Liebe ZEIT-ONLINE-Leser,

meine Augen sind geschlossen, ich liege auf nassem Asphalt. Mit der Zungenspitze fahre ich über meine Lippen, es schmeckt nach Salz. Kann es sein, dass ich keine Schuhe trage? Was ist bloß mit mir geschehen und warum habe ich keine Angst? Bin ich vielleicht tot und dies ist nur mein letzter Traum, der sich ständig wiederholt?

Man hat uns durch die Hintertür in einen Korridor geführt, nachdem man uns alles abgenommen hatte außer den Instrumenten und den Kleidern, die wir trugen. Man hat uns nicht gesagt, was uns erwarten würde. Es gab weder einen Zeitplan noch eine Informationsbroschüre, die über die Spielregeln informiert hätte. Die Wände waren übermalt mit den Namen ehemaliger Spieler: The Roots, Run DMC, Johnny Cash, Herbie Hancock, D'Angelo, Arcade Fire, Fats Domino, Bob Dylan, Dolly Parton, Jerry Lee Lewis, B.B. King... Wollte man uns einschüchtern? Wollte man uns drohen? Wollte man uns herausfordern? Wollte man uns berauschen? Was lag am Ende dieses Korridors und wer würde uns dort begegnen? Unbemerkt stahl ich mich durch eine verborgene Tür auf die andere Seite des Korridors und betrat eine Art Zuschauerraum, ein Geschworenengericht vielleicht? Ich eilte die Treppen der Balustraden empor, deren Wände mit Bildern behangen waren. Schwarze Gestalten starrten mich von den Leinwänden an. Konnten sie mich auch sehen?

Außer Atem kehrte ich in den Korridor zurück. Wir wurden aufgefordert, ans Ende des Ganges zu treten. Michael, Christian und ich nahmen uns in die Arme und flüsterten einander ins Ohr: "New Orleans, Baby." Wir traten auf die Bühne des House of Blues wie Staatspräsidenten vor die aufgeschlagene Bibel zum Eid. Was auch immer wir im Schilde geführt hatten, in diesem Moment waren wir nur noch das, was wir spielten.

Am Ende, bei der Verneigung, als unsere Köpfe den tiefstmöglichen Punkt der Verbeugung erreicht hatten, hebelte die Gravitation uns aus dem Stand, so dass wir mit einem Salto in die schwarze Menge wirbelten. So verkeilt, wie wir mit der Menge waren, merkten wir zunächst nicht, wie sich das Holz um uns herum zu spalten begann und erst kleine dann immer größere Wasserströme in den Raum drangen. Man schielte nach den Exit-Zeichen, bewahrte aber noch Ruhe in fester Überzeugung, dass sich in Kürze ein einstudiertes Rettungsmanöver abspielen würde. Nichts geschah. Der Druck auf die Gelenke wurde immer größer, so dass das Bersten der Hausmauern zunächst wie eine Erleichterung wirkte. Dann aber wurde uns klar, dass wir Teil eines rauschenden Wasserstromes geworden waren, der unaufhaltsam zwischen den farbigen Häusern hindurchschoss. Ich holte tief Luft und tauchte in die Tiefen des Wassers hinab. Unten, ganz tief unten auf den versunkenen Pflastersteinen trieben Hunderte von schwarzen Körpern. In Panik schoss ich an die Oberfläche zurück, schnappte nach Luft. "Michel?! Chrigi?! Ich winke nicht, ich ertrinke!"

Mit einem Ruck zog mich Ricky Mathieu an meiner goldigen Halskette aus dem Wasser auf ein Hausdach. Ich war umzingelt von großen schwarzen Männern – von der Soul Patrol. "Was um Himmels Willen machst Du noch hier, Baby? Warum bist Du nicht auf der Brücke?" – "Sir, ich kann nicht über die Brücke, meine Freunde sind im Wasser, ich muss sie finden" – "Wie sehen sie aus?" – "Weiß, beide weiß." – "Dann sind sie auf der Brücke, die sind alle längst auf der Brücke, Baby. Du bist hinabgetaucht, Du hättest nicht hinabtauchen sollen." – "Kann ich bleiben?" – "Ja, ruh Dich aus. Lass los, Baby, lass los."

Ich öffne die Augen. Neben mir schlafen Christian und Michael im Neonlicht der Bourbon Street. Bald machen sich die Indianer-Verbände bereit für den Karneval, für Mardi Gras, bald spielt die Second Line auf den Friedhöfen für die Toten. Ricky Mathieu winkt vom Straßenrand und hält eine goldene Medaille in die Luft. Wie Vincent vom Venice Beach zieht er es vor, nichts zu schreiben. Thank you, Baby.