Post von Sophie Hunger (7)Nomaden in New York

Die Schweizer Popsängerin Sophie Hunger reist mit der Tuareg-Band Tinariwen durch die USA. Die Nomaden erzählen ihr, wie Muammar al-Gadhafi sie ausgenutzt hat. von Sophie Hunger

Liebe ZEIT-ONLINE-Leser,

die Armut überwiegt. Aber hier in Amerika gibt es etwas, das anders ist als das unendliche Leid in Indien, Russland oder Afrika. Etwas, das das Elend der Bevölkerung auf eine unheimliche Art betont: Man kennt diese Kleider, diese Straßenzüge, man kennt die Marken, die Gesten, die Floskeln, die Frisuren und den Humor. Die Armen hier tragen dieselben Baseball-Mützen, Holzfällerhemden und Dreitage-Bärte wie unsere Grafikstudenten zu Hause. Es sind dieselben Strandhäuschen aus der Fernsehserie Baywatch, in denen sie nachts Zuflucht suchen. Sie tragen Vornamen von Bekannten, sie singen Lieder, zu denen wir an unseren Klassentreffen tanzen und sprechen jene Sprache, von der es zu Hause heißt, man wäre ein Leben lang benachteiligt, würde man sie nicht beherrschen. Amerika ist voller Armut, die man zuweilen erst beim zweiten Hinschauen erkennt, weil man gelernt hat, ihre Bestandteile in einem anderen Licht zu sehen. Unsere stete Identifikation macht sie schwer erträglich und gleichzeitig ist sie, aus demselben Grunde, manchmal unsichtbar.

Ibrahim Ag Alhabib, Gründer der Band Tinariwen, verließ mit elf Jahren seine Großmutter und Schwestern, um allein nach Arbeit und einer Zukunft zu suchen. Die Familie war an die Grenze nach Algerien geflüchtet, nachdem die malische Armee den Vater und alle Tiere ermordet hatte. Die Tuareg sollten gewaltsam eingegliedert werden in einen fremden Staat, dessen Steuern zahlen. Sie, die Nomaden waren und deren natürlicher Lebensraum sich über mehrere Länder erstreckte, wurden nicht anerkannt.

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Auf die Steinmauer eines Hauses projiziert sah Ibrahim seinen ersten amerikanischen Western. Der Hauptdarsteller darin spielte eine Gitarre, die gleichzeitig auch als Schusswaffe diente. Ibrahim war verzaubert, bastelte sich Gitarren aus Holz und Fäden, bis er mit 16 eine echte kaufen konnte. Bald darauf lockte Muammar al-Gadhafi viele junge Tuareg mit der Aussicht auf Arbeit nach Libyen. Ibrahim ging auch. Was sie wirklich erwartete, waren Militärcamps. Ibrahim sagt heute, die Welt denke, dass Gadhafi den Tuareg geholfen habe. Aber in Wahrheit hätten sie viele junge Männer verloren an Kriege, die nicht ihre waren, und ohne jede Gegenleistung.

Post von Sophie Hunger

© Ramon & Pedro photo by art10

Die Schweizer Musikerin Sophie Hunger hat auf ZEIT ONLINE exklusiv von ihrer Amerika-Tour berichtet. Mit der malischen Tuareg-Band Tinariwen reiste sie im November 2011 durch die Metropolen der USA.

In der Serie Vom Leben und Sterben Amerikas hat sie Eindrücke der einzelnen Menschen gesammelt, die ihr dort begegnet sind und die vielleicht etwas über den Zustand und die Zukunft des Landes verraten. Alle Beiträge sind auf dieser Seite zu finden.

Wenn die Tuareg nun die Treppe zur Bühne hochgehen, fällt mir auf, dass sie sie wie ein Hindernis überwinden. Oftmals setzen sie nur einen Fuß auf einen Treppenabsatz und den nächsten schon auf den Bühnenrand oder einen anderen Gegenstand. Ungefähr so, wie man im Gebirge geht. Nur Hassan, der Älteste, lässt sich ein auf die Bevormundung, die vorgegebene Schrittfolge. Ich frage mich, wie viel Einfluss die Architektur wohl auf mich gehabt hat und wo genau Selbstbestimmung beginnt, wenn sogar die Bewegungen der Menschen vom Baustil einer Epoche abhängen.

Dasselbe denke ich auch, als ich auf dem Boden einer Stretch-Limousine liege. Zwei Republikaner aus Dallas haben uns in einem Club aufgegabelt. Nach anfänglichen Anfeindungen hatten wir uns angefreundet. Das, was fast immer geschieht, wenn man nur lange genug miteinander trinkt. Unsere Texaner hier sind stinkreich, sie sind das eine Prozent, das Feindbild der Occupy-Bewegung, die sie belächeln. Dieser ganze Diskurs findet statt unter Ausschluss der Angeklagten, und gerade das finden sie wahnsinnig amüsant.

Bevor ich lag, stand ich noch, um mich die Skyline von New York. "Männer haben diese Welt gebaut, Frauen werden sie retten müssen" – das ist der einzige globale Gedanke den ich fassen kann, bevor ich in einem Sumpf aus Erinnerungen an persönliches Versagen ertrinke. Das ist es, was Wolkenkratzer können: Sie relativieren die Details und potenzieren die Extreme.

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Leserkommentare
  1. 1. Frage

    Warum tingelt Frau Hunger denn durch das ungeliebte Amerika, gibt es da auf der Welt nicht ein land, wo es ihr gefällt und man für ihre Konzerte auch zahlt ?

  2. Schreiben können Sie also auch. Weiter so.

  3. Es soll um die Nomandenband Tinariwen gehen.

    Zu Anfang wird etwas über die Armut in New York erzählt, die anders als in Indien, Russland oder Afrika ist.Etwas, das das Elend der Bevölkerung auf eine unheimliche Art betont: Die Armen hier ... sie sind wie unsere Grafikstudenten

    Jetzt erzählt ihr der Gründer der Band, der Nomade - nicht die Nomaden, etwas über sich und die Tuareg, u.A. fragt man sich, wie viel Einfluss die Architektur wohl auf sie (die Armen?) gehabt hat und wo genau Selbstbestimmung beginnt, wenn sogar die Bewegungen der Menschen vom Baustil einer Epoche abhängen.
    Und Frau Hunger fragt sich das weiter, als sie sich, anscheinend nach viel Alkohol, auf dem Boden einer Stretch-Limousine räkelt, nachdem sie von stinkreichen, republikanischen Texanern aufgegabelt wurde.

    Wow, so läßt sich Armut, Occupy-Bewegung usw. ertragen, um zu der Erkenntnis zu gelangen: "Männer haben diese Welt gebaut, Frauen werden sie retten müssen"
    Sie auch, Frau Hunger, vielleicht mit einem Glas Schampus in der Hand?

    • obmozab
    • 26. November 2011 17:20 Uhr

    "Sie, die Nomaden waren und deren natürlicher Lebensraum sich über mehrere Länder erstreckte, wurden nicht anerkannt."

    seit wann wird der begriff "natürlicher Lebensraum" für menschen und ihre art zu leben verwendet? ist das stadtleben auch natürlicher lebensraum des menschen?

    die sich von "authentizität" immer distanzierende autorin scheint hier selber diese auf die tinariwen anzuwenden... siehe nur schon den absatz des dritten beitrags, wo sie die erzählungen des tinariwenbassisten als wichtiger erachtet, was sie in der ganzen woche vorher erlebt hatte.

  4. ...?
    Wie es scheint haben dies viele. Sophie Hunger nicht. Ich denke mal, sie weiß, dass ein Mensch kaum bis nie objektiv sein kann und das hinter dem Anschein von Objektivität und Political Correctness oftmals viel Scheinheiligkeit steht. Sophie Hunger bietet uns erlebte Rede dar, keine journalistische Präzisionsarbeit. Die gewählte Art der Darstellungsweise finde ich sehr ehrlich und mutig. Natürlich muss das trotzdem nicht jeder mögen.
    Was die Stadt betrifft - naja - das ist der künstliche Lebensraum des Menschen, oder? Wir sind doch alle...schlussendlich...nur Tiere.
    Oder so.

    2 Leserempfehlungen
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    --> 3. Zeile, 11.Wort: Das muss ein "dass" sein.
    --> 6. Zeile: "Art der" gehört gestrichen.

  5. --> 3. Zeile, 11.Wort: Das muss ein "dass" sein.
    --> 6. Zeile: "Art der" gehört gestrichen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Post | Muammar al-Gaddafi | Armut | Fernsehserie | Gitarre | Selbstbestimmung
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