Post von Sophie Hunger (4)Wie Adorno vor Dieter Bohlen

Die Vorfreude steigt: Bald erreicht Sophie Hunger New Orleans, die Wiege des Jazz. Der amerikanische Tourmanager Bill Rahmy will ihr unterwegs das System Pop erklären. von Sophie Hunger

Liebe ZEIT-ONLINE-Leser,

mein Kopf liegt seitlich auf der Theke der Bar Strange Ways in Dallas, als mir James die tiefenpsychologische Struktur seiner Generation erklärt. James ist Töpfer. Er sagt, ich müsse mir vorstellen, dass die meisten amerikanischen Städte gerade mal 200 Jahre alt seien. Die Menschen hätten kein mystisches Fundament, aus dem sie Selbstvertrauen und Identität schöpfen könnten. Dieses fehlende "Selbst-Bewusstsein" führe zu einem latent hysterischen Verhaltensmuster, politisch wie sozial.

Ich frage ihn, wie es sei, im Bewusstsein aufzuwachsen, Bürger der glorreichsten Nation zu sein, und dann auf einmal so eine Krise zu erleben. Ob das überhaupt fassbar sei für ihn? Er meint, seine Freunde und er hätten sich längst auf die Ernüchterung eingestellt und fänden Stärke im Eintreffen von Verhältnismäßigkeit. "Nicht schlecht", denke ich und werde vollkommen unvorbereitet und hysterisch aus der Bar geworfen – Zapfenstreich.

Anzeige

Das Eintreffen von Verhältnismäßigkeit begegnet uns in Form der Occupy-Dallas-Bewegung tags darauf. Ein Grüppchen von etwa 50 Seelen schiebt sich auf den gehsteigfreien Straßen voran. Kirk, Techniker im Fitzgerald's in Houston erklärt, dass viele Städte Amerikas erst nach der Erfindung des Autos gebaut worden sind und darum die Idee des Gehwegs nutzlos erschien. Schlimmer aber sei, dass die Leute nicht mehr raus gingen, um Konzerte zu hören. Früher hätte es in Houston, einer Zwei-Millionen-Stadt, viele viele Clubs gegeben, nach Musikrichtungen getrennt. Heute gebe es noch ungefähr zwei Dutzend, und alle müssten alles spielen, um zu überleben. Vor allem aber Cover-Bands seien es, die die Leute hören wollten.

Für eine Houston-übergreifende Vision von der Musikszene wäre Kirks Fachkompetenz kaum ausreichend. Nein, man bräuchte die Autorität eines big players. Jemand, der beispielsweise 16 Jahre lang die Beastie Boys betreute, ein Jahrzehnt Production Manager der Red Hot Chili Peppers war und heuer das Tourmanagement der Queens of the Stone Age überwacht. So jemand wie den Hünen Bill Rahmy, Schuhgröße 52, jetzt Tourmanager von Tinariwen.

Bill hat alles erreicht, was auf diesem Planeten in seinem Beruf möglich ist. Er hat die größten Tours mit den größten Bands in die größten Stadien gebracht und sitzt nun mit uns in Johnny's Ice House, um herzlich auf 150 verkaufte Eintrittskarten anzustoßen. Diese Clubtour zu machen war sein Traum, sagt er. Was wir jeden Abend erleben, sei ihm das Salz des Lebens. Danke, Bill. Aber, quo vadis, Musikbranche?

Post von Sophie Hunger

© Ramon & Pedro photo by art10

Die Schweizer Musikerin Sophie Hunger hat auf ZEIT ONLINE exklusiv von ihrer Amerika-Tour berichtet. Mit der malischen Tuareg-Band Tinariwen reiste sie im November 2011 durch die Metropolen der USA.

In der Serie Vom Leben und Sterben Amerikas hat sie Eindrücke der einzelnen Menschen gesammelt, die ihr dort begegnet sind und die vielleicht etwas über den Zustand und die Zukunft des Landes verraten. Alle Beiträge sind auf dieser Seite zu finden.

Bill sagt, die Industrie werde immer dünner, die Bands, die rauskämen, würden programmiert auf eine Lebensdauer von zwei Jahren. Nicht wie die großen Bands der sechziger, siebziger und achtziger Jahre. Das investierte Kapital werde fokussiert auf ein Allround-Produkt, beispielsweise auf einen Star pro Staffel von The American Idol (die amerikanische Version von DSDS). Dort laufe alles zeitgleich zusammen: Marketing – Produktion – Promotion.

Es sei auch bezeichnend, dass heute Anwälte zu Music Managern würden und Cover-Bands florierten. Ich sage ihm, dass ich niemals so pessimistisch sei und Musik für einen gesellschaftlichen Ausdruck halte, dessen Kraft immer auch aus einer antizyklischen, widersprechenden Bewegung heraus entstehe, und dass ich überzeugt sei, dass sehr bald große Bands genau aus dieser Depression hervorgehen würden. Bill lächelt mich an und ist vollkommen unbeeindruckt von meinem leidenschaftlichen Aufbegehren. Ich fühle mich wie Adorno vor Dieter Bohlen.

Das Eintreffen von Verhältnismäßigkeit ist unerwünscht, während wir in Richtung Mississippi-Delta fahren. Liebe ZEIT-ONLINE-Leser, ich weiß nicht, ob Ihr verstehen könnt, was es für Musiker, die wir vielleicht sind, bedeutet, nach New Orleans zu fahren. In meinem besten Sonntagskleid klebe ich am Fenster und zähle die Meilen. Amerika, ich gehe auf die Knie vor Dir. Du hast mir das Wichtigste geschenkt im Leben: Musik, Musik, Musik.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Der Blues kommmt nicht aus dem geographischen Mississippi-Delta südlich von New Orleans, sondern aus dem kulturellen/agrarischen Mississippi Delta südlich von Memphis:

    http://en.wikipedia.org/w...

    Nota bene: Wenn man in Wikipedia auf EN nachschlägt, bekommt man für "Mississippi Delta" als erstes die Gegend südlich von Memphis angezeigt. In den USA denkt jeder sofort an Nordwestmississippi (siehe Karte bei Wikipedia).

    Der Blues kommt auch nicht aus New Orleans, sondern Funk und der pre-swing jazz:
    http://www.heise.de/tp/ar...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Genau genommen kommt der Blues aus Afrika, vermutlich sogar aus Westafrika, also aus Mali, Mauretanien usw. Wenn man traditionelle westafrikanische Musiker wie bspw. Ali Farka Touré anhört, dann findet man zum Teil verblüffende Ähnlichkeiten mit den archaischeren Vertretern des Delta Blues wie bspw. Son House, Charlie Patton und insbesondere auch mit John Lee Hooker. Insofern ist Sophie Hunger mit ihrer Begleitband Tinariwen schon viel näher an den Ursprüngen des Blues als sie vielleicht denkt.

    Redaktion

    Liebe/r petiteplanete,

    vielen Dank für den Hinweis. Das war ein redaktioneller Kurzschluss, an dem Sophie Hunger keine Schuld trägt. Freilich ist New Orleans als "Wiege des Jazz" gemeint. Wir haben das im Untertitel korrigiert.

    Beste Grüße!

  2. Genau genommen kommt der Blues aus Afrika, vermutlich sogar aus Westafrika, also aus Mali, Mauretanien usw. Wenn man traditionelle westafrikanische Musiker wie bspw. Ali Farka Touré anhört, dann findet man zum Teil verblüffende Ähnlichkeiten mit den archaischeren Vertretern des Delta Blues wie bspw. Son House, Charlie Patton und insbesondere auch mit John Lee Hooker. Insofern ist Sophie Hunger mit ihrer Begleitband Tinariwen schon viel näher an den Ursprüngen des Blues als sie vielleicht denkt.

  3. Wer kann heute noch zur Legende werden ?
    Einzelne Pop-Ikonen ja, aber bei den Gruppen sieht es schon dünn aus.

    Es gibt keine Doors mehr und die Beatles sind weg.
    Nur die Musik ist geblieben.

    Welche Musik aus heutiger Zeit, wird in 40 Jahren noch gespielt?

    So oberflächlich unsere Zeit ist, so oberflächlich werden auch die Hinterlassenschaften sein.

  4. Redaktion

    Liebe/r petiteplanete,

    vielen Dank für den Hinweis. Das war ein redaktioneller Kurzschluss, an dem Sophie Hunger keine Schuld trägt. Freilich ist New Orleans als "Wiege des Jazz" gemeint. Wir haben das im Untertitel korrigiert.

    Beste Grüße!

  5. sagte einer, der war Kunstlehrer im Schwäbischen, ist dass die Hauptsach die Hauptsach ist und meinte damit den Gegenstand des zu malenden Bildes. Nun, ich war nicht dabei als die Musik den Blues gebar. Das wesentliche am Blues scheint mir zu allen Zeiten gewesen zu sein ...
    ... dass der gespielt wird. Von mir aus am Nordpol. In New Orleans jedenfalls braucht man/frau nicht allzu lange nach Blues suchen. Obwohl dort die Wiege des Jazz gestanden haben soll. Hauptsache, es wird musiziert. Das verhält sich mit anderen Musiken ähnlich, vermute ich. ... oder ist es wesentlich, zu wissen, ob Rennes schon oder noch zur Bretagne zählt, wenn die Rede von nordwestspanischer Volksmusik ist ;-))

  6. ist die, dass mir diese Artikelserie gut gefällt.

  7. Mädchen! Das gibt Hoffnung.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Post | Dieter Bohlen | Musik | Band | ICE | Musikrichtung
  • Traum oder harte Realität? Beyoncé in ihrem Dokumentarfilm "Life Is But A Dream"

    Die fleißigen Königinnen

    Beyoncé, Lana Del Rey und Taylor Swift sind die erfolgreichsten Popstars unserer Zeit. Sie zeigen uns, was es bedeutet, heute eine Frau zu sein. Wollen wir ihnen glauben?

    • PeterLicht zeigt sich nicht. Nur auf der Bühne sehen die Leute sein Gesicht.

      Tod, ach der Langweiler!

      Leben, Wahrheit, Zukunft, Freiheit, Liebe: Alles beginnt zu schillern. PeterLicht renoviert in seinem Buch und Live-Album "Lob der Realität" die Kapitalismuskritik.

      • Man mag's kaum glauben: Prince Rogers Nelson ist 56 Jahre alt.

        Freiheit allen Körpersäften!

        Nach jahrelangem Unabhängigkeitskampf veröffentlicht Prince gleich zwei Alben beim Warner-Konzern. Wer einmal Popkönig war, gibt sich eben ungern mit weniger zufrieden.

        • Die Inszenierungen des Regisseurs Calixto Bieito sind den Gegnern des Regietheaters ein plastisches Feindbild. Hier eine Szene aus der Händel-Oper "Der Triumph von Zeit und Enttäuschung" 2011 in Stuttgart

          Jeder Rollkoffer bringt uns weiter

          Geht das schon wieder los? Ein Musikwissenschaftler geißelt, was er für Regietheater in der Oper hält. Dabei ist jede noch so moderne Inszenierung besser als Stillstand.

          Service