Narzissmus im Pop : Ich liebt sich und singt drüber

Wir leben in egomanischen Zeiten, das hört man auch unserer Musik an: Amerikanische Psychologen bestätigen, dass sich der Pop von der Gemeinschaft verabschiedet hat.
Zentrum ihres eigenen Universums: Lady Gaga singt für alle vom Ich. © Gareth Cattermole/Getty Images

Wer sich immer wieder im Spiegel anschaut, jede Sekunde sein Facebook-Profil prüft, ständig neue Fotos ins Internet stellt und fortwährend seinen Namen googelt, der darf sich als Narzissten bezeichnen. Und er ist in bester Gesellschaft. Psychologen haben jetzt herausgefunden, dass nicht nur das Internet ein beliebtes Spielfeld für Egomanen ist. Auch in der Popmusik dreht sich alles um das selbstverliebte Ich.

Wissenschaftler der University of Kentucky haben Songtexte aus dreißig Jahren Musikgeschichte analysiert. Ihre Studie beschäftigt sich mit der linguistischen Struktur von Popsong-Texten, genauer gesagt: mit der Frequenz von Personalpronomen wie Ich und Wir und mit der Häufigkeit von emotionalen Begriffen wie Liebe und Hass. Die Ergebnisse sind erwartbar und doch ernüchternd: In den vergangenen dreißig Jahren sei ein kontinuierlicher Anstieg der Personalpronomen Ich und Mich sowie eine Häufung von aggressiven Begriffen wie Bitch und Fuck zu beobachten, wobei Plural-Formulierungen und positive Gefühlsausdrücke immer seltener würden. Das Wir-Gefühl der achtziger Jahre sei einer selbstverliebten, egomanischen und schimpfwütigen Ich-Kultur gewichen.

Der Psychologe Dr. Nathan DeWall, Leiter des Experiments, hat sich ausschließlich mit Liedern beschäftigt, die im Zeitraum von 1980 bis 2007 entstanden sind. Dabei hielt er genrespezifische Unterschiede fest, um die Studie nicht zu verfälschen. Hip-Hop und Rap – Genres, in denen das Ego eine hervorgehobene Rolle spielt – hat er separat behandelt. Um dem Experiment eine gesellschaftsübergreifende Bedeutung zu verleihen, wurden nur die zehn erfolgreichsten Songs eines jeden Jahres analysiert. Die Tabellen, die detaillierte Einblicke in die Ergebnisse liefern, sprechen für sich: Egal, ob es in der Untersuchung um Einsamkeit oder soziale Isolation, Angst oder Aggression ging – in allen Varianten wurde ein Anstieg negativer und selbstfixierter Begriffe gemessen. Bestanden die beliebtesten Popsongs 1980 noch zu zehn Prozent aus Ich und Mich, waren es im Jahr 2007 schon über dreizehn Prozent. Positive Begriffe wiederum, die an ein Gemeinschaftsgefühl appellierten wie gemeinsam, Ihr, Kinder und Wir, nahmen in ihrer Häufigkeit dramatisch ab.

Dr. DeWall sagte kürzlich der New York Times, dass wachsender Narzissmus ein Phänomen aller gesellschaftlichen Bereiche sei. Die Ergebnisse ließen sich beispielsweise auch auf das Verhalten bei der Partnerwahl übertragen: In einer Studie der Universidad Simón Bolívar in Argentinien, in der es ebenfalls um narzisstische Phänomene ging, konnte gezeigt werden, dass Singles bevorzugt nach Partnern Ausschau hielten, die ihnen optisch und charakterlich ähnelten. Narzissmus sei also Teil eines exzentrischen Paradigmenwechsels, der im Pop unbewusst zum Ausdruck komme. Stichproben bestätigten dies: Texte wie Let's celebrate and have a good time (1981) von Kool & The Gang zielten noch auf ein gemeinsames Erlebnis, wobei in der Gegenwart so egomanische Zeilen wie It's personal, myself and I (2006) dominierten – gesungen von Fergie und den Black Eyed Peas, um dem angesprochenen Du mitzuteilen, dass das Ich glücklicher mache als das Wir.

Obwohl die Studie überwiegend positiv aufgenommen wurde, meldeten sich auch Stimmen, die den Gehalt der Ergebnisse bezweifeln. Immerhin müsse man in Betracht ziehen, so der Einwand eines Psychologen von der Columbia University, dass Narzissmus eine Folgeerscheinung radikaler Ehrlichkeit und langer Emanzipierungsprozesse sei. Demnach seien Menschen heute viel offener im Umgang mit ihren sozialen Bedürfnissen als noch vor dreißig Jahren – diesen Umstand könne man mit gleichem Recht als Fortschritt bewerten. Der stärkste Einwand ist jedoch, dass die Studie keine semantischen Zusammenhänge erfasst: Die linguistische Untersuchung geht von rein quantitativen, nicht von qualitativen Kriterien aus.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Plural oder Singular?

Soweit ich mich an meine Grammatikschulstunden in diversen Sprachen erinnern kann, ist die 1. Person Plural das "wir" und nicht das "ich".

aus dem Artikel:
"Würde man mit einem Erkennungsprogramm die Ich-Frequenz der beliebtesten deutschen Popsongs untersuchen, erhielte man ähnliche Ergebnisse wie in den USA. Nahezu alle Lieder, die im Jahr 2011 hierzulande in den Charts liefen, sind in der ersten Person Plural formuliert."

reflektieren

Aber der Artikel macht doch auch nicht wirklich etwas anderes als "unreflektiert zwei Zahlen herausgreifen".

Von weitergehenden Analysen, wie von Ihnen vorgeschlagen, ist jedenfalls nicht die Rede. (Und beispielsweise Ihr Vorschlag von einer Verkürzung der Satzstruktur und damit zusammenhângender Häufung von Pronomen würde ja eben nicht den Schluss zulassen, dass alle narzistisch werden.)

Der Artikel zieht seine Schlüsse ja genau aus den Personalpronomen.
Was zum Beispiel am Bandnamen "ich + ich" narzistischer sein soll als "Simon and Garfunkel" seh ich jetzt nicht so.

Signifikanz!

"Bestanden die beliebtesten Popsongs 1980 noch zu zehn Prozent aus Ich und Mich, waren es im Jahr 2007 schon über dreizehn Prozent. Positive Begriffe wiederum, die an ein Gemeinschaftsgefühl appellierten wie gemeinsam, Ihr, Kinder und Wir, nahmen in ihrer Häufigkeit dramatisch ab"

-Stimme hiki voll und ganz zu und wage kaum in Erwägung zu ziehen, wie sehr die positiven Begriffe wohl "dramatisch abgenommen" haben... (normalerweise beziffert man doch für einen besseren Effekt die schwerer wiegende Diskrepanz und lässt das weniger wichtige lieber etwas im Dunkeln, oder irre ich mich da?)

...und das rein quantitative Zählen von Wörtern als irgendwie relevant zu sehen scheint sowieso (wie im Artikel beschrieben) recht dünn. Das gilt also als wissenschaftliche Studie? Da braucht man doch ansich nur eine Suchmaschine: Texte aller Top 10 Hits ab 1980 und dann ein Computerprogramm "suche+finde" (Begriff "ich" gab x-Treffer). Ich glaube, ich werde auch Wissenschaftler. Vielleicht hat sich die Häufigkeit von "und" gegenüber von"oder" ja auch irgendwie verändert. Eine Deutung fällt mir dazu auch noch ein.