Post von Sophie Hunger (2) : Das Volk von Venice Beach

Die Musikerin Sophie Hunger reist mit der malischen Tuareg-Band Tinariwen durch die USA. In L.A. trifft sie den Maler Vincent, der fast ohne Besitz und ohne Wohnung lebt.

Liebe ZEIT-ONLINE-Leser,

wenn man abends im Dunkeln aus dem Hotel Cadillac in L.A. die enge Gasse hinabgeht und links um die Ecke biegt, stolpert man förmlich in die Welt des Venice Beach. Die Uferpromenade ist übersäht von kleinen Stoffhügeln, aus denen sich im Morgengrauen Menschen herauswinden und den Gehweg besiedeln.

Noch aber ist es Nacht und wir sind von unserem ersten Konzert mit der malischen Tuareg-Band Tinariwen zurückgekehrt. Meine Musiker Prader, Flury und ich hatten verlegen in den Vorhängen des Theaters gestanden und auf den Soundcheck der Tuareg geschielt. Sie heißen Ibrahim Ag Alhabib, Hassan Ag Touhami, Abdallah Ag Alhousseyni, Said Ag Ayad, Elaga Ag Hamid und Eyadou Ag Leche. Wie merkt man sich einen Namen, bevor man weiß, was er bedeutet? Abdallah ist der erste, dem ich begegne. Wir zeigen einander unsere Gitarren. Er spielt eine Martin Kopie, ich eine Martin Original. Seine Grundstimmung liegt einen Halbton tiefer als die meine. Also: Dis, Gis, Cis, Fis, Ais, Dis.

Tinariwen sind ungern im Hotel, sie wollen stets zusammenbleiben, am liebsten im selben Raum. Ihr Pariser Manager erzählt gern die Anekdote, dass die Musiker, nachdem er ihnen auf der ersten Tour Einzelzimmer gebucht hatte, auf der Stelle in den Bus zurückeilten. Sie verbrachten ihre Nacht zwar im Parkhaus, aber immerhin beieinander.

Beieinander – wie die Amerikaner unten am Venice Beach. Am Morgen nach dem Konzert biege ich abermals zu ihnen um die Ecke. Die Stoffbauten werden auseinander geschlagen, einzelne Bewohner rollen sich aus ihren Decken, andere sitzen bereits rauchend in den Parkbänken. Das Volk des Venice Beach ist besitzergreifend, wie viele Völker es sind. Einer von ihnen, Vincent, erklärt mir, dass es in ganz L.A. erlaubt sei, zwischen 9 Uhr abends und 6 Uhr morgens auf den Gehsteigen zu schlafen. Man müsse nur genau wissen, wo der Gehsteig aufhöre und der öffentliche Raum beginne.

Vincent nennt sich Maler und lebt auf dem Strandabschnitt zwischen Venice Boulevard und Pico. Er wurde in New York geboren und kam vor neun Jahren nach L.A., um auf dem Venice Beach zu leben. Als Künstler könne man es nur zu Geld bringen, wenn man seine Ideen schützen könne, sagt Vincent. Aber auf der Straße werde alles offengelegt, er werde ständig bestohlen. Besitz entstehe durch Besitz. Obwohl er nicht religiös sei, glaube er, dass es seine Pflicht sei, seine Talente auszuleben. Wenn er das verfolge, würde er in den Himmel kommen. Ich frage Vincent, ob er bereit sei, einen Satz auf mein weißes Schild zu schreiben. Er wird verlegen. Ich insistiere. Er sagt, er könne nur malen, ausschließlich. Dann, endlich, habe ich es verstanden. 

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