Wynton Marsalis Der Jazz inmitten Amerikas
Seite 2/2:

Schwarze Kulturerfindungen wurden traditionell von Weißen ausgebeutet

Privatsysteme, Kollektivstrukturen und unabhängige Vertriebswege treten als Alternativlösungen in den Fokus, der Glaube an die Möglichkeit, die Musik neu zu erfinden, mischt sich mit der Erfahrung oder Vermutung, dass der Vermittelbarkeit neuer Klänge Grenzen gesetzt sind. Problematisch wird es, wenn die Initiative, sich anderen Kulturen zu öffnen, mit der Erfahrung konfrontiert wird, dass schwarze Kulturerfindungen traditionell von Weißen ausgebeutet wurden. Der Bruch mit Traditionen wird unterschiedlich erlebt. Als Verlust wird er empfunden, wenn er die Absonderung von der schwarzen Kultur impliziert. Als Chance, wenn auf transkulturell gleichberechtigter Ebene zur Entdeckung und Entwicklung neuer Artikulationsräume führt.

Wenn afroamerikanische Jazzmusiker ihre Musik historisch auch in einer Tradition von Widerstand und Protest verstehen, konnte man angesichts einer zunehmenden Schwächung der afroamerikanischen Position während der Bush-Ära nicht von einer widerstandsorientierten Künstlerbewegung sprechen, die Zunahme des Rassismus wurde eher mit hilflosen Gesten registriert. Das Gefühl, wieder einmal das Opfer gesellschaftlicher Prozesse zu sein, trägt zu einer weiteren Desillusionierung bei. Dass sich dennoch nach wie vor afroamerikanische Nachwuchsmusiker für die Improvisationskunst Jazz entscheiden, wird als deutliches Zeichen für dessen gesellschaftliche Relevanz gewertet. 

Die durch Wynton Marsalis repräsentierte gesellschaftliche und kulturelle Utopie des neotraditionalistischen Aufbruchs hat sich während des Untersuchungszeitraums dieser Arbeit nicht eingelöst. Die Hoffnung auf eine Rückeroberung der gesellschaftlichen Wirksamkeit des afroamerikanischen Jazz, wie sie anlässlich der Berliner Jazztage 1964 von Dr. Martin Luther King, Jr. proklamiert wurde, hat sich mit seiner Institutionalisierung durch die Hochkultur nicht erfüllt. Race still matters.

 
Leser-Kommentare
  1. Der Tod des Jazz trat praktisch lautlos und schon vor ein paar Jahrzehnten ein - als er nämlich seinen Weg in die Konservatorien fand. Dort wurde er standardisiert, eingedost und in Schubladen einsortiert. Die wesentlichen Elemente des Jazz, das Einzigartige, das Nichtwiederholbare, das Archaische, das stetige Beschreiten neuer musikalischer Wege, das stetige Neubeleuchten von bereits bestehender Musik - all das ist mit den Anforderungen der Konservatorien, aber auch mit dem streng an betriebswirtschaftlichen Regeln und Standards im Musikgeschäft nicht möglich.

    Der Jazz hat weniger etwas mit der heutigen klassischen Konzertmusik gemein - obwohl manche dies gerne glauben. Er hat mehr etwas mit Musikrichtungen gemein, deren Nähe von den Protagonisten der "Ernsten Musik" - welch grauenerregender Begriff - entweder verachtet oder gar nicht wahr genommen werden.

    Jazz - das ist eben eine Musik, die der klassischen Volksmusik - und hiermit meine ich eben nicht die Heile-Welt-Musik des Musikantenstadls - in ihrer Derbheit und ihrer Archaität sehr nahe steht. Jazz - das ist die Musik, die immer noch in den Ghettos gespielt wird - aber von außen her nicht als Jazz wahrgenommen wird: mit der Dönerbude möchte man eben nichts zu tun haben - und erst recht nichts mit dem aus ihr herausschallenden Rap der Ghetto-Kids. Dabei sind letztere dem Ideal des Jazz im Schwarzen Sinne um ein Vielfaches näher, als die Absolventen der Konservatorien jemals sein können.

    • tazzz
    • 18.10.2011 um 12:07 Uhr

    Interessantes Thema - auch mit der Erwiderung vom obigen Forumskollegen. Zu Marsalis mal die Frage: warum hat der Miles Davis den Wynton eigentlich gehasst wie die Pest???
    Kann man das irgendwo nachlesen???

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ratsam ist die Lektüre von Miles Davis' Autobiographie - in der es, entgegen anderer Meinungen, nicht nur Pornographie geht. Tatsache ist, dass die Marsalis-Brüder nichts wirklich Neues im Jazz mitbrachten, sondern "Bewährtes" aufwärmten. Die Marsalis-Brüder stehen insofern in einem krassen Gegensatz zu Davis, der musikalischen Neuerungen gegenüber immer offen war und da auch keine Berührungsängste kannte.

    Davis hat in seiner Autobiographie, aber auch in zahlreichen Interviews immer wieder auf die kommende Bedeutung des Rap für den Jazz hingewiesen. In der Musikwissenschaft tut man sich ja selbst heute, über 20 Jahre nach dem Tod von Davis mehr als schwer, selbst den Funk der 1980er Jahre in den Jazz einzuordnen; vom Rap will man gar nichts wissen, in einigen Kreisen wird sogar disktutiert, ob Rap überhaupt Musik ist.

    • aji
    • 18.10.2011 um 22:45 Uhr

    Fusion

    • Leotse
    • 06.11.2011 um 11:52 Uhr

    In seiner Miles Davis' Autobiographie ist auch zu lesen, dass Wynton Marsalis mal bei einem Davis Konzert ungefragt auf die Bühne kam, um ein bißchen mitzuspielen. Wynton hielt sich sicher für einen Star und dachte das geht schon, Davis hielt sich allerdings für Gott und fand das garnicht lustig.

    Ratsam ist die Lektüre von Miles Davis' Autobiographie - in der es, entgegen anderer Meinungen, nicht nur Pornographie geht. Tatsache ist, dass die Marsalis-Brüder nichts wirklich Neues im Jazz mitbrachten, sondern "Bewährtes" aufwärmten. Die Marsalis-Brüder stehen insofern in einem krassen Gegensatz zu Davis, der musikalischen Neuerungen gegenüber immer offen war und da auch keine Berührungsängste kannte.

    Davis hat in seiner Autobiographie, aber auch in zahlreichen Interviews immer wieder auf die kommende Bedeutung des Rap für den Jazz hingewiesen. In der Musikwissenschaft tut man sich ja selbst heute, über 20 Jahre nach dem Tod von Davis mehr als schwer, selbst den Funk der 1980er Jahre in den Jazz einzuordnen; vom Rap will man gar nichts wissen, in einigen Kreisen wird sogar disktutiert, ob Rap überhaupt Musik ist.

    • aji
    • 18.10.2011 um 22:45 Uhr

    Fusion

    • Leotse
    • 06.11.2011 um 11:52 Uhr

    In seiner Miles Davis' Autobiographie ist auch zu lesen, dass Wynton Marsalis mal bei einem Davis Konzert ungefragt auf die Bühne kam, um ein bißchen mitzuspielen. Wynton hielt sich sicher für einen Star und dachte das geht schon, Davis hielt sich allerdings für Gott und fand das garnicht lustig.

  2. Ratsam ist die Lektüre von Miles Davis' Autobiographie - in der es, entgegen anderer Meinungen, nicht nur Pornographie geht. Tatsache ist, dass die Marsalis-Brüder nichts wirklich Neues im Jazz mitbrachten, sondern "Bewährtes" aufwärmten. Die Marsalis-Brüder stehen insofern in einem krassen Gegensatz zu Davis, der musikalischen Neuerungen gegenüber immer offen war und da auch keine Berührungsängste kannte.

    Davis hat in seiner Autobiographie, aber auch in zahlreichen Interviews immer wieder auf die kommende Bedeutung des Rap für den Jazz hingewiesen. In der Musikwissenschaft tut man sich ja selbst heute, über 20 Jahre nach dem Tod von Davis mehr als schwer, selbst den Funk der 1980er Jahre in den Jazz einzuordnen; vom Rap will man gar nichts wissen, in einigen Kreisen wird sogar disktutiert, ob Rap überhaupt Musik ist.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Marsalis - Miles Davis"
  3. "Die Hoffnung auf eine Rückeroberung der gesellschaftlichen Wirksamkeit des afroamerikanischen Jazz, wie sie anlässlich der Berliner Jazztage 1964 von Dr. Martin Luther King, Jr. proklamiert wurde, hat sich mit seiner Institutionalisierung durch die Hochkultur nicht erfüllt. Race still matters."

    Wäre besagte Hoffnung erfüllt worden, stimmte der Satz "Race still matters" doch umso mehr. Ist doch wunderbar dass auch weiße Musiker Jazz machen "dürfen". Die Ansicht, dass Jazz reine "schwarze" Musik ist, ist sowieso nicht haltbar, da sie im Kern dem in Italien entstandenen Harmonieverständnis der gesamten westlichen Musik unterliegt.

    Im übrigen finde ich Marsalis schrecklich langweilig, kein Wunder, dass er so gut ankommt, ist der frühe Jazz nach heutigem Verständnis doch kaum noch "anstößig" und somit problemlos der breiten Masse vermittelbar.
    Auch seine - historisch nicht informierten - Klassik Einspielungen zeugen eher von dem Versuch weichgespülte Aufnahmen für jedermann zu machen, als von ernsthafter Auseinandersetzung mit der Musik.

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...und ist damit kein Jazz mehr.

    ...und ist damit kein Jazz mehr.

  4. ...und ist damit kein Jazz mehr.

    Antwort auf "Wie jetzt..."
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...auch nichts anfangen, zu langsam und poppig. Meine vorstellung von "gutem" Jazz geht eher Richtung Coltrane.
    Allerdings gibt es auch heute noch gute Scheiben, Ich kann Wolfgang Muthspiel Trio - Bright side empfehlen, traumhafte Gitarrenarbeit. Ebenso "Asmodeus: The Book of Angels, Vol. 7" mit Marc Ribot an der Gitarre, selten so abgefahren wildes Spiel von einem Trio gehört.
    "Flux" vom Ben Monder Trio ist auch sehr nice.

    ...auch nichts anfangen, zu langsam und poppig. Meine vorstellung von "gutem" Jazz geht eher Richtung Coltrane.
    Allerdings gibt es auch heute noch gute Scheiben, Ich kann Wolfgang Muthspiel Trio - Bright side empfehlen, traumhafte Gitarrenarbeit. Ebenso "Asmodeus: The Book of Angels, Vol. 7" mit Marc Ribot an der Gitarre, selten so abgefahren wildes Spiel von einem Trio gehört.
    "Flux" vom Ben Monder Trio ist auch sehr nice.

  5. ...auch nichts anfangen, zu langsam und poppig. Meine vorstellung von "gutem" Jazz geht eher Richtung Coltrane.
    Allerdings gibt es auch heute noch gute Scheiben, Ich kann Wolfgang Muthspiel Trio - Bright side empfehlen, traumhafte Gitarrenarbeit. Ebenso "Asmodeus: The Book of Angels, Vol. 7" mit Marc Ribot an der Gitarre, selten so abgefahren wildes Spiel von einem Trio gehört.
    "Flux" vom Ben Monder Trio ist auch sehr nice.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
  6. Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ist das wirklich die Frage? Und muss Musik schon allein deswegen zwangsläufig langweilig sein, weil die Musiker das Konservatorium besucht haben? (Dizzy Gillespie und John Coltrane z. B. haben's auch getan). Allerdings kann längst noch nicht jeder etwas aussagen, der es auf seinem Instrument zu technischer Perfektion gebracht hat.

    Winton Marsalis ist zweifellos ein exzellenter Musiker. Ich habe ihn vor einigen Jahren mit dem Lincoln Center Jazz Orchestra live erlebt. Seine Aufnahmen finde ich allerdings auch eher weniger anregend, verglichen mit denen von Gillespie oder Coltrane.

    Mit Rap kann ich persönlich eher wenig anfangen, obwohl die Aufnahme von Reyhan Sahin ganz amüsant ist.
    Vielleicht gefällt Ihnen ja Matthias Schriefl:

    Kölsche Karnickel
    http://www.youtube.com/wa...

    Shreefpunk
    http://www.youtube.com/wa...

    Ist das wirklich die Frage? Und muss Musik schon allein deswegen zwangsläufig langweilig sein, weil die Musiker das Konservatorium besucht haben? (Dizzy Gillespie und John Coltrane z. B. haben's auch getan). Allerdings kann längst noch nicht jeder etwas aussagen, der es auf seinem Instrument zu technischer Perfektion gebracht hat.

    Winton Marsalis ist zweifellos ein exzellenter Musiker. Ich habe ihn vor einigen Jahren mit dem Lincoln Center Jazz Orchestra live erlebt. Seine Aufnahmen finde ich allerdings auch eher weniger anregend, verglichen mit denen von Gillespie oder Coltrane.

    Mit Rap kann ich persönlich eher wenig anfangen, obwohl die Aufnahme von Reyhan Sahin ganz amüsant ist.
    Vielleicht gefällt Ihnen ja Matthias Schriefl:

    Kölsche Karnickel
    http://www.youtube.com/wa...

    Shreefpunk
    http://www.youtube.com/wa...

    • aji
    • 18.10.2011 um 22:45 Uhr
    Antwort auf "Marsalis - Miles Davis"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service