Black Metal : Da kreischt die Avantgarde

Böse und bleich geschminkt: Black Metal hat oft den Ruf der satanistischen Kirchenschändermusik. Wie falsch das ist, zeigen drei aktuelle Alben aus den USA.
So sonnig kann Black Metal sein: die Band Liturgy © Jason Nocito

Eine Szene, die besonders viel Wert auf die Abgrenzung legt, ist die Metalszene. Und um es noch befriedigender zu gestalten, unterteilt der Metalhead das Reich der schnellen Gitarre in eine Unzahl Subsubsubkategorien; für Späteinsteiger ist das längst unnachvollziehbar bis schlimmstenfalls komplett egal. Das Genre Black Metal hat unter diesen Spielarten eine besondere Stellung, die Vorurteile haben sich über die Jahre zementfest etabliert im Mainstream: brennende Kirchen in Norwegen, faschistoides Gedankengut, Mord und Totschlag, Pentagramme. Dazu Leichenschminke und stachelige Armbänder. Soweit die gängigen Assoziationen.

Dass die Gewaltexzesse tatsächlich von Einzelwirrköpfen in den Neunzigern begangen wurden? Dass die Outfits oft eine theatralische, bewusst überzogene Haltung transportieren? Schwamm drüber, Details. Die Musik ist dann schon zweitrangig und wird von vielen nur als wirrer Lärm mit dumpfem Gebrüll wahrgenommen. Dem klassischen Black-Metal-Fan wird dieses Image-Problem nur recht sein. Er lebt in einer geschlossenen, extrem loyalen Szene. Nun sind in den vergangenen Monaten allerdings einige bemerkenswerte amerikanische Platten erschienen, deren Urheber man zu den interessantesten Vertretern zeitgenössischer Gitarrenmusik zählen muss: Wolves In The Throne Room, Liturgy, Krallice.

Musikalisch wird die Intensität des Genres auf diesen Alben immer weiter verdichtet: Die Gitarren türmen sich auf, verebben langsam, das Schlagzeug stürmt mit roher Gewalt in die lichten Passagen. Der Sound gleicht oft einer Kakophonie, die sich zwischendurch in endloser Wiederholung verliert, bevor sie doch noch in ein kreischendes Finale einbiegt. Erschöpfend und ungemein befriedigend. Und gerade in dieser atemlosen Geschwindigkeit sogar: befreiend.

Dass die Stücke sich auch mal jenseits der zehn Minuten-Grenze einpendeln, unterstützt die fast schon körperliche Erfahrung der Musik. Es sind diese Ausflüge ins Psychedelische, in den Postrock, zum Shoegazer, die die Alben auf eine neue Evolutionsstufe heben. Allein dieser Wille zum Experiment wird schon von der Szene oft verurteilt. Wenn man sich dann mit dem Gedankengut, der Haltung dieser neuen amerikanischen Black-Metal-Bands beschäftigt, muss man fragen: Ist das eine Zeitenwende?

Zuletzt ist Celestial Lineage erschienen, das vierte Album der Naturburschen Wolves In The Throne Room . Im Grunde besteht die Band aus einem Brüderpaar, das sich in eine Farm zurückgezogen hat und dort organisches Gemüse anbaut. Die Natur ist ein wichtiges Thema in ihrem Kosmos. In Interviews zeigten sie jüngst Haltung: "Wir hinterfragen die moderne Welt und wir sehnen uns nach dem Mythischen. Nach einer Verbindung mit der Natur und der verborgenen spirituellen Welt."

Live spielen sie ab und an bei Kerzenlicht und wünschen sich, dass eher "geweint" werde als gemosht . In den USA zogen sie sogar mit eigener Anlage durchs Land und spielten in verlassenen Scheunen, Abrisshäusern, weil sie die klassische Eventkultur verabscheuen. Mystiker eben . Celestial Lineage verwebt Mönchsgesänge und Ambient-Noise zu einer dichten Textur. Symphonisch ohne kitschig zu sein.

Angeblich ist dies die letzte Platte der Band – in dieser musikalischen Form. Vielleicht ist ihnen das Genre auch einfach zu eng geworden. Im Black Metal geht es ihnen allein um Energie aus einer anderen Welt: "Die 18-jährigen geschwindigkeitsfanatischen Loser, die diese Musik gespielt haben, hatten nicht besonders viel damit zu tun." Mit solchen Sätzen treibt man alteingesessene Black-Metalheads nicht gerade in Scharen in seine Konzerte.

Ohne bleiche Bemalung

Hartes aus dem Wald: Wolves In The Throne Room © Southern Records

Auch Liturgy sind in der Szene eher ein Fremdkörper. Die Band aus Brooklyn pflegt einen fast schon akademisch-intellektuellen Gestus auf ihrem zweiten Album Aesthethica . Sie gründeten nicht nur direkt ein eigenes Genre: Transcendental Black Metal. Gleichzeitig verfassten sie quasi als ästhetische Unterfütterung ein Manifest . Darin eignen sie sich ein altes Genre noch mal komplett neu an, indem sie neue Regeln aufstellen, neue Begriffe einführen und sich von den europäischen Wurzeln lossagen, mitsamt den alten Definitionen. Klassischer Black Metal wird dort als "Sackgasse" bezeichnet.

Auch in Interviews hantieren sie gern mit großen Ideen. Gern zitieren Liturgy den Avantgarde-Gitarristen Glen Branca als Inspiration. Sie flirten auf Aesthethica mit Avantgardismen, einige Stücke verharren in fast unerträglicher Monotonie, bevor sie explodieren, andere werden kreischend immer wieder abgebremst. Für jeden Black-Metal-Fan bis jetzt schon untragbar, doch nun der Skandal: Die Band sieht aus wie eine Indie-Band! Um Gottes Willen, die tragen normale Jeans! In Interviews grenzen sie sich ebenso wie Wolves In The Throne Room von der Ursprungsszene in Norwegen ab: "Black Metal ist eine Gegenkultur. Und gleichzeitig soviel mehr. Black Metal ist spiritueller und hat mehr Bezug zur Vergangenheit." Der Nihilismus, eigentlich die einende Haltung im Black Metal, dankt ab. "Ich bin es leid, immer mit dieser Negativität umzugehen", sagt der Sänger Hunter Hunt-Hendrix. "Der einzige Weg, um mit der Leere und dem Chaos umzugehen, ist, es einfach zu bejahen. Spirituelle Extase."

Krallice schließlich, eine drittes Beispiel dieses aufgeklärten Black Metal, haben es da zunächst einfacher innerhalb der Szene. Die Mitglieder sind länger dabei, alle in akzeptierten Bands. Zusammen jedoch haben sie ein Monster geschaffen: Ihr drittes Album Diotima wirkt zunächst wie Kubricks Monolith. Erst nach einigen Durchläufen zeigen sich erste Risse, winzige kunstvolle Pausen hier, minimale Verschiebungen da, es ist eine ungewöhnliche Detailverliebtheit .

Auf die Frage in einem Interview, ob er sich denn auch mit der Black-Metal-Maskerade Corpse Paint, also der bleichen Gesichtsbemalung, vorstellen könne, antwortete ein Mitglied: "Das könnte ich niemals machen, ohne vor Scham Pickel zu kriegen." Sie sind eher der Typus klassischer Musiker, die keinerlei Interesse am Kontext zeigen, ihnen geht es um eine "emotionale Reaktion". Krallice nutzen Black Metal als Vehikel für ihre musikalische Grenzerfahrung, dabei entmystifizieren sie ein immer noch mysteriöses Genre.

Nennen wir diese Bands einfach mal: Neo Black Metal. Sie hören sich an wie eine Befreiung.
 

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Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Der Weg einer Freiheit?

Ne. Der Weg einer Freiheit ist das beste Beispiel, das die kreative Phase des BM vorbei ist. Die heben sich auch kein bischen von tausenden anderen Atmospheric/Post/Depressive/Suicidal/Melancholic Blablabla Black Metal Bands ab. Und ich finde es ziehmlich arrogant zu behaupten sie wären was anderes oder besseres nur weil die sone Modestyler/Hipster sind. Rein Musikalisch heben die sich kein bisschen von der neuesten Welle ab. Klar es gibt nur wenige die sich abheben, die sind dann auch schon Jahre dabei oder haben sich aufgelöst, wie Aaskereia (extrem helle hohe stimmer, klargesang, erstaunlich melodische Spielweise, im übrigen pagan und nicht satanistisch, Natur und deren Ästhetik sind Hauptthemen), Die Saat (extrem starker elektronischer Einfluss, Folkische Chöre), Arathorn, Grabnebelfürsten. Das sind meiner Meinung nach einzigartige Bands. Aber Der Weg einer Freiheit? Ne. Die schwimmen genauso im Atmospheric und Co. Strom mit wie jede 2. "neue" Band auch.

Black Metal ist Geschichte

Ich habe Black Metal in seiner Blütezeit in den 90igern gehört. Satyricon, Emperor, Mayhem, Marduk, Siebenbürgen und viele andere mehr. Auch bzw. sogar Dimmu Borgir, die bei vielen ja als zu kommerziell angesehen wurden. Gerade deren Album "Enthrone Darkness Triumphant" sehe ich als Wendepunkt im Black Metal an. Mit diesem Album hat die Kommerzialisierung des Schwarzmetalls angefangen und meiner Meinung nach auch ihren Höhepunkt erreicht. Seitdem leidet das Genre an zuvielen Bands,die die Großen der Szene nur nachmachen, bzw die Musikrichtung nicht weiterentwickeln wollen oder können. Ähnlich wie beim Punk hat sich die Musikrichtung totgelaufen, liegt natürlich auch an den engen Grenzen, denen beide Musikrichtungen unterworfen sind. Interessant sind momentan meiner Meinung nach vor allem Musikgruppen, die andere Musikrichtungen einfließen lassen, bzw ihren eigenen Weg gehen a la Behemoth.

Sie...

...haben das Problem genau erkannt. Die Meilensteine und damit die kreative Phase des Blackmetals ist lange vorbei.
Was heut noch auf den Markt kommt sind meist billige Kopien des 90er Jahre Stils. Und daran haben auch die Anhänger schuld. Reichlich Szenepuristen tummeln sich gerade beim Backmetal, denen jegliche Weiterentwicklungen ein Dorn im Auge sind. Ich persönlich höre zwar eh nicht viel BM, aber bspw finde ich WiTR absolut klasse.
Eine ähnliche Entwicklung kann ich persönlich übrigens im gesamten Metal feststellen (BM ist da nur das Extrem).
Es werden zwar verdammt viele und verdammt gute Alben herausgebracht (wenn man stiltechnisch flexibel ist, ist man da deutlich im Vorteil ^^), aber kreative (Weiter-)Entwicklungen sind kaum festzustellen.
In dieser Beziehung ist Metal größtenteils ausgereizt.
Davon sind die extremeren Richtungen (Gegenbeispiele wie die von Ihnen genannten (großartigen) Behemoth ausgenommen) stärker betroffen als vergleichsweise jüngere Stile wie
Post-Metal. Viele hecheln immer noch den Größen aus den 80ern und frühen 90ern hinterher.
Nur selten gibts mal was neues wie z.B. Kvelertak.
Wenn eine Band sich verändert wird ihr von vielen "treuen" Fans entweder Ausverkauf oder "Fanverrat" durch Stilbruch vorgeworfen. Oder das Gegenteil "die machen doch immer dasselbe". Die Metalszene erscheint mir häufig als schizophren konservativ.

Neo Black Metal

ah ja... aus dem black metal sind schon so viele bands verschiedenster richtung hervorgegangen, ich seh hier jetzt nicht unbedingt eine neue entwicklung. angefangen vom viking metal, wo es sehr viele interessante bands gibt, bis hin zu avantgard wie etwa arcturus.
black metal kommt schön langsam in die jahre, und die ursprünglich gesetzen grenzen sind sehr eng. wer nicht klingen will wie viele andere auch, musste sich halt was neues einfallen lassen. dass man das jetzt gerade an drei amerikanischen bands festmachen kann, ist schon ein wenig weit hergeholt.
und corpse paint... naja, kommt auch schön langsam aus der mode, selbst unter den hartgesottenen. die "altehrwürdigen" immortal selbst haben das ganze runderhum durch den kakao gezogen, mit ganz trockenen schwarzen humor, wie es norweger generell gern tun.
wenn man will, kann man schon seit längerem sehr interessante (ehemalige) bm-bands finden, ganz fernab der alten klischees.

Der Black Metal ist bunt

Selbst der langjährige Metal Insider hat noch viel zu entdecken bei über 82000 gelisteten Metal Bands (metal archives) weltweit. Der überwiegende Teil davon ist "dunkle Materie". D.h. die meisten Bands kann man grob in die Sparte Death oder Black Metal einordnen, aber es gibt
tatsächlich so viele Untergruppen z.B. Black Thrash, Speed Death, Funeral Doom oder zB Black Metal Shoegaze wie die französische Band Alcest es spielt. Und die skandinavische Dominanz ist am bröckeln, heute gibt es Black Metal aus Uruguay und Saudi Arabien. Auch wenn man in der Szene da empfindlich reagiert, würde ich mich mal über einen Artikel zu der überschaubaren Zahl an White Metal Bands freuen, also dem Gegenpart zu den vorwiegenden Düster- und Satanismus Texten.