Bon Iver im KonzertChor der Einsamen

Wenn Bon Iver in der Berliner Columbiahalle spielen, kommen Tausende: Glitzernde Schülerinnen und ergraute Dreitagebärte feiern die Vergemeinschaftung der Innerlichkeit. von 

Er kam von dort, wo die Kojoten heulen . Aus der Waldeinsamkeit ins gleißende Licht. Statt in der Hütte singt Justin Vernon heute seine Lieder auf den großen Bühnen. Und auch wenn er seit seinem Debütalbum drei Jahre Zeit hatte, sich an den Erfolg zu gewöhnen: Noch immer ist er geblendet von so viel Anteilnahme.

3.500 Menschen drängen sich seinetwegen in die Berliner Columbiahalle. Mehr als 5.000 haben keine Karten mehr bekommen, lässt der Konzertveranstalter ausrichten. Alle Termine der Tour schon seit Monaten ausverkauft.

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Massen strömen herbei, um den 30-Jährigen aus Wisconsin zu erleben, der dem sogenannten Weird Folk neue musikalische Weiten eröffnet hat. Der Chers Autotune, Phil Collins ’ Kitschdramatik und Van Halens Druckgitarren um eine flackernde Kerze versammelt. Der seine Stimme kunstvoll vom kernigen Bass ins silbrige Falsett führt. Dessen Songlyrik so schwer zu lesen ist wie ein Himmel voller Schneewolken. Der sich und seine Innigkeiten vor vier Jahren in eine Jagdhütte einschloss, um sie hinterher als Bon Iver der Welt zu öffnen.

Als er 2008 sein Debütalbum For Emma, For Ever Ago vorstellte, war er allein. Heute ist Bon Iver eine Band, und was für eine! Acht ausgezeichnete Multiinstrumentalisten umringen Justin Vernon: Posaune, Trompete, Altsaxofon, Basssaxofon, Klarinette, Waldhorn, Geige, Keyboard, Gitarre, Bass und die Kraft der zwei Schlagzeuge. Die Fleet Foxes mögen ja stolz auf ihren vierstimmigen Gesang sein. Vernon und seine Kojoten schicken die Füchse mit einem Kratzfuß zurück in den Bau: Die neunköpfigen Bon Iver schichten astreine Vokalharmonien, sind Chor und Orchester zugleich.

Nun wär' die meisterhafte Instrumentierung nichts ohne gute Songs. Auch davon haben Bon Iver genügend, die besten vom neuen Album spielen sie gleich zu Anfang. Wie sich Perth von einer berückenden Miniatur aus Gitarrenmelodie und Gesang zur großen Trommelbatterie auswächst oder in Minnesota das fließende Fingerpicking harte Stromstöße vom Basssaxofon bekommt, umreißt das Spannungsfeld, in dem die folgenden 100 Minuten flirren. Vom Leisen ins Laute, vom Kleinen ins Große, wehmütige Ekstase und vergemeinschaftete Einsamkeit.

Aus dem Einzelgänger wurde eine Band, doch Bon Iver ist noch immer die Stimme des zurückgezogenen, in sich gekehrten, von der Welt und der Liebe enttäuschten Individuums. Das Ich in Kummer. 3500 Menschen sind also gekommen, um einen Abend lang gemeinsam allein zu sein. Hochgewachsene Karohemdenträger, glitzernde Schülerinnen, ergraute Dreitagebärte. Manch zartem Mädchen ist's dann doch zu viel der Innerlichkeit, und es klammert sich an seinen Nächsten, als Vernon im Kreise seiner Freunde zu Skinny Love ansetzt, dem Song, der durch den Soundtrack zur Arztserie Grey's Anatomy zum Hit wurde.

Zum großen Finale dann finden alle Einsamen im Chor zusammen, Kojoten werden zu Wolves : " What might have been lost? " schallt durch Tausend Kehlen. Eine der wenigen greifbaren Phrasen in Vernons Texten und doch so diffus wie ein Novembermorgen. Die Waldeinsamkeit ist vergessen, auf in den Bühnennebel der Mehrzweckarenen.

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Leserkommentare
    • anyweb
    • 02. November 2011 15:34 Uhr

    "Der hätte auch einfach eine CD abspielen können."

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Zunächst: Ich war leider nicht beim Konzert.

    Nach dem Konzert zu sagen, es sei nicht gut gewesen, weil alles wie auf der CD klang find ich schwierig: Dieser Gedanke beschlich mich zwar auch bereits ein paar Male auf dem Nachhauseweg von besuchten Konzerten. Hier finde ich es nicht angemessen.

    Als ich das Album "Bon Iver" hörte fragte ich mich, wie die Musiker die Songs live umsetzen. Mein Gedanke war: im Studio lässt sich diese Vielschichtigkeit möglicherweise durch Overdubbing deutlich einfacher umsetzen als live, auch weil viele Instrumente von EINER Person (natürlich nacheinander) eingespielten werden können.

    Ich war erstaunt und nicht weniger begeistert, als ich Videos im Internet sah (http://www.youtube.com/wa...)!

    Außerdem ist das Album erst dieses Jahr herausgekommen. Die exakte, "originale" Wiedergabe von Songs würde mich eher bei älteren, umso bekannteren Songs stören.

    Gutes Beispiel von originellen Versionen war übrigens vor kurzem Feist - ebenfalls in Berlin-, deren bekannteste Songs live höchstens am Text erkennbar waren (habe gehört es war besonders gut).

  1. Zunächst: Ich war leider nicht beim Konzert.

    Nach dem Konzert zu sagen, es sei nicht gut gewesen, weil alles wie auf der CD klang find ich schwierig: Dieser Gedanke beschlich mich zwar auch bereits ein paar Male auf dem Nachhauseweg von besuchten Konzerten. Hier finde ich es nicht angemessen.

    Als ich das Album "Bon Iver" hörte fragte ich mich, wie die Musiker die Songs live umsetzen. Mein Gedanke war: im Studio lässt sich diese Vielschichtigkeit möglicherweise durch Overdubbing deutlich einfacher umsetzen als live, auch weil viele Instrumente von EINER Person (natürlich nacheinander) eingespielten werden können.

    Ich war erstaunt und nicht weniger begeistert, als ich Videos im Internet sah (http://www.youtube.com/wa...)!

    Außerdem ist das Album erst dieses Jahr herausgekommen. Die exakte, "originale" Wiedergabe von Songs würde mich eher bei älteren, umso bekannteren Songs stören.

    Gutes Beispiel von originellen Versionen war übrigens vor kurzem Feist - ebenfalls in Berlin-, deren bekannteste Songs live höchstens am Text erkennbar waren (habe gehört es war besonders gut).

  2. Bon Iver ist das Paradebeispiel für postmoderne Langeweile in der ach so unkommerziellen Indie-Sparte der Populärmusik. Warum soll man jemandem zuhören, der singt wie ein kastrierter Philosoph und alles, was schlecht und sentimental und kitschig war an der Popmusik der letzten Jahrzehnte, mit seinem schwachbrüstigen "Weird Folk" vermischt?

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Chor | Folk | Gesang | Minnesota | Phil Collins | Konzert
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