Protest-Pop 2011Der Soundtrack zur Revolte

Ob in Kairo, Tunis, London, Tel Aviv oder New York: Zu den jungen Aufständen dieses Jahres gehörte auch Popmusik. Wie politisch war sie eigentlich? von Philipp Wurm

Ein Popmogul zwischen Liberalismuskritikern: Kanye West besucht Occupy Wall Street.

Ein Popmogul zwischen Liberalismuskritikern: Kanye West besucht Occupy Wall Street.  |  © Timothy A. Clary/Getty Images

In Kairo stellten sie sich den Panzern des Mubarak-Regimes entgegen, in London setzten sie Einkaufshäuser in Brand, in New York hielten sie lange Reden auf öffentlichen Plätzen. 2011 war das große Jahr der Jugendproteste. Empörung, Zorn, manchmal Gewalt, alles war dabei, was schon immer zur Choreografie von Aufständen gezählt hat. Doch gab es auch Songs, die in Erinnerung blieben, etwa einen Soundtrack der Revolte? Eine Frage, die sich unweigerlich stellt. Denn spätestens seit Bob Dylans Blowin' in the Wind ist Popmusik ein emotionaler Verstärker zu Jugendbewegungen aller Art gewesen.

Folk-Musiker wie Dylan oder Joan Baez gaben den Anti-Kriegs-Demos der sechziger Jahre musikalischen Geleitschutz; Ton, Steine, Scherben untermalten in den Siebzigern die Hausbesetzungen der Spontis mit subversivem Rock. Und Rap von Public Enemy war in den späten Achtzigern, frühen Neunzigern das Manifest der schwarzen Bevölkerung in den USA gegen Diskriminierung und Unterdrückung.

Im Jahr 2011 ist es komplexer. So unterschiedlich die Proteste waren, so vielstimmig war ihr Echo in der Popmusik, manchmal war auch gar kein Echo zu vernehmen. Im arabischen Frühling war bekenntnishafter Rap ein Motor der Revolution: El Général etwa, ein muslimischer Junge aus der Mittelschicht, ermutigte mit seiner Hymne Rais Lebled ("Chef meines Landes") die tunesische Jugend zum Widerstand gegen die Machtelite um Präsident Ben Ali. Seine Raps fanden den Weg durch die sozialen Netzwerke, und El Général wurde zum Sprachrohr seiner Generation.

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Auch die jungen Ägypter, die den Tahrirplatz in Kairo zum Zentrum ihres Freiheitskampfs gemacht hatten, bedurften moralischer Unterstützung. Der Liedermacher Ramy Essam gab sie ihnen auf einer Bühne, die nicht mehr als ein Bretterverschlag war, und er brauchte dafür nur eine Gitarre und ein paar einfache Verse. "Wir gehen nicht", sang er, und an Präsident Hosni Mubarak richtete er die Worte: "Hau ab!" (Irhal). 

Die Begleitmusiker des arabischen Frühlings, und zu ihnen zählen noch einige andere, auch Rockbands und orientalisch-traditionelle Kollektive, waren heroisch auf eine Weise, die im westlichen Pop unbekannt ist. Sie setzten ihr Leben aufs Spiel, denn ihr Agitprop brachte sie in existenzielle Gefahr. Verhaftung, Folter, seelische Brechung. Und in der Tat: Der Tunesier El Général und der Ägypter Ramy Essam waren zwischenzeitlich inhaftiert, Essam wurde dabei sogar misshandelt. Dennoch ließen sich beide nicht von ihrer Mission abbringen.

El Général

Mit bürgerlichem Namen heißt er Hamada Ben Amor. Sein Vater ist Arzt, seine Mutter betreibt einen Buchladen. El Général ist streng gläubig. Er sagt: "Allah hat uns den Rap gegeben, damit wir uns von Unrecht befreien können." Mit seinem religiösen Bekenntnis folgt er der Tradition amerikanischer Rapper wie Ice Cube oder Nas, die aus ihrem muslimischen Glauben ebenfalls kein Geheimnis machen.

Ramy Essam

Essam war als Singer-Songwriter völlig unbekannt, ehe er zum Star der ägyptischen Revolution aufstieg: Er hatte Maschinenbau in der nordägyptischen Stadt Mansoura studiert und in seiner Freizeit Gitarre gespielt. Für seinen Mut zum politischen Engagement wurde Essam von der Menschenrechtsorganisation Freemuse ausgezeichnet.

Tom Morello

Als Gitarrist von Rage Against The Machine war er ein Spezialist für druckvollen Crossover zwischen Funk, Punk und Metal. Mittlerweile konzentriert sich Morello, der Politikwissenschaft studiert hat und schon immer meinungsfreudig war, auf Protestmusik in der Tradition von Pete Seeger. Vor kurzem ist sein Album World Wide Rebel Songs (New West Records) erschienen.

Lethal Bizzle

Bizzles jüngstes Album hieß Go Hard und erschien 2009, die Veröffentlichung eines neuen Longplayers ist erst 2012 geplant. Seinen größten Hit Pow (Forward) nahm er 2011 wegen des großen Erfolgs mit Kollegen wie Chipmunk und Wiley ein zweites Mal auf. Zur Grime-Szene zählen neben Lethal Bizzle auch Musiker wie Dizzee Rascal oder D Double E. Grime heißt übersetzt "Schmutz" oder "Dreck".

Gegen diese maximale Leidenschaft kann der westliche Pop nur saturiert und müde wirken. Der Groß-Rapper Kanye West beispielsweise, sonst um keine Provokation verlegen, stattete den Occupy-Wall-Street-Protesten in Manhattan lediglich einen halbherzigen Besuch ab. Er durchquerte die Menschentraube im Zucotti-Park, mit ihm das frühere Run-DMC-Mitglied Russell Simmons. Dabei blieb West stumm wie ein Fisch. Tom Morello, der hemdsärmelige Gitarrist von Rage Against The Machine, griff ein paar Tage später immerhin zu seinem Instrument, um den Woody-Guthrie-Klassiker This Land is Your Land anzustimmen. Aber ein Song, der die Demonstranten mitriss und ihre Besorgnis über wachsende soziale Ungerechtigkeit zum Ausdruck brachte, war nicht zu hören. Ernüchtert stellte ein Reporter der New York Times fest: "Den Protesten fehlt eine Melodie."

Leserkommentare
  1. genau, mehr ist nicht zu erwarten.....

    • TDU
    • 10. November 2011 12:34 Uhr

    Vielleicht liegst auch dran, dass das westliche Problem komplizierter ist. Wer soll weg und wer will wen weghaben.

    Dem Vielen stehen Viele gegenüber. Es fragt sich aber, ob es ein "we can Change the world rearange the World" - "Chicago", Crosby Stills and Nash, noch tut. Welche Welt denn?. Interessanterweise fraktioniert sich die Welt mit der Globalisierung.

    Aber Auswahl gibts genug. Von "breaking the law" über die Internationale, den hispanischen Liedern und den genannten Protestsängern/innen.

  2. ..."subkulturelle politische" Musik ("rechts & links") im Land - allerdings dürften diese Bands dem "Normalo" eher unbekannt sein.

    Ansonsten: es gibt mehr als genug "politisches Liedgut" auf der Welt!

  3. ... der Platz nicht mehr für einen Link zu Shlomo Artzi gereicht hat:

    http://www.youtube.com/watch?v=hGiNUsSHkr0 ("Jareach")
    http://www.youtube.com/watch?v=DRgJz2uRopQ ("Erez Chadasha")

    Ansonsten ein schöner Artikel.

    • oldsql
    • 10. November 2011 18:06 Uhr

    Tracy Chapman - Talking about a revolution

  4. Man lese folgende Interviews:

    http://www.spreeblick.com/2011/10/20/interview-ja-panik/

    http://www.spreeblick.com/2011/10/24/interview-ja-panik-teil-2/

    Man kann von ihrer Musik halten was man will, aber das ist für eine deutsche Rockband doch ziemlich beeindruckend.

  5. In Libyen gab es jede Menge Pop- und Rapsongs zur Revolution.
    Zur Hymne allerdings wurde dieses hier, so, wie es ist: a capella.
    http://www.youtube.com/watch?v=Kp89dnqZbrQ&feature=results_video&playnex...
    Wäre vielleicht eher mal einer Analyse wert, denn ein Lied wird ja nicht umsonst zur Hymne.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Kanye West | Hosni Mubarak | Joan Baez | Katy Perry | Pop | Popmusik
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