ZEIT ONLINE: Herr von Appen, Sie beschäftigen sich wissenschaftlich mit Echtheit im Pop. Hat sich durch den Umgang mit Social Media unsere Wahrnehmung von Authentizität verändert ?

Ralf von Appen: Das klingt plausibel. Nehmen wir Katy Perry, die Black Eyed Peas , David Guetta , Kesha als Beispiele für viele, die sich gerade seit längerer Zeit in den Top Ten halten: Da wird gar keine Frage nach Authentizität gestellt. Diese Künstler machen kein Identifizierungsangebot, sie sagen nicht, für welche Szene sie stehen. Es sind einfach Popstars, denen es nur um Entertainment geht.

ZEIT ONLINE: Diesem Popkonzept steht ein anderes gegenüber, das Authentizität vor sich herträgt. Sei sie nun echt oder inszeniert.

Von Appen: Sicherlich. Die Großverdiener unter den Livebands sind AC/DC, Bon Jovi oder Rolling Stones, die ein Authentizitätsideal für die Erwachsenen bedienen, die Generation der Über-50-Jährigen.

ZEIT ONLINE: Das Festhalten am Echten ist also altersbedingt?

Von Appen: Es scheint mir eine Hippie-Ästhetik zu sein, eine gegenkulturelle Sicht: Wir sind anders als der Mainstream und müssen das demonstrieren in all unseren kulturellen Äußerungen. Aber bei den Popstars der Teenager spielt Authentizität nicht mehr so eine Rolle. Wobei bestimmt die wenigsten von ihnen ein Problem haben, Mainstream zu sein.

ZEIT ONLINE: Wenn man dem britischen Kritiker Simon Reynolds folgen will, ist es kein Zufall, dass ältere Popmodelle eine Renaissance feiern . Künstler wie Adele oder Neo-Folk-Bands, die das Authentische inszenieren, landen – neben dem Plastikpop – in den Charts. Und ihre Hörer sind nicht alle über 50.

Von Appen: Dennoch orientiert sich diese Musik an einem alten Wertesystem. Ich glaube, das Publikum dieser Bands besteht zum großen Teil aus Schläfern, die ein Herbert Grönemeyer, eine Norah Jones, Adele oder Amy Winehouse mal wieder dazu bewegt, einen physischen Tonträger zu kaufen. Hier kommt die alte Authentizitätsideologie wieder zum Tragen.

ZEIT ONLINE: Ob sie trägt, ist bestimmt auch abhängig vom jeweiligen Genre. Punk zum Beispiel...

Von Appen: Man hält Punk für authentisch. Er kommt aus der Arbeitslosigkeit, aus dem britischen Klassensystem, aus einer Verzweiflung an den wirtschaftlichen Verhältnissen und Möglichkeiten. Aber es gab immer auch den Punk von der Kunsthochschule, sowohl in England als auch in Amerika, der mit diesen sozialen Verhältnissen überhaupt nichts zu tun hat. Er ist eher ein ästhetischer Protest gegen die Verhältnisse.

ZEIT ONLINE: Die Countrysängerin Taylor Swift ist einer der erfolgreichsten Popstars der USA . Wie echt können diese Holzfällergenres heute noch sein?

Von Appen: Im Country ist Authentizität ganz wichtig. Der typische Countrystar gibt noch lange nach dem Konzert Autogramme, muss in Jeans und Cowboyhut und Stiefeln auf die Bühne gehen, damit er echt ist. Und trotzdem wissen wir, dass das alles aus Nashville kommt und hochgradig professionalisiert ist. Der Star ist eben nicht der Familienvater, der abends nach dem harten Tag auf dem Feld noch ein bisschen Musik macht. Diese Echtheit ist inszeniert.

ZEIT ONLINE: Einen Kontrapunkt zur Natürlichkeit setzt Lady Gaga . Sie behauptet regelmäßig, ihre Künstlichkeit sei das Echte, es gebe nichts hinter der Maske.

Von Appen: Aber auch sie hat Strategien der Authentifizierung. Einerseits über den politischen Ansatz, dass sie sich gegen Homophobie ausspricht. Andererseits über die enge Verbindung zu ihrer Community, ihren kleinen Monstern. Auf handwerklicher Ebene hat sie gleich zu Anfang deutlich gemacht, dass sie alles selbst schreibt, dass sie singen und Klavier spielen kann und sie – wie sich das eigentlich eher im Rockbereich gehört – durch alle Clubs getingelt ist.

ZEIT ONLINE: Das heißt, wenn der Künstler einmal gezeigt hat, dass er sein Handwerk beherrscht, kann er sich später auch jede Art der Künstlichkeit erlauben, weil sich das Echte über YouTube oder andere digitale Archive immer wieder abrufen lässt?