Liebe ZEIT-ONLINE-Leser,

mein Kopf liegt seitlich auf der Theke der Bar Strange Ways in Dallas, als mir James die tiefenpsychologische Struktur seiner Generation erklärt. James ist Töpfer. Er sagt, ich müsse mir vorstellen, dass die meisten amerikanischen Städte gerade mal 200 Jahre alt seien. Die Menschen hätten kein mystisches Fundament, aus dem sie Selbstvertrauen und Identität schöpfen könnten. Dieses fehlende "Selbst-Bewusstsein" führe zu einem latent hysterischen Verhaltensmuster, politisch wie sozial.

Ich frage ihn, wie es sei, im Bewusstsein aufzuwachsen, Bürger der glorreichsten Nation zu sein, und dann auf einmal so eine Krise zu erleben. Ob das überhaupt fassbar sei für ihn? Er meint, seine Freunde und er hätten sich längst auf die Ernüchterung eingestellt und fänden Stärke im Eintreffen von Verhältnismäßigkeit. "Nicht schlecht", denke ich und werde vollkommen unvorbereitet und hysterisch aus der Bar geworfen – Zapfenstreich.

Das Eintreffen von Verhältnismäßigkeit begegnet uns in Form der Occupy-Dallas-Bewegung tags darauf. Ein Grüppchen von etwa 50 Seelen schiebt sich auf den gehsteigfreien Straßen voran. Kirk, Techniker im Fitzgerald's in Houston erklärt, dass viele Städte Amerikas erst nach der Erfindung des Autos gebaut worden sind und darum die Idee des Gehwegs nutzlos erschien. Schlimmer aber sei, dass die Leute nicht mehr raus gingen, um Konzerte zu hören. Früher hätte es in Houston, einer Zwei-Millionen-Stadt, viele viele Clubs gegeben, nach Musikrichtungen getrennt. Heute gebe es noch ungefähr zwei Dutzend, und alle müssten alles spielen, um zu überleben. Vor allem aber Cover-Bands seien es, die die Leute hören wollten.

Für eine Houston-übergreifende Vision von der Musikszene wäre Kirks Fachkompetenz kaum ausreichend. Nein, man bräuchte die Autorität eines big players. Jemand, der beispielsweise 16 Jahre lang die Beastie Boys betreute, ein Jahrzehnt Production Manager der Red Hot Chili Peppers war und heuer das Tourmanagement der Queens of the Stone Age überwacht. So jemand wie den Hünen Bill Rahmy, Schuhgröße 52, jetzt Tourmanager von Tinariwen.

Bill hat alles erreicht, was auf diesem Planeten in seinem Beruf möglich ist. Er hat die größten Tours mit den größten Bands in die größten Stadien gebracht und sitzt nun mit uns in Johnny's Ice House, um herzlich auf 150 verkaufte Eintrittskarten anzustoßen. Diese Clubtour zu machen war sein Traum, sagt er. Was wir jeden Abend erleben, sei ihm das Salz des Lebens. Danke, Bill. Aber, quo vadis, Musikbranche?

Bill sagt, die Industrie werde immer dünner, die Bands, die rauskämen, würden programmiert auf eine Lebensdauer von zwei Jahren. Nicht wie die großen Bands der sechziger, siebziger und achtziger Jahre. Das investierte Kapital werde fokussiert auf ein Allround-Produkt, beispielsweise auf einen Star pro Staffel von The American Idol (die amerikanische Version von DSDS). Dort laufe alles zeitgleich zusammen: Marketing – Produktion – Promotion.

Es sei auch bezeichnend, dass heute Anwälte zu Music Managern würden und Cover-Bands florierten. Ich sage ihm, dass ich niemals so pessimistisch sei und Musik für einen gesellschaftlichen Ausdruck halte, dessen Kraft immer auch aus einer antizyklischen, widersprechenden Bewegung heraus entstehe, und dass ich überzeugt sei, dass sehr bald große Bands genau aus dieser Depression hervorgehen würden. Bill lächelt mich an und ist vollkommen unbeeindruckt von meinem leidenschaftlichen Aufbegehren. Ich fühle mich wie Adorno vor Dieter Bohlen.

Das Eintreffen von Verhältnismäßigkeit ist unerwünscht, während wir in Richtung Mississippi-Delta fahren. Liebe ZEIT-ONLINE-Leser, ich weiß nicht, ob Ihr verstehen könnt, was es für Musiker, die wir vielleicht sind, bedeutet, nach New Orleans zu fahren. In meinem besten Sonntagskleid klebe ich am Fenster und zähle die Meilen. Amerika, ich gehe auf die Knie vor Dir. Du hast mir das Wichtigste geschenkt im Leben: Musik, Musik, Musik.