Zum Tod von Georg KreislerBitte keine Heuchler im Kondolenzbuch!

Der Tod Georg Kreislers wird von denen öffentlich bedauert werden, gegen die der Liedermacher ansang. Die Wunde, die ihm Österreich geschlagen hat, ist nie verheilt. von Thomas Rothschild

"Die Wunde versteht das Messer", sagte George Tabori. Aber das Messer versteht die Wunde nicht. Die Verbrecher wollen an ihre Untaten nicht erinnert werden. Dem Opfer geziemt es, zu schweigen. Wenn es sich beklagt, dann beruhigen die Täter sich und andere mit den standardisierten Erklärungen: Überempfindlichkeit sei da im Spiel, Paranoia gar.

In einem offenen Brief schrieb Georg Kreisler im Jahre 1996 an die politischen Repräsentanten Österreichs und Wiens, er wünsche zu seinen runden Geburtstagen keine Glückwünsche mehr zu erhalten. Warum?

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"Aber auf keinen Fall bin ich Österreicher, denn im Jahre 1945, nach Kriegsende, wurden die Österreicher, die 1938 Deutsche geworden waren, automatisch wieder Österreicher, aber diesmal nur diejenigen, die die Nazizeit mitgemacht hatten. Wer unter Lebensgefahr ins Ausland geflüchtet wurde, also auch ich, bekam seine österreichische Staatsbürgerschaft nicht mehr zurück. Zweitens aber, und das ist vielleicht noch wichtiger, kann ich nicht im Interesse der Republik Österreich sein, weil sich die Republik Österreich in den über vierzig Jahren, seit ich nach Europa zurückgekehrt bin, noch nie um mich geschert hat. Kein subventioniertes Theater, kein subventionierter Verlag, kein Funk, kein Fernsehen, keinerlei Schauspiel-, Musik- oder sonstige Schule, keine österreichische kulturelle Organisation hat mich je um Mitarbeit gebeten. Und wenn man mich manchmal vorübergehend engagieren, ein Buch von mir publizieren oder ein Fernsehprogramm mit mir veranstalten will, treten sofort diverse Leute auf den Plan, die es verhindern wollen und meistens auch können, sicher zu ihrer Freude, aber nicht zu meinem Leid, denn mir geht es unter solchen Umständen besser, wenn ich nicht nach Österreich komme. Glücklicherweise hat man mir nie die Chance gegeben, Sehnsucht nach Österreich zu haben."

Die Kränkung saß tief, und sie war keine Einbildung. Vielleicht war Georg Kreisler überempfindlich, aber das ändert nichts an der Richtigkeit seiner Aussage. Und jene, die dafür die Verantwortung tragen, haben nicht darüber zu befinden, ob die Wunde das Messer ein Messer nennen darf.

Der offene Brief schließt mit einer Bitte: "Und ich möchte dieser Heuchelei, die nur meinen Tod abwartet, um mich posthum zum Österreicher ernennen zu können, keinen Vorschub leisten. Noch bin ich am Leben, noch kann ich mich dagegen wehren. Deshalb ersuche ich Sie heute höflichst, meinen Namen von den entsprechenden Listen entfernen zu lassen und in Ihrer offiziellen Funktion von weiteren Geburtstagswünschen abzusehen."

Nun ist Georg Kreisler gestorben, acht Tage nach einem anderen missliebigen Liedermacher, nach Franz Josef Degenhardt, und er kann sich, wie dieser, nicht mehr dagegen wehren, dass ihn die Heuchler, die er zeitlebens bekämpft hat, vereinnahmen. Es wird ihm ergehen wie Thomas Bernhard. In ein paar Jahren werden sich die Österreicher Kreislers rühmen, den sein Taubenvergiften durch das Leben begleitet hat wie die Schmuddelkinder Degenhardt.

Leserkommentare
  1. Intelligent,wortgewaltig,musikalisch - eine rare Melange.
    Er hat sich so an den Österreichern abgearbeitet, daß er leider selten Zeit gefunden hat, den Deutschen was ins Stammbuch zu schreiben. Hat er zur Verschönerung von Gelsenkirchen beigetragen?

    Spielt seine Stücke!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    war durchaus ein Schmuckstück, bis er in den 70er Jahren dem Vandalismus der Modernisierung anheim fiel. Immer, wenn ich durch Gelsenkirchen fahre, muss ich an den schönen alten Bahnhof und an Kreislers Lied über des Kaisers Besuch in Gelsenkirchen nachdenken:..."Damen und Herren, fahren nach Gelsenkirchen, und gleich wieder weg, denn es hat keinen Zweck"...Heute findet man eine kühle, verdreckte Betonwüste, wo sich früher ein großer, kathedralenartiger, neogotischer Backsteinbahnhof mit einem wunderschönen, riesigen Bleiglasfenster befand. Kreisler hat diesem Bahnhof in seinem fröhlich-frechen Lied über Gelsenkirchen ein wunderbares Denkmal gesetzt, nicht zu vergleichen mit den öden Hymnen über Bochum oder anderen Plattitüden der der Jetztzeit.

    Es ist wahr, es kommen zu dieser Zeit allzu viele Heuchler und oberflächliche Bejubler - allerdings auch ehrliche Stimmen, wie die österreichische "Presse" oder die "Salzburger Nachrichten", die Georg Kreisler unverschämt noch ins Grab Dreck nachspritzen.
    Allein, leider greift auch der Autor dieses Artikels definitiv zu kurz - man merkt, dass er sich in Wahrheit vor dem Schreiben kaum mit Kreislers Arbeit auseinander gesetzt hat, sondern einfach Allgemeinblabla nachplappert. Seine Kenntnis (oder zumindest Nennung) des Oevres endet in den späten 70er Jahren, und negiert damit das um so vieles tiefere und substanziellere Werk der späteren Jahre.
    Es gibt einen Philosophischen Kreisler, einen blitzgescheit politischen, und vor allem einen nachgerade Hellsichtigen. Es gibt Lieder, die einem - und zwar alle mit hochintelligenter Komposition UND literarischem Wert trotz bissig und zeitweise witzig ausgefeilter Reime! - das Gefühl geben, sie könnten heute für morgen geschrieben sein. (zB "Ich werde nicht der Erste sein" das die mit der Occupy-Bewegung anfangenden und voraussichtlich blutiger werdenden Verteilungskämpfe vorwegnimmt, um nur eines zu nenen.)
    Ich habe immer gesagt und werde es weiter sagen: Die Reduzierung auf den "Schwarzhumorigen Kabarettisten" ist auch ein Weg, Inhalte zu marginalisieren, wenn man schon das handwerkliche nicht marginalisieren kann.
    Auch der Autor der obigen Zeilen verfällt diesem einfachen Weg.

  2. Zum Nachhören: Georg Kreisler erklärt, warum er so selten in Wien auftritt, spricht über Kulturpolitik und singt über österreichische Politiker...
    http://www.mediathek.at/o...
    (Beitrag aus dem Ö1-Mittagsjournal vom 26. November 1971)

  3. "Ich bin kein böser Mensch" hat er einmal in einem Interview gesagt. Er singe böse Lieder, weil er die Welt böse finde und weil er da etwas ändern wolle. Diejenigen, die er meinte, reagierten empört - etwa die Stadt Gelsenkirchen: http://www.spiegel.de/spi...

    Oder aber das Wiener Establishment, diese dünkelhafte - nach eigenem Bekunden - "bessere" Gesellschaft, hinter denen nichts als Schnösel mit schlechtem Benehmen standen. Er wäre nicht oft in Wien, hat Kreisler einmal in einem Invterwiev bekundet - er führe gerne dorthin, aber noch lieber wieder von dort weg.

    Angesprochen und brüskiert fühlten sich auch gewisse Tierfreunde, denen das Wohlergehen ihres Hundes wichtiger, als das Überleben der Menschheit ist.

    Ich bin froh, dass wir diesen scharfzüngigen Liedermacher, Lyriker, Autor, Kabarettisten etc. hatten!

  4. war durchaus ein Schmuckstück, bis er in den 70er Jahren dem Vandalismus der Modernisierung anheim fiel. Immer, wenn ich durch Gelsenkirchen fahre, muss ich an den schönen alten Bahnhof und an Kreislers Lied über des Kaisers Besuch in Gelsenkirchen nachdenken:..."Damen und Herren, fahren nach Gelsenkirchen, und gleich wieder weg, denn es hat keinen Zweck"...Heute findet man eine kühle, verdreckte Betonwüste, wo sich früher ein großer, kathedralenartiger, neogotischer Backsteinbahnhof mit einem wunderschönen, riesigen Bleiglasfenster befand. Kreisler hat diesem Bahnhof in seinem fröhlich-frechen Lied über Gelsenkirchen ein wunderbares Denkmal gesetzt, nicht zu vergleichen mit den öden Hymnen über Bochum oder anderen Plattitüden der der Jetztzeit.

    Antwort auf "Ein großer Verlust"
  5. Schade, wenn die Verletzungen so tief gehen, daß zu differenzierter Betrachtung kein Raum mehr bleibt. Verständlich. Aber schade. Es ist daher müßig, darauf hinzuweisen, daß es 'den Österreicher' genausowenig gibt wie 'den Deutschen', 'den Amerikaner' oder 'den Gelsenkirchener'. Wenn also der Eindruck erweckt würde, daß jeder Kreisler lobende Österreicher auch gleich ein Heuchler sei, wäre das irreführend. Genauso wie wir bereits in der Schule 'unseren Degenhart' kennen- und liebengelernt haben und kürzlich still eine Träne verdrückt haben. Und - ja - ich kann mir gut einen Wiener vorstellen, der herzhaft Kreislers "Wien ohne Wiener" schmettert.

  6. Lieber Gott, er wird nun zu dir kommen,
    Wenn er Glück hat, lässt du ihn auch rein,
    Warnen solltest du die andern Frommen,
    Denn er wird kein Bagatellfall sein.

    Wenn er kommt, verhülle deine Engel,
    Lass die rosa Wolken eingepackt,
    Nimm den Neuen väterlich am Gängel
    Und verbiet ihm den Dreivierteltakt.

    Unten hat er sich enorm verschwendet,
    Niemand sah ihn schief im Leben stehn,
    Immer hat er sich dem Witz verpfändet,
    Und zur Beichte ließ er andre gehn.

    Lass ihn spüren, dass der Ernst des Lebens
    Nunmehr auch für ihn beginnen wird,
    Sag ihm deutlich, dass er nun vergebens
    Sich aufs Lästermaul besinnen wird.

    Wenn es sein muss, lieber Gott, verbinde
    Ihm die Augen vor dem ewgen Glück,
    Dass er möglichst bald zur Reife finde.
    Und dann, bitte, schick ihn uns zurück!

    Amen.

    • Kyriae
    • 23. November 2011 20:42 Uhr

    Degenhardt und Kreisler sind aktueller denn je, solche Leute brauchen wir heute und wo sind sie?

  7. nettes und passendes Gedicht, danke.
    Erst Loriot, dann Degenhardt und nun Kreisler.
    Trauert nicht, freut Euch dass sie gelebt haben.

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