Echtheit im Pop"Katy Perry fragt niemand nach Authentizität"

Echtheit ist eine Hippie-Ästhetik, die wieder auflebt, sagt der Wissenschaftler Ralf von Appen im Gespräch. Aber auch das Authentische ist im Pop meist nur vorgetäuscht. von 

Die Popsängerin Katy Perry

Die Popsängerin Katy Perry  |  © Michael Elins

ZEIT ONLINE: Herr von Appen, Sie beschäftigen sich wissenschaftlich mit Echtheit im Pop. Hat sich durch den Umgang mit Social Media unsere Wahrnehmung von Authentizität verändert ?

Ralf von Appen: Das klingt plausibel. Nehmen wir Katy Perry, die Black Eyed Peas , David Guetta , Kesha als Beispiele für viele, die sich gerade seit längerer Zeit in den Top Ten halten: Da wird gar keine Frage nach Authentizität gestellt. Diese Künstler machen kein Identifizierungsangebot, sie sagen nicht, für welche Szene sie stehen. Es sind einfach Popstars, denen es nur um Entertainment geht.

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ZEIT ONLINE: Diesem Popkonzept steht ein anderes gegenüber, das Authentizität vor sich herträgt. Sei sie nun echt oder inszeniert.

Von Appen: Sicherlich. Die Großverdiener unter den Livebands sind AC/DC, Bon Jovi oder Rolling Stones, die ein Authentizitätsideal für die Erwachsenen bedienen, die Generation der Über-50-Jährigen.

ZEIT ONLINE: Das Festhalten am Echten ist also altersbedingt?

Ralf von Appen
Ralf von Appen

Dr. Ralf von Appen ist Musikwissenschaftler an der Universität Gießen. Er beschäftigt sich u.a. mit Authentizitätskonzepten in der populären Musik. Zudem ist er im Vorstand des Arbeitskreises Studium Populärer Musik (ASPM), der gerade in Paderborn eine Tagung zum Thema "Inszenierungen des Populären in der Musik" ausgerichtet hat.

Von Appen: Es scheint mir eine Hippie-Ästhetik zu sein, eine gegenkulturelle Sicht: Wir sind anders als der Mainstream und müssen das demonstrieren in all unseren kulturellen Äußerungen. Aber bei den Popstars der Teenager spielt Authentizität nicht mehr so eine Rolle. Wobei bestimmt die wenigsten von ihnen ein Problem haben, Mainstream zu sein.

ZEIT ONLINE: Wenn man dem britischen Kritiker Simon Reynolds folgen will, ist es kein Zufall, dass ältere Popmodelle eine Renaissance feiern . Künstler wie Adele oder Neo-Folk-Bands, die das Authentische inszenieren, landen – neben dem Plastikpop – in den Charts. Und ihre Hörer sind nicht alle über 50.

Von Appen: Dennoch orientiert sich diese Musik an einem alten Wertesystem. Ich glaube, das Publikum dieser Bands besteht zum großen Teil aus Schläfern, die ein Herbert Grönemeyer, eine Norah Jones, Adele oder Amy Winehouse mal wieder dazu bewegt, einen physischen Tonträger zu kaufen. Hier kommt die alte Authentizitätsideologie wieder zum Tragen.

ZEIT ONLINE: Ob sie trägt, ist bestimmt auch abhängig vom jeweiligen Genre. Punk zum Beispiel...

Von Appen: Man hält Punk für authentisch. Er kommt aus der Arbeitslosigkeit, aus dem britischen Klassensystem, aus einer Verzweiflung an den wirtschaftlichen Verhältnissen und Möglichkeiten. Aber es gab immer auch den Punk von der Kunsthochschule, sowohl in England als auch in Amerika, der mit diesen sozialen Verhältnissen überhaupt nichts zu tun hat. Er ist eher ein ästhetischer Protest gegen die Verhältnisse.

ZEIT ONLINE: Die Countrysängerin Taylor Swift ist einer der erfolgreichsten Popstars der USA . Wie echt können diese Holzfällergenres heute noch sein?

Von Appen: Im Country ist Authentizität ganz wichtig. Der typische Countrystar gibt noch lange nach dem Konzert Autogramme, muss in Jeans und Cowboyhut und Stiefeln auf die Bühne gehen, damit er echt ist. Und trotzdem wissen wir, dass das alles aus Nashville kommt und hochgradig professionalisiert ist. Der Star ist eben nicht der Familienvater, der abends nach dem harten Tag auf dem Feld noch ein bisschen Musik macht. Diese Echtheit ist inszeniert.

ZEIT ONLINE: Einen Kontrapunkt zur Natürlichkeit setzt Lady Gaga . Sie behauptet regelmäßig, ihre Künstlichkeit sei das Echte, es gebe nichts hinter der Maske.

Von Appen: Aber auch sie hat Strategien der Authentifizierung. Einerseits über den politischen Ansatz, dass sie sich gegen Homophobie ausspricht. Andererseits über die enge Verbindung zu ihrer Community, ihren kleinen Monstern. Auf handwerklicher Ebene hat sie gleich zu Anfang deutlich gemacht, dass sie alles selbst schreibt, dass sie singen und Klavier spielen kann und sie – wie sich das eigentlich eher im Rockbereich gehört – durch alle Clubs getingelt ist.

ZEIT ONLINE: Das heißt, wenn der Künstler einmal gezeigt hat, dass er sein Handwerk beherrscht, kann er sich später auch jede Art der Künstlichkeit erlauben, weil sich das Echte über YouTube oder andere digitale Archive immer wieder abrufen lässt?

Leserkommentare
    • Fluhu
    • 24. November 2011 18:01 Uhr

    ultrakonservativ. Eine Pfarrerstochter, die als sie gefragt wurde ob sie gern Frauen küsse, aufgrund ihres Songs "I kissed a girl (and i liked it)", nur mit dem Kopf schüttelte. Aber küssende Frauen stimulieren den männlichen Sexualtrieb, schließlich erinnern sie an Lesbenpornos, wo es nicht nur beim Küssen bleibt.
    Kunstprodukte wie Katy Perry haben viele Marktanalysen und Massenscreenings durchlaufen. Sie ist verkaufbar. Kommt an, wird gekauft.
    Aber es ist nur selbstverständlich, dass jemand, der sich mit Musik auskennt, eben auch etwas von der Musik erwartet. Und ob Katy Perry nun ein eiskaltes Industrieprodukt oder doch ein Kunstprodukt ist, ist herausfindbar.

    Rettet das Vinyl! Falco lebt!

  1. Man konnte auch früher (= in den 70ern onder 80ern) schon alle möglichsen Musikstile hören, selber spielen und sich offen darüber äussern.
    Allerdings gabs auch damals schon die Eindimensionalen, die einer bestimmten Musikmode anhingen, nicht weil sie ihnen besonders gefiel, sondern weil es gerade "in" war und sie nix anderes kannten. Ich habe nicht den Eindruck, als habe sich irgendetwas geändert.
    Die Ohren aufmachen muss man auch heute noch. Früher war es etwas schwieriger, an weniger bekannte Musik ranzukommen. Das ist heute einfacher geworden.
    Authentizität ist in meinen Ohren "Marketing-Sprech". Interessiert niemanden (und "früher" war das auch nicht anders).

    2 Leserempfehlungen
  2. Die Erklärungen des Herrn Appen sind leider mal wieder die typischen "steilen Thesen" der kulturwissenschaftlich orientierten Popmusikforschung.

    Einige Kostproben zu sogenannten "strong claims", für die weder Herr Appen noch andere Vertreter dieser Art von Forschung irgendwelche belastbaren Daten besitzt:

    1. "Die Black Eyed Peas (...) da wird keine Frage nach Authentizität gestellt. Es sind einfach Popstars, denen es nur um Entertainment geht."
    -->Woher weiß er das?

    2. "Bei den Popstars der Teenager spielt Authentizität nicht mehr so eine Rolle."
    --> Wo gibt es dafür Belege?

    3. "Man kann heute veschiedene Stile gleichzeitig hören, die vorher niemals zusammen erlaubt gewesen wären."
    --> Was ist die Grundlage für diese "Omnivoren"-Hypothesen des Musikgeschmacks? Sozialpsychologische Studien hierzu sind mir nicht bekannt.

    Jede dieser Aussagen kann man mit der Frage "Woher weiß er das?" aushebeln. Solange die Popmusikforschung auf diesem Niveau mit aus der Hüfte geschossenen Thesen arbeitet, wird zur Erklärung des spannenden Gegenstands populäre Musik nur wenig beitragen. Spannend wäre es dagegen, zu jedem "strong claim" ein Experiment zu diskutieren, mit dem eine wissenschaftliche Überprüfung möglich wäre. Sonst kommt man hier nicht weiter.

    Eine Leserempfehlung
  3. Ich kann den Thesen von Appens´ ebenfalls nichts abgewinnen!
    Ich schließe mich der Verwunderung an und möchte dem "Woher weiß er das?" des vorherigen Posts etwas hinzufügen. Und zwar die Frage wieso der Begriff "Authentizität" derartig einseitig eingesetzt wird? Kann es nicht genauso gut sein das "Katie Perry", "Beyoncé" und die "Black Eyed Peas", eine besondere Art der "Authentizität" repräsentieren. Es müsste vielmehr darum gehen die Begriffswandlung zu verfolgen, anstatt das Ende der Gültigkeit eines abstrakten Begriffes zu behaupten. Kann es nicht sein dass Beyoncé und Katie Perry mittlerweile als viel authentischer wahrgenommen werden, weil es im allgemeinen Diskurs angekommen ist, dass niemand in der Öffentlichkeit authentisch im nicht-inszenierten Sinne sein könne?!!!!!

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