Liebe ZEIT-ONLINE-Leser,

General James McPherson schaut über den Platz, der seinen Namen trägt, auf die vor ihm verstreuten Zelte. Er, der im Kampf um die Vereinigten Staaten starb, inspiziert das Schlachtfeld, das 150 Jahre nach seinem Tod hier vor seinen Füßen liegt. Einer Statue kann man sich nähern, sie aber nähert sich einem nie.

Ich erlebe Amerika als ein Land der Aufführung. Hotelangestellte, Sicherheitsbeamte oder Tontechniker haben oftmals etwas an sich, das einem das Gefühl gibt, sie würden den jeweiligen Beruf vorspielen. Ich sage das keinesfalls mit Verachtung. Nein, ich verneige mich vor der Shakespeareschen Erkenntnis, wonach die ganze Welt eine Bühne sei und wir nur ihre Schauspieler. Ich bewundere die Amerikaner für ihren intuitiven Mut, Fiktion und Realität so keinesfalls voneinander zu trennen. Kein Mensch braucht Authentizität, wenn es sie nicht gibt. Und dass das Wort allein fast schon unaussprechbar ist, weist deutlich darauf hin.

In Amerika wird man, ähnlich wie in Iran, gern und ständig angesprochen. Wenn man jemanden kennen lernen will, muss man nur auf diesen zusteuern, und ein Gespräch ist quasi garantiert. Es gibt hier ein gefühltes Recht auf Informationsaustausch, ganz anders als bei uns.

In Washington verbringe ich den Nachmittag mit Warren von der Occupy-Washington-Bewegung, der im Schatten von General McPherson sein Zelt aufgebaut hat. Warren sagt von sich, er glaube an Anchrismus. Er meint Anarchie. Er zeigt mir die Umgebung und seinen Elektroschocker.

Auf dem Vorplatz, wo die Transparente liegen, treffe ich auf zwei ältere Herren. Der eine ist Professor in Berkeley und hier für einen Kongress. Er erzählt mir, dass in Berkeley bei ähnlichen Protesten eine Studentin von der Polizei geschlagen worden sei. Seither sprächen auf einmal alle Fakultäten wieder miteinander. Das habe es seit den sechziger Jahren nicht mehr gegeben. Berkeley und der politische Widerstand, das sei nur noch ein Mythos gewesen.

Ein Mythos ist auch diese Bewegung, denke ich, und laufe mit dem ca. 400 Mann starken Protest unter Polizeigeleit in einem gut organisierten Wutausbruch durch Washington. Es ist zum Verzweifeln. Der Missstand scheint so offensichtlich, die weltweite Kollision fast kalkuliert, und doch ist der Widerstand so klein und schmächtig. Der Aufstand der Massen bleibt aus, noch. Wie wird er wohl aussehen, wenn er sich dann entfaltet? So?

Sophie Hunger - Impressionen vom Occupy-Protest in Washington, D.C.

Manchmal habe ich das Gefühl, als wäre der Marsch, die Straße, das Plakat, die Menge, der Arafatschal, die Trillerpfeife, die Polizei, das Megafon, die Route, der Sprechgesang und selbst der Körper nichts als Teil eines anderen, großen Mythos. Spielen wir Demonstration, so wie wir es kennen von den Bildern aus unserer Vergangenheit? Wurden diese Gesten, Grimassen und Requisiten nicht entwickelt an einem Feind, um den es hier gar nicht geht? Wir fordern nicht den Kopf des Königs, des Despoten oder Polizeistaates. Wir opponieren gegen das Resultat unserer vermeintlichen Errungenschaften. Wie zersägt man den Ast, auf dem man sitzt? Wie entkolonialisiert man Afrika? Und wie, liebe ZEIT-ONLINE-Leser, wie dekonstruiert man Geld?