Franz Josef Degenhardt Je leiser er sang, desto böser

Mit seinen Liedern störte er den satten Frieden der alten BRD. Sie waren sarkastisch, oft menschlich. Zum Tod von Franz Josef Degenhardt.

Rund fünfzig Jahre ist es her, dass Franz Josef Degenhardt mit seinen Liedern den satten Frieden der alten Bundesrepublik nachhaltig störte. Harmonisch und wohlgefällig klangen die Akkorde seiner Gitarre, und leise war seine Stimme. Aber er artikulierte die Texte, als hätte er Messer anstelle von Zähnen.

Diese Texte hatten es in sich. Sie waren böse und sarkastisch, zuweilen gemein, aber sie schilderten in einprägsamen Bildern eine Szenerie, die den Wirtschaftswunderkindern bekannt vorkam – jedenfalls denen, die dem Frieden nicht recht trauten. In seinem Lied vom Deutschen Sonntag malt er eine grässliche Idylle an die Wand, und dahinter lauert nichts anderes als das alte deutsche Unheil. "Dann geht’s zu den Schlachtfeldstätten, / um im Geiste mitzutreten, / mitzuschießen, mitzustechen, / sich für wochentags zu rächen". Vorher aber der obligatorische Gang zur Kirche: "Familienleittiere voran, / Hütchen, Schühchen, Täschchen passend, / ihre Männer unterfassend." Und dann die "Jungfrauen", die den Kaplan umstehen, "der so nette Witzchen macht / und wenn es dann so harmlos lacht."

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Wer diese Zeit erlebt hat, kennt das gut, es gab und gibt ja Schlimmeres. Aber was Degenhardt da aufspießte, war politisch gemeint. Gemeint war der ewige autoritäre Charakter, der jetzt den Gastarbeiter Tonio Schiavo als "Ithaker-Sau" beschimpfte; gemeint waren die schamlosen Opportunisten wie Horsti Schmandhoff; gemeint waren die Nazi-Typen, die wieder in ihren alten Ämtern saßen. Franz Josef Degenhardt lieferte der beginnenden Protestbewegung schlagkräftige Parolen, unvergessliche Bilder, und je leiser er sang, umso böser wurde er. Es waren ja zuweilen reine Sprechgesänge, eine frühe deutsche Form des Rap, wie etwa Die Befragung eines Kriegsdienstverweigerers: "also sie berufen sich hier pausenlos aufs grundgesetz / sagen sie mal / sind sie eigentlich kommunist?"

Ein Kommunist in der Tat war Degenhardt. 1971 wurde er aus der SPD ausgeschlossen, 1978 wurde er Mitglied der DKP. Und er radikalisierte sich immer mehr. Romane wie Zündschnüre (1973) oder Brandstellen (1974) – schon die Titel sind ein Signal – irritieren durch ihren eloquenten parteilichen Hass. Von Beginn an steht fest, wer auf der richtigen Seite steht, wo die Front verläuft.

Auch wer dieser kommunistischen Rechtgläubigkeit nicht folgen will, muss doch zugeben, dass er ein wirklicher Dichter war, vor allem in seinen frühen Liedern. Das bekannteste ist Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, eine ebenso faszinierende wie unheimliche Ballade über die Anziehungskraft des Dunklen und Schmutzigen. Das Dunkle spielt auch in seinem Lied Wölfe mitten im Mai die zentrale Rolle. Es sind die Alptraumbilder aus dem deutschen Märchenwald, die immer wieder in seinen Liedern auftauchen.

Und natürlich hat ihn die soziale Frage, der Gedanke der Gerechtigkeit stets beschäftigt, wie in einem seiner schönsten Lieder Der Mann von nebenan. Hier ist die Rede von den irdischen Gütern, deren Menge begrenzt ist. Ein jeder von uns, der ein gutes Leben hat, muss wissen, dass er damit einem anderen etwas wegnimmt, und deshalb lauten die ersten und die letzten Zeilen der vier Strophen immer gleich: "Dankst dem Mann von nebenan?" Das ist keine ideologische, sondern eine menschliche Frage.

Eines der allerersten Lieder Degenhardts heißt Ich möchte Weintrinker sein, und es malt die Utopie einer friedlichen und freundlichen Welt. In ihr wäre er gerne zu Hause gewesen. Alles in allem aber ist Degenhardt, der kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag am Montagabend gestorben ist, wohl kein Weintrinker gewesen.

 
Leser-Kommentare
  1. Degenhardt war einer der den kommunismus verhert hat-es muss hart für ihn gewesen sein in den letzten Jahren bestätigt zu bekommen, was er über den kapitalismus und seine folgen schon wusste und dass er doch recht hatte.

  2. ...Sie berufen sich hier pausenlos aufs Grundgesetz! Sagen Sie mal - sind Sie eigentlich Kommunist?
    Unvergeßlich. In diesem fröhlichen Deutschland von heute kann man sich die Typen, die Degenhardt aufs Korn nahm, gar nicht mehr vorstellen.

  3. Ein gutes Leben ermöglicht!
    Heute wäre er Spitzenpolitiker der G.....

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    • smojoe
    • 15.11.2011 um 16:51 Uhr

    "Sonntags in der kleinen Stadt" die beste Beschreibung dessen was in meiner Umgebung ablief. FJD hatte einfach geniale Texte.

  4. Er hat halt die sattsam bekannten linken Cliches und Vorurteile von sich gegeben. Ok, nette Musik aber sonst?

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    dass Sie seine Texte nicht wirklich kennen. Einen anderen Schluss lässt Ihre klischeehafte Beurteilung nicht zu.

    dass Sie seine Texte nicht wirklich kennen. Einen anderen Schluss lässt Ihre klischeehafte Beurteilung nicht zu.

  5. Franz-Josef Degenhardt ist ein wichtiger Kultur- und Gesellschaftskritiker der noch verkrusteten Nachkriegsjahre im Wirtschaftswunderland. Als Dichter oder Lyriker stach er gnadenlos in die offenen Wunden der saturierten BRD und gab manchem das Stichwort, aufzustehen und sich einzumischen. Seine Prosabände kann man ihm nachsehen, wenn man die gesamte Lebensleistung des Barden und Rechtsanwaltes betrachtet. das vergessen viele, die ihn polemisch bedrängen, dass er sich mit seinem Hamburger Anwaltskanzlei für viele eingesetzt hat, die in der Aufbruchstimmung nach 68 in politische Querelen kamen: Kriegsdienstverweigerer, Mietgeschädigte oder Berufsverbotsopfer. Seine Lieder sind für viele Gassenhauer im wahrsten Sinne des Wortes, Schmuddelkinder, Sonntags in der kleinen Stadt, Wölfe mitten im Mai waren nicht nur sprachlich eine Klasse für sich, sondern hielten der BRD-Wirklichkeit einen Spiegel vor.
    Väterchen Franz, versoffner Chronist, ach Väterchen Franz, erzähl du wie es ist.
    Alle Barden nach ihm haben von seinem Engagement profitiert, Wader, Wecker und Co.
    Wo Biermann kryptisch verquast scheiterte und dennoch von den Medien hofiert wurde, da war FJD der Mann der klaren Kante. Auch er hat Deutschlands neue Wirklichkeit geprägt.

    Man könnte wieder "venceremos" sagen, diesmal sind wir vielleicht ganz nahe dran, wer weiss.

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    Der olle Degenhardt war damals genauso berühmt wie Biermann. Beide hatten ihre Verdienste und Wahrheiten. Doch der Kapitalismus demontiert sich ja derzeit in einer Weise, dass Kabarettisten und Liedermacher gar nicht mehr mitkommen. Wir stehen nicht mehr vor einer Betonmauer namens Establishment und müssen Unterwanderstiefel anziehen, um sozialistische Utopien zu verbreiten. Es wird dank der Euro-Schulden-Banken-Krise so offen die Systemfrage gestellt wie seit 1968 nicht mehr. Insofern gibt es Hoffnung. Aber wir Älteren, die Degenhardt noch im Konzert erlebt haben, sollten nicht in linker Nostalgie baden, sondern schauen, wo wir uns zusammen mit den Jungen einmischen können. Es bewegt sich viel in diesem Land. Und plötzlich wird es wieder wichtig, auf welcher Seite man steht. Nicht jammern und picheln, hammern und sicheln!

    Der olle Degenhardt war damals genauso berühmt wie Biermann. Beide hatten ihre Verdienste und Wahrheiten. Doch der Kapitalismus demontiert sich ja derzeit in einer Weise, dass Kabarettisten und Liedermacher gar nicht mehr mitkommen. Wir stehen nicht mehr vor einer Betonmauer namens Establishment und müssen Unterwanderstiefel anziehen, um sozialistische Utopien zu verbreiten. Es wird dank der Euro-Schulden-Banken-Krise so offen die Systemfrage gestellt wie seit 1968 nicht mehr. Insofern gibt es Hoffnung. Aber wir Älteren, die Degenhardt noch im Konzert erlebt haben, sollten nicht in linker Nostalgie baden, sondern schauen, wo wir uns zusammen mit den Jungen einmischen können. Es bewegt sich viel in diesem Land. Und plötzlich wird es wieder wichtig, auf welcher Seite man steht. Nicht jammern und picheln, hammern und sicheln!

  6. dass Sie seine Texte nicht wirklich kennen. Einen anderen Schluss lässt Ihre klischeehafte Beurteilung nicht zu.

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    Antwort auf "Totale Überhöhung"
  7. Der olle Degenhardt war damals genauso berühmt wie Biermann. Beide hatten ihre Verdienste und Wahrheiten. Doch der Kapitalismus demontiert sich ja derzeit in einer Weise, dass Kabarettisten und Liedermacher gar nicht mehr mitkommen. Wir stehen nicht mehr vor einer Betonmauer namens Establishment und müssen Unterwanderstiefel anziehen, um sozialistische Utopien zu verbreiten. Es wird dank der Euro-Schulden-Banken-Krise so offen die Systemfrage gestellt wie seit 1968 nicht mehr. Insofern gibt es Hoffnung. Aber wir Älteren, die Degenhardt noch im Konzert erlebt haben, sollten nicht in linker Nostalgie baden, sondern schauen, wo wir uns zusammen mit den Jungen einmischen können. Es bewegt sich viel in diesem Land. Und plötzlich wird es wieder wichtig, auf welcher Seite man steht. Nicht jammern und picheln, hammern und sicheln!

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