer Derbheit und ihrer Archaität sehr nahe steht. Jazz - das ist die Musik, die immer noch in den Ghettos gespielt wird - aber von außen her nicht als Jazz wahrgenommen wird: mit der Dönerbude möchte man eben nichts zu tun haben - und erst recht nichts mit dem aus ihr herausschallenden Rap der Ghetto-Kids. Dabei sind letztere dem Ideal des Jazz im Schwarzen Sinne um ein Vielfaches näher, als die Absolventen der Konservatorien jemals sein können.

    • tazzz
    • 18.10.2011 um 12:07 Uhr

    Interessantes Thema - auch mit der Erwiderung vom obigen Forumskollegen. Zu Marsalis mal die Frage: warum hat der Miles Davis den Wynton eigentlich gehasst wie die Pest???
    Kann man das irgendwo nachlesen???

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    Ratsam ist die Lektüre von Miles Davis' Autobiographie - in der es, entgegen anderer Meinungen, nicht nur Pornographie geht. Tatsache ist, dass die Marsalis-Brüder nichts wirklich Neues im Jazz mitbrachten, sondern "Bewährtes" aufwärmten. Die Marsalis-Brüder stehen insofern in einem krassen Gegensatz zu Davis, der musikalischen Neuerungen gegenüber immer offen war und da auch keine Berührungsängste kannte.

    Davis hat in seiner Autobiographie, aber auch in zahlreichen Interviews immer wieder auf die kommende Bedeutung des Rap für den Jazz hingewiesen. In der Musikwissenschaft tut man sich ja selbst heute, über 20 Jahre nach dem Tod von Davis mehr als schwer, selbst den Funk der 1980er Jahre in den Jazz einzuordnen; vom Rap will man gar nichts wissen, in einigen Kreisen wird sogar disktutiert, ob Rap überhaupt Musik ist.

    • aji
    • 18.10.2011 um 22:45 Uhr

    Fusion

    • Leotse
    • 06.11.2011 um 11:52 Uhr

    In seiner Miles Davis' Autobiographie ist auch zu lesen, dass Wynton Marsalis mal bei einem Davis Konzert ungefragt auf die Bühne kam, um ein bißchen mitzuspielen. Wynton hielt sich sicher für einen Star und dachte das geht schon, Davis hielt sich allerdings für Gott und fand das garnicht lustig.

    Ratsam ist die Lektüre von Miles Davis' Autobiographie - in der es, entgegen anderer Meinungen, nicht nur Pornographie geht. Tatsache ist, dass die Marsalis-Brüder nichts wirklich Neues im Jazz mitbrachten, sondern "Bewährtes" aufwärmten. Die Marsalis-Brüder stehen insofern in einem krassen Gegensatz zu Davis, der musikalischen Neuerungen gegenüber immer offen war und da auch keine Berührungsängste kannte.

    Davis hat in seiner Autobiographie, aber auch in zahlreichen Interviews immer wieder auf die kommende Bedeutung des Rap für den Jazz hingewiesen. In der Musikwissenschaft tut man sich ja selbst heute, über 20 Jahre nach dem Tod von Davis mehr als schwer, selbst den Funk der 1980er Jahre in den Jazz einzuordnen; vom Rap will man gar nichts wissen, in einigen Kreisen wird sogar disktutiert, ob Rap überhaupt Musik ist.

    • aji
    • 18.10.2011 um 22:45 Uhr

    Fusion

    • Leotse
    • 06.11.2011 um 11:52 Uhr

    In seiner Miles Davis' Autobiographie ist auch zu lesen, dass Wynton Marsalis mal bei einem Davis Konzert ungefragt auf die Bühne kam, um ein bißchen mitzuspielen. Wynton hielt sich sicher für einen Star und dachte das geht schon, Davis hielt sich allerdings für Gott und fand das garnicht lustig.

  2. Ratsam ist die Lektüre von Miles Davis' Autobiographie - in der es, entgegen anderer Meinungen, nicht nur Pornographie geht. Tatsache ist, dass die Marsalis-Brüder nichts wirklich Neues im Jazz mitbrachten, sondern "Bewährtes" aufwärmten. Die Marsalis-Brüder stehen insofern in einem krassen Gegensatz zu Davis, der musikalischen Neuerungen gegenüber immer offen war und da auch keine Berührungsängste kannte.

    Davis hat in seiner Autobiographie, aber auch in zahlreichen Interviews immer wieder auf die kommende Bedeutung des Rap für den Jazz hingewiesen. In der Musikwissenschaft tut man sich ja selbst heute, über 20 Jahre nach dem Tod von Davis mehr als schwer, selbst den Funk der 1980er Jahre in den Jazz einzuordnen; vom Rap will man gar nichts wissen, in einigen Kreisen wird sogar disktutiert, ob Rap überhaupt Musik ist.

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    Antwort auf "Marsalis - Miles Davis"
  3. "Die Hoffnung auf eine Rückeroberung der gesellschaftlichen Wirksamkeit des afroamerikanischen Jazz, wie sie anlässlich der Berliner Jazztage 1964 von Dr. Martin Luther King, Jr. proklamiert wurde, hat sich mit seiner Institutionalisierung durch die Hochkultur nicht erfüllt. Race still matters."

    Wäre besagte Hoffnung erfüllt worden, stimmte der Satz "Race still matters" doch umso mehr. Ist doch wunderbar dass auch weiße Musiker Jazz machen "dürfen". Die Ansicht, dass Jazz reine "schwarze" Musik ist, ist sowieso nicht haltbar, da sie im Kern dem in Italien entstandenen Harmonieverständnis der gesamten westlichen Musik unterliegt.

    Im übrigen finde ich Marsalis schrecklich langweilig, kein Wunder, dass er so gut ankommt, ist der frühe Jazz nach heutigem Verständnis doch kaum noch "anstößig" und somit problemlos der breiten Masse vermittelbar.
    Auch seine - historisch nicht informierten - Klassik Einspielungen zeugen eher von dem Versuch weichgespülte Aufnahmen für jedermann zu machen, als von ernsthafter Auseinandersetzung mit der Musik.

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    ...und ist damit kein Jazz mehr.

    ...und ist damit kein Jazz mehr.

  4. ...und ist damit kein Jazz mehr.

    Antwort auf "Wie jetzt..."
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    ...auch nichts anfangen, zu langsam und poppig. Meine vorstellung von "gutem" Jazz geht eher Richtung Coltrane.
    Allerdings gibt es auch heute noch gute Scheiben, Ich kann Wolfgang Muthspiel Trio - Bright side empfehlen, traumhafte Gitarrenarbeit. Ebenso "Asmodeus: The Book of Angels, Vol. 7" mit Marc Ribot an der Gitarre, selten so abgefahren wildes Spiel von einem Trio gehört.
    "Flux" vom Ben Monder Trio ist auch sehr nice.

    ...auch nichts anfangen, zu langsam und poppig. Meine vorstellung von "gutem" Jazz geht eher Richtung Coltrane.
    Allerdings gibt es auch heute noch gute Scheiben, Ich kann Wolfgang Muthspiel Trio - Bright side empfehlen, traumhafte Gitarrenarbeit. Ebenso "Asmodeus: The Book of Angels, Vol. 7" mit Marc Ribot an der Gitarre, selten so abgefahren wildes Spiel von einem Trio gehört.
    "Flux" vom Ben Monder Trio ist auch sehr nice.

  5. ...auch nichts anfangen, zu langsam und poppig. Meine vorstellung von "gutem" Jazz geht eher Richtung Coltrane.
    Allerdings gibt es auch heute noch gute Scheiben, Ich kann Wolfgang Muthspiel Trio - Bright side empfehlen, traumhafte Gitarrenarbeit. Ebenso "Asmodeus: The Book of Angels, Vol. 7" mit Marc Ribot an der Gitarre, selten so abgefahren wildes Spiel von einem Trio gehört.
    "Flux" vom Ben Monder Trio ist auch sehr nice.

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    Ist das wirklich die Frage? Und muss Musik schon allein deswegen zwangsläufig langweilig sein, weil die Musiker das Konservatorium besucht haben? (Dizzy Gillespie und John Coltrane z. B. haben's auch getan). Allerdings kann längst noch nicht jeder etwas aussagen, der es auf seinem Instrument zu technischer Perfektion gebracht hat.

    Winton Marsalis ist zweifellos ein exzellenter Musiker. Ich habe ihn vor einigen Jahren mit dem Lincoln Center Jazz Orchestra live erlebt. Seine Aufnahmen finde ich allerdings auch eher weniger anregend, verglichen mit denen von Gillespie oder Coltrane.

    Mit Rap kann ich persönlich eher wenig anfangen, obwohl die Aufnahme von Reyhan Sahin ganz amüsant ist.
    Vielleicht gefällt Ihnen ja Matthias Schriefl:

    Kölsche Karnickel
    http://www.youtube.com/wa...

    Shreefpunk
    http://www.youtube.com/wa...

    Ist das wirklich die Frage? Und muss Musik schon allein deswegen zwangsläufig langweilig sein, weil die Musiker das Konservatorium besucht haben? (Dizzy Gillespie und John Coltrane z. B. haben's auch getan). Allerdings kann längst noch nicht jeder etwas aussagen, der es auf seinem Instrument zu technischer Perfektion gebracht hat.

    Winton Marsalis ist zweifellos ein exzellenter Musiker. Ich habe ihn vor einigen Jahren mit dem Lincoln Center Jazz Orchestra live erlebt. Seine Aufnahmen finde ich allerdings auch eher weniger anregend, verglichen mit denen von Gillespie oder Coltrane.

    Mit Rap kann ich persönlich eher wenig anfangen, obwohl die Aufnahme von Reyhan Sahin ganz amüsant ist.
    Vielleicht gefällt Ihnen ja Matthias Schriefl:

    Kölsche Karnickel
    http://www.youtube.com/wa...

    Shreefpunk
    http://www.youtube.com/wa...

    • aji
    • 18.10.2011 um 22:45 Uhr
    Antwort auf "Marsalis - Miles Davis"

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