Black MetalDa kreischt die Avantgarde

Böse und bleich geschminkt: Black Metal hat oft den Ruf der satanistischen Kirchenschändermusik. Wie falsch das ist, zeigen drei aktuelle Alben aus den USA.

So sonnig kann Black Metal sein: die Band Liturgy

So sonnig kann Black Metal sein: die Band Liturgy

Eine Szene, die besonders viel Wert auf die Abgrenzung legt, ist die Metalszene. Und um es noch befriedigender zu gestalten, unterteilt der Metalhead das Reich der schnellen Gitarre in eine Unzahl Subsubsubkategorien; für Späteinsteiger ist das längst unnachvollziehbar bis schlimmstenfalls komplett egal. Das Genre Black Metal hat unter diesen Spielarten eine besondere Stellung, die Vorurteile haben sich über die Jahre zementfest etabliert im Mainstream: brennende Kirchen in Norwegen, faschistoides Gedankengut, Mord und Totschlag, Pentagramme. Dazu Leichenschminke und stachelige Armbänder. Soweit die gängigen Assoziationen.

Dass die Gewaltexzesse tatsächlich von Einzelwirrköpfen in den Neunzigern begangen wurden? Dass die Outfits oft eine theatralische, bewusst überzogene Haltung transportieren? Schwamm drüber, Details. Die Musik ist dann schon zweitrangig und wird von vielen nur als wirrer Lärm mit dumpfem Gebrüll wahrgenommen. Dem klassischen Black-Metal-Fan wird dieses Image-Problem nur recht sein. Er lebt in einer geschlossenen, extrem loyalen Szene. Nun sind in den vergangenen Monaten allerdings einige bemerkenswerte amerikanische Platten erschienen, deren Urheber man zu den interessantesten Vertretern zeitgenössischer Gitarrenmusik zählen muss: Wolves In The Throne Room, Liturgy, Krallice.

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Musikalisch wird die Intensität des Genres auf diesen Alben immer weiter verdichtet: Die Gitarren türmen sich auf, verebben langsam, das Schlagzeug stürmt mit roher Gewalt in die lichten Passagen. Der Sound gleicht oft einer Kakophonie, die sich zwischendurch in endloser Wiederholung verliert, bevor sie doch noch in ein kreischendes Finale einbiegt. Erschöpfend und ungemein befriedigend. Und gerade in dieser atemlosen Geschwindigkeit sogar: befreiend.

Dass die Stücke sich auch mal jenseits der zehn Minuten-Grenze einpendeln, unterstützt die fast schon körperliche Erfahrung der Musik. Es sind diese Ausflüge ins Psychedelische, in den Postrock, zum Shoegazer, die die Alben auf eine neue Evolutionsstufe heben. Allein dieser Wille zum Experiment wird schon von der Szene oft verurteilt. Wenn man sich dann mit dem Gedankengut, der Haltung dieser neuen amerikanischen Black-Metal-Bands beschäftigt, muss man fragen: Ist das eine Zeitenwende?

Zuletzt ist Celestial Lineage erschienen, das vierte Album der Naturburschen Wolves In The Throne Room . Im Grunde besteht die Band aus einem Brüderpaar, das sich in eine Farm zurückgezogen hat und dort organisches Gemüse anbaut. Die Natur ist ein wichtiges Thema in ihrem Kosmos. In Interviews zeigten sie jüngst Haltung: "Wir hinterfragen die moderne Welt und wir sehnen uns nach dem Mythischen. Nach einer Verbindung mit der Natur und der verborgenen spirituellen Welt."

Live spielen sie ab und an bei Kerzenlicht und wünschen sich, dass eher "geweint" werde als gemosht . In den USA zogen sie sogar mit eigener Anlage durchs Land und spielten in verlassenen Scheunen, Abrisshäusern, weil sie die klassische Eventkultur verabscheuen. Mystiker eben . Celestial Lineage verwebt Mönchsgesänge und Ambient-Noise zu einer dichten Textur. Symphonisch ohne kitschig zu sein.

Angeblich ist dies die letzte Platte der Band – in dieser musikalischen Form. Vielleicht ist ihnen das Genre auch einfach zu eng geworden. Im Black Metal geht es ihnen allein um Energie aus einer anderen Welt: "Die 18-jährigen geschwindigkeitsfanatischen Loser, die diese Musik gespielt haben, hatten nicht besonders viel damit zu tun." Mit solchen Sätzen treibt man alteingesessene Black-Metalheads nicht gerade in Scharen in seine Konzerte.

Hartes aus dem Wald: Wolves In The Throne Room

Hartes aus dem Wald: Wolves In The Throne Room

Auch Liturgy sind in der Szene eher ein Fremdkörper. Die Band aus Brooklyn pflegt einen fast schon akademisch-intellektuellen Gestus auf ihrem zweiten Album Aesthethica . Sie gründeten nicht nur direkt ein eigenes Genre: Transcendental Black Metal. Gleichzeitig verfassten sie quasi als ästhetische Unterfütterung ein Manifest . Darin eignen sie sich ein altes Genre noch mal komplett neu an, indem sie neue Regeln aufstellen, neue Begriffe einführen und sich von den europäischen Wurzeln lossagen, mitsamt den alten Definitionen. Klassischer Black Metal wird dort als "Sackgasse" bezeichnet.

Auch in Interviews hantieren sie gern mit großen Ideen. Gern zitieren Liturgy den Avantgarde-Gitarristen Glen Branca als Inspiration. Sie flirten auf Aesthethica mit Avantgardismen, einige Stücke verharren in fast unerträglicher Monotonie, bevor sie explodieren, andere werden kreischend immer wieder abgebremst. Für jeden Black-Metal-Fan bis jetzt schon untragbar, doch nun der Skandal: Die Band sieht aus wie eine Indie-Band! Um Gottes Willen, die tragen normale Jeans! In Interviews grenzen sie sich ebenso wie Wolves In The Throne Room von der Ursprungsszene in Norwegen ab: "Black Metal ist eine Gegenkultur. Und gleichzeitig soviel mehr. Black Metal ist spiritueller und hat mehr Bezug zur Vergangenheit." Der Nihilismus, eigentlich die einende Haltung im Black Metal, dankt ab. "Ich bin es leid, immer mit dieser Negativität umzugehen", sagt der Sänger Hunter Hunt-Hendrix. "Der einzige Weg, um mit der Leere und dem Chaos umzugehen, ist, es einfach zu bejahen. Spirituelle Extase."

Krallice schließlich, eine drittes Beispiel dieses aufgeklärten Black Metal, haben es da zunächst einfacher innerhalb der Szene. Die Mitglieder sind länger dabei, alle in akzeptierten Bands. Zusammen jedoch haben sie ein Monster geschaffen: Ihr drittes Album Diotima wirkt zunächst wie Kubricks Monolith. Erst nach einigen Durchläufen zeigen sich erste Risse, winzige kunstvolle Pausen hier, minimale Verschiebungen da, es ist eine ungewöhnliche Detailverliebtheit .

Auf die Frage in einem Interview, ob er sich denn auch mit der Black-Metal-Maskerade Corpse Paint, also der bleichen Gesichtsbemalung, vorstellen könne, antwortete ein Mitglied: "Das könnte ich niemals machen, ohne vor Scham Pickel zu kriegen." Sie sind eher der Typus klassischer Musiker, die keinerlei Interesse am Kontext zeigen, ihnen geht es um eine "emotionale Reaktion". Krallice nutzen Black Metal als Vehikel für ihre musikalische Grenzerfahrung, dabei entmystifizieren sie ein immer noch mysteriöses Genre.

Nennen wir diese Bands einfach mal: Neo Black Metal. Sie hören sich an wie eine Befreiung.
 

 
Leserkommentare
  1. Auch in Deutschland lassen sich Anzeichen einer "Zeitenwende" erkennen bei Bands wie z.B. "Der Weg einer Freiheit"

    Eine Leserempfehlung
  2. ...wow.

    Mehr solcher Artikel. Und bitte, wenn ihr schon zu solch differenzierten Dingen fähig seid, warum im alles in der Welt drückt ihr bei den politischen Artikel so unnötig oft auf die Populismustube?

    Ich höre zwar eher selten Black Metal, aber was grade in der Einletung steht ist in meinen Augen sehr wahr und vor allem sachlich. Thx.

    http://www.youtube.com/wa... Das ist übrigens auch nicht schlecht wenn man die Idee dahinter sieht.

    Gruß

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  3. ich höre auch gern burzum und darkthrone aber das beste black metal album kommt für mich aus den staaten ("black cascade" von "wolves in the throne room") - für manche "true" black metaller sicher ein beunruhigender gedanke *g.

  4. 7. Sie...

    ...haben das Problem genau erkannt. Die Meilensteine und damit die kreative Phase des Blackmetals ist lange vorbei.
    Was heut noch auf den Markt kommt sind meist billige Kopien des 90er Jahre Stils. Und daran haben auch die Anhänger schuld. Reichlich Szenepuristen tummeln sich gerade beim Backmetal, denen jegliche Weiterentwicklungen ein Dorn im Auge sind. Ich persönlich höre zwar eh nicht viel BM, aber bspw finde ich WiTR absolut klasse.
    Eine ähnliche Entwicklung kann ich persönlich übrigens im gesamten Metal feststellen (BM ist da nur das Extrem).
    Es werden zwar verdammt viele und verdammt gute Alben herausgebracht (wenn man stiltechnisch flexibel ist, ist man da deutlich im Vorteil ^^), aber kreative (Weiter-)Entwicklungen sind kaum festzustellen.
    In dieser Beziehung ist Metal größtenteils ausgereizt.
    Davon sind die extremeren Richtungen (Gegenbeispiele wie die von Ihnen genannten (großartigen) Behemoth ausgenommen) stärker betroffen als vergleichsweise jüngere Stile wie
    Post-Metal. Viele hecheln immer noch den Größen aus den 80ern und frühen 90ern hinterher.
    Nur selten gibts mal was neues wie z.B. Kvelertak.
    Wenn eine Band sich verändert wird ihr von vielen "treuen" Fans entweder Ausverkauf oder "Fanverrat" durch Stilbruch vorgeworfen. Oder das Gegenteil "die machen doch immer dasselbe". Die Metalszene erscheint mir häufig als schizophren konservativ.

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  5. ...wenn auch Death Metal - mittlerweile komplett Progressiv - haben sehr eindrucksvoll mit ihrem 2011-Album "Heritage" gezeigt, dass es auch ganz anders geht.

    Wer sich für "neuen" Black Metal interessiert, dem sei: "Blut Aus Nord - Memoria Vetusta II..." und "Alcest - Écailles De Lune" empfohlen.

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