Die junge Generation der E-Gitarren steckt in einer Identitätskrise. Die zwei größten Instrumentenhersteller bemühen sich redlich, das Image des ehrlichen Rock'n'Roll-Arbeiters, der mit Holzbrett und Stahlsaiten schuftet, auzufrischen. Aber wie soll das gehen? Die technischen Grundlagen der Tonabnahme sind kaum entscheidend zu verändern. Da stößt die Formvielfalt an ihre praktischen Grenzen.

Fender etwa produziert modebewussten Retro-Fake, neue Gitarren, die aussehen, als hätte man sie jahrelang über die Bühne geschleift. Gibson hingegen macht das Instrument zur chipgesteuerten Benutzeroberfläche. Gestimmt wird automatisch auf Knopfdruck, Effekte sind in die Gitarre bereits integriert. In beiden Produktlinien spiegelt sich der aktuelle Zustand der Popmusik. Für Patinafreunde, die die Vergangenheit verpasst haben, legen unzählige Bands wahlweise den Sound von Led Zeppelin, Black Sabbath oder den Stones neu auf. Dem gegenüber steht genmanipulierter Powerpop wie der von Lady Gaga. Hat Lady Gaga einen Gitarristen? Egal. Hauptsache, der Gesamtsound schnurrt reibungslos.

Gitarren gehen mit den Moden. Manche Entwürfe sind beständig wie Jeans und T-Shirt und werden wie die Standardmodelle der großen Hersteller kaum in ihrer Form und nur dezent in ihrer Elektronik verändert. Andere sind vergänglich wie ein Aerobic-Outfit, beispielsweise die kreischfarbigen Modelle von Ibanez aus den Achtzigern und frühen Neunzigern. Immer aber ist die E-Gitarre hauteng mit ihrem Träger verbunden und wirkt auf seinen Spielerkörper zurück.

Ende der Sechziger wurde die E-Gitarre zum machistischen Hassobjekt. Weiße Cock-Rocker wie Led Zeppelin präsentierten ihre Gitarren wie Affen den Penis – das nicht enden wollende Solo als Imponiergehabe. Wer die Zeichen so lesen will, erkennt in den Riot Grrrls der Neunziger und ihrer Instrumentenbemächtigung die Kastration der Gitarrenmännchen. Und wer so weit geht, zu behaupten, die weißen Rock'n'Roller hätten die E-Gitarre aus der afroamerikanischen Kultur entwendet, der argumentiert mit seltsam grenzwertigen Bildern, in der das schwarze Amerika eine animalische Kraft besitzt, die das weiße gern hätte.

Von den zeitgenössischen Bühnen des Pop ist die phallische E-Gitarre weitgehend verschwunden, abgetaucht in die Parallelwelt des Metal. Kerry King von Slayer spielt eine B.C. Rich, ein Teil mit comichafter Kopfplatte, irgendwo zwischen Batman-Symbol und Hellebarde. Der Korpus des Instruments hat Gibsons Flying-V-Form, der vielleicht aggressivste Entwurf einer E-Gitarre, die als symbolischer Pfeil schon Waffe ist. Das V ankert auf Kings rechtem Oberschenkel, und der Gitarrenhals ragt mustergültig aus dem Schritt.

Solche Gesten gehören nicht zum Wesen der E-Gitarre an sich, sie sind immer an bestimmte Modelle gebunden. Der Grund liegt in der Kombination von Spieler- und Gitarrenkörper. Die schönsten ikonografischen Phallusfotos kennt man von Keith Richards und Bruce Springsteen. Beide spielten eine Fender Telecaster. 1949 begann Leo Fender an dem Urmodell zu arbeiten, das später die Telecaster werden sollte. Ihr Image bis heute: das Rock-Arbeitstier. Das liegt am Sound, dem klassisch klingelnden Tele-Twang, der mühelos eine Band dominiert. Und es liegt an der bestechend rüden Funktionalität. Ein Brett mit Saiten.

Die Fender Stratocaster, die schon vom Namen her ein Science-Fiction-Versprechen ist, war ergonomisch weiter entwickelt. Mit einer Aussparung auf der Rückseite und einem abgeschrägten Korpus dort, wo die Schlaghand liegt, schmiegt sie sich enger an den Musiker. Die Telecaster aber ist geradezu aufreizend unkomfortabel. Und sie lässt, tief gehängt, den Unterarm der Schlaghand unangenehm auf dem Korpus liegen. Angenehmer wird die Spielhaltung erst, geht man leicht in die Knie, stützt das Instrument mit dem rechten Oberschenkel, drückt sein Handgelenk durch und lässt damit den Tele-Hals mustergültig phallisch ragen. Soweit die gymnastische Anleitung. Als Nebenbemerkung: Der Linkshänder Hendrix spielte eine Rechtshänder-Stratocaster verkehrt herum. In dieser Position besaß die Gitarre ähnliche unergonomische – und phallische – Möglichkeiten wie die Telecaster.

Das darstellende Spiel ist an die Form gebunden. Chuck Berrys Duckwalk hängt natürlich mit der Dimension der ES-335 zusammen – ein ab 1958 gebautes gibsonsches Übergangsmodell von halbakustisch zu elektrisch. Wenngleich flacher als das vorangegangene Halbakustikmodell, ist der Korpus der ES-335 immer noch so ausladend, dass er die gestische Freiheit einschränkt. Statt seiner Gitarre bewegte Berry gleich den Rock'n'Roller-Körper in den Entengang.

Die großen Gesten haben sich verbraucht

B. B. King oder Noel Gallagher setzen sich mit solchen Gitarrenschiffen vorzugsweise auf einen Stuhl. Pete Townshends Windmühlenschlag funktioniert bestens mit den kleinen Gibson-Modellen, der SG oder Les Paul. Präferierte Modelle, um Gitarre mit den Zähnen zu spielen, wie Hendrix, gibt es nicht. Den großen Gesten aber ist eines gemeinsam: Sie haben sich verbraucht. Die früheren Gitarristen hatten sie sich als Markenzeichen gegeben. Und niemand, der nicht freiwillig Epigone ist, sollte seine Gitarre heute noch schultern und hinter dem Kopf spielen.

Die Gitarre als Feigenblatt? Pete Townshend von The Who, 1975 © Evening Standard/Getty Images

Wer sehen will, wie vernünftig die E-Gitarre geworden ist, vergleicht die zwei Les-Paul-Spieler Slash und Joe Bonamassa. Bei Letzterem sitzt das Instrument heute in komfortabler Spielhöhe und wird gern mit Anzug und Manschettenknöpfen kombiniert. Slash war noch durch und durch Poser, dem der Gitarrenhals aus der Hose wuchs. Dafür hat er seine Les Paul auch grenzwertig tief gehängt. Je cooler der Look, desto ungünstiger der Winkel für die Greifhand.

Der Typus des Gitarrenposers greift heute eher zu den künstlich gealterten Instrumenten. Die Vernunftgitarristen dürfen sich als Krönung eine servicefreundliche Robotergitarre kaufen. Und können sich überlegen, ob sie sich ihr Instrument nicht gleich knapp unter den Hals hängen, so wie sich alte Männer die Hosen unter die Achseln ziehen. Frank Gambale und diverse andere Jazz-Gitarristen dienen als Vorbilder. Wem das Aussehen egal ist, der lässt den Unterarm der Schlaghand und die Saiten eine Linie bilden und kann im Flatpicking die Geschwindigkeit eines Mandolinentremolos erreichen.

Mit ein bisschen Stilgefühl wäre es Gitarristen möglich, ein Instrument zu ihrem eigenen zu machen. Dass Kurt Cobain sich das alte Schülermodell einer Fender Mustang in Daphne Blue ausgesucht hat, war ein richtiger Schritt. Und dass Fender ihm kurz vor seinem Tod mit der Jag-Stang noch ein eigenes Modell nach seinem Entwurf baute, erhob Cobain vom Gitarristen zum Modeschöpfer. Wenn auch nur für ein paar Jahre. Massentauglich war Cobains asymmetrisch verzogene Fantasie nicht. Die Produktion wurde 2005 eingestellt. Zu finden ist die Jag-Stang auf dem Vintage-Markt, wo sie als echte Erinnerung die moderne Gitarrenkrise überdauern wird. So wie eine ganze Armee vergessener Modelle. Die Gegenwart des Popsounds und seiner Instrumente ist ja recht gestrig. Möglicherweise auch ihre Zukunft.