In Kairo stellten sie sich den Panzern des Mubarak-Regimes entgegen, in London setzten sie Einkaufshäuser in Brand, in New York hielten sie lange Reden auf öffentlichen Plätzen. 2011 war das große Jahr der Jugendproteste. Empörung, Zorn, manchmal Gewalt, alles war dabei, was schon immer zur Choreografie von Aufständen gezählt hat. Doch gab es auch Songs, die in Erinnerung blieben, etwa einen Soundtrack der Revolte? Eine Frage, die sich unweigerlich stellt. Denn spätestens seit Bob Dylans Blowin' in the Wind ist Popmusik ein emotionaler Verstärker zu Jugendbewegungen aller Art gewesen.

Folk-Musiker wie Dylan oder Joan Baez gaben den Anti-Kriegs-Demos der sechziger Jahre musikalischen Geleitschutz; Ton, Steine, Scherben untermalten in den Siebzigern die Hausbesetzungen der Spontis mit subversivem Rock. Und Rap von Public Enemy war in den späten Achtzigern, frühen Neunzigern das Manifest der schwarzen Bevölkerung in den USA gegen Diskriminierung und Unterdrückung.

Im Jahr 2011 ist es komplexer. So unterschiedlich die Proteste waren, so vielstimmig war ihr Echo in der Popmusik, manchmal war auch gar kein Echo zu vernehmen. Im arabischen Frühling war bekenntnishafter Rap ein Motor der Revolution: El Général etwa, ein muslimischer Junge aus der Mittelschicht, ermutigte mit seiner Hymne Rais Lebled ("Chef meines Landes") die tunesische Jugend zum Widerstand gegen die Machtelite um Präsident Ben Ali. Seine Raps fanden den Weg durch die sozialen Netzwerke, und El Général wurde zum Sprachrohr seiner Generation.


Auch die jungen Ägypter, die den Tahrirplatz in Kairo zum Zentrum ihres Freiheitskampfs gemacht hatten, bedurften moralischer Unterstützung. Der Liedermacher Ramy Essam gab sie ihnen auf einer Bühne, die nicht mehr als ein Bretterverschlag war, und er brauchte dafür nur eine Gitarre und ein paar einfache Verse. "Wir gehen nicht", sang er, und an Präsident Hosni Mubarak richtete er die Worte: "Hau ab!" (Irhal). 

Die Begleitmusiker des arabischen Frühlings, und zu ihnen zählen noch einige andere, auch Rockbands und orientalisch-traditionelle Kollektive, waren heroisch auf eine Weise, die im westlichen Pop unbekannt ist. Sie setzten ihr Leben aufs Spiel, denn ihr Agitprop brachte sie in existenzielle Gefahr. Verhaftung, Folter, seelische Brechung. Und in der Tat: Der Tunesier El Général und der Ägypter Ramy Essam waren zwischenzeitlich inhaftiert, Essam wurde dabei sogar misshandelt. Dennoch ließen sich beide nicht von ihrer Mission abbringen.

Gegen diese maximale Leidenschaft kann der westliche Pop nur saturiert und müde wirken. Der Groß-Rapper Kanye West beispielsweise, sonst um keine Provokation verlegen, stattete den Occupy-Wall-Street-Protesten in Manhattan lediglich einen halbherzigen Besuch ab. Er durchquerte die Menschentraube im Zucotti-Park, mit ihm das frühere Run-DMC-Mitglied Russell Simmons. Dabei blieb West stumm wie ein Fisch. Tom Morello, der hemdsärmelige Gitarrist von Rage Against The Machine, griff ein paar Tage später immerhin zu seinem Instrument, um den Woody-Guthrie-Klassiker This Land is Your Land anzustimmen. Aber ein Song, der die Demonstranten mitriss und ihre Besorgnis über wachsende soziale Ungerechtigkeit zum Ausdruck brachte, war nicht zu hören. Ernüchtert stellte ein Reporter der New York Times fest: "Den Protesten fehlt eine Melodie."