Rock-GitarristenWie Affen den Penis

Rockmusiker präsentieren ihre Gitarren wie ein Phallussymbol. Warum eigentlich? Christian Jooß-Bernau erklärt die Vereinigung von Spieler- und Instrumentenkörper. von Christian Jooss-Bernau

Die junge Generation der E-Gitarren steckt in einer Identitätskrise. Die zwei größten Instrumentenhersteller bemühen sich redlich, das Image des ehrlichen Rock'n'Roll-Arbeiters, der mit Holzbrett und Stahlsaiten schuftet, auzufrischen. Aber wie soll das gehen? Die technischen Grundlagen der Tonabnahme sind kaum entscheidend zu verändern. Da stößt die Formvielfalt an ihre praktischen Grenzen.

Fender etwa produziert modebewussten Retro-Fake, neue Gitarren, die aussehen, als hätte man sie jahrelang über die Bühne geschleift. Gibson hingegen macht das Instrument zur chipgesteuerten Benutzeroberfläche. Gestimmt wird automatisch auf Knopfdruck, Effekte sind in die Gitarre bereits integriert. In beiden Produktlinien spiegelt sich der aktuelle Zustand der Popmusik. Für Patinafreunde, die die Vergangenheit verpasst haben, legen unzählige Bands wahlweise den Sound von Led Zeppelin, Black Sabbath oder den Stones neu auf. Dem gegenüber steht genmanipulierter Powerpop wie der von Lady Gaga. Hat Lady Gaga einen Gitarristen? Egal. Hauptsache, der Gesamtsound schnurrt reibungslos.

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Gitarren gehen mit den Moden. Manche Entwürfe sind beständig wie Jeans und T-Shirt und werden wie die Standardmodelle der großen Hersteller kaum in ihrer Form und nur dezent in ihrer Elektronik verändert. Andere sind vergänglich wie ein Aerobic-Outfit, beispielsweise die kreischfarbigen Modelle von Ibanez aus den Achtzigern und frühen Neunzigern. Immer aber ist die E-Gitarre hauteng mit ihrem Träger verbunden und wirkt auf seinen Spielerkörper zurück.

Ende der Sechziger wurde die E-Gitarre zum machistischen Hassobjekt. Weiße Cock-Rocker wie Led Zeppelin präsentierten ihre Gitarren wie Affen den Penis – das nicht enden wollende Solo als Imponiergehabe. Wer die Zeichen so lesen will, erkennt in den Riot Grrrls der Neunziger und ihrer Instrumentenbemächtigung die Kastration der Gitarrenmännchen. Und wer so weit geht, zu behaupten, die weißen Rock'n'Roller hätten die E-Gitarre aus der afroamerikanischen Kultur entwendet, der argumentiert mit seltsam grenzwertigen Bildern, in der das schwarze Amerika eine animalische Kraft besitzt, die das weiße gern hätte.

Von den zeitgenössischen Bühnen des Pop ist die phallische E-Gitarre weitgehend verschwunden, abgetaucht in die Parallelwelt des Metal. Kerry King von Slayer spielt eine B.C. Rich, ein Teil mit comichafter Kopfplatte, irgendwo zwischen Batman-Symbol und Hellebarde. Der Korpus des Instruments hat Gibsons Flying-V-Form, der vielleicht aggressivste Entwurf einer E-Gitarre, die als symbolischer Pfeil schon Waffe ist. Das V ankert auf Kings rechtem Oberschenkel, und der Gitarrenhals ragt mustergültig aus dem Schritt.

Solche Gesten gehören nicht zum Wesen der E-Gitarre an sich, sie sind immer an bestimmte Modelle gebunden. Der Grund liegt in der Kombination von Spieler- und Gitarrenkörper. Die schönsten ikonografischen Phallusfotos kennt man von Keith Richards und Bruce Springsteen. Beide spielten eine Fender Telecaster. 1949 begann Leo Fender an dem Urmodell zu arbeiten, das später die Telecaster werden sollte. Ihr Image bis heute: das Rock-Arbeitstier. Das liegt am Sound, dem klassisch klingelnden Tele-Twang, der mühelos eine Band dominiert. Und es liegt an der bestechend rüden Funktionalität. Ein Brett mit Saiten.

Die Fender Stratocaster, die schon vom Namen her ein Science-Fiction-Versprechen ist, war ergonomisch weiter entwickelt. Mit einer Aussparung auf der Rückseite und einem abgeschrägten Korpus dort, wo die Schlaghand liegt, schmiegt sie sich enger an den Musiker. Die Telecaster aber ist geradezu aufreizend unkomfortabel. Und sie lässt, tief gehängt, den Unterarm der Schlaghand unangenehm auf dem Korpus liegen. Angenehmer wird die Spielhaltung erst, geht man leicht in die Knie, stützt das Instrument mit dem rechten Oberschenkel, drückt sein Handgelenk durch und lässt damit den Tele-Hals mustergültig phallisch ragen. Soweit die gymnastische Anleitung. Als Nebenbemerkung: Der Linkshänder Hendrix spielte eine Rechtshänder-Stratocaster verkehrt herum. In dieser Position besaß die Gitarre ähnliche unergonomische – und phallische – Möglichkeiten wie die Telecaster.

Das darstellende Spiel ist an die Form gebunden. Chuck Berrys Duckwalk hängt natürlich mit der Dimension der ES-335 zusammen – ein ab 1958 gebautes gibsonsches Übergangsmodell von halbakustisch zu elektrisch. Wenngleich flacher als das vorangegangene Halbakustikmodell, ist der Korpus der ES-335 immer noch so ausladend, dass er die gestische Freiheit einschränkt. Statt seiner Gitarre bewegte Berry gleich den Rock'n'Roller-Körper in den Entengang.

Leserkommentare
  1. ..des Autors nebst einiger zustimmender Foristen gegenüber Elektrogitarristen erinnert mich ein wenig an längst überwunden geglaubte Zeiten bzw. Gedanken:

    http://www.spiegel.de/spi...

    Demnach erhielt Radio Bremen anlässlich der ARD-Sendereihe „Beat-Club“ Zuschauerbriefe mit Aussagen, etwa „..unseren Führer, der so etwas nicht zugelassen hätte“, oder „das ganze Gesindel“ (gemeint die Musiker) solle nach Vietnam deportiert werden.

    Ein Leser der TV-Zeitung „Hör-Zu“ fragte in einem Leserbrief „Ist dieses langmähnige Etwas mit der Banane aus dem Urwald gelockt worden? Man sollte den Beat-Club nicht mit dem Zoo verwechseln!"
    Dieser Leser bezog sich dabei auf einen im „Beat-Club“ gezeigten Auftritt der „Jimi Hendrix Experience“ im londoner „Marquee club“ von 1967

    http://www.youtube.com/wa...

    Dieser charismatische Typ mit seiner Lässigkeit und Leichtigkeit seines Spiels, dem Sprechgesang, der jungenhaften Unbekümmertheit.
    Und der notorisch unterschätzte jazzige Schlagzeuger Mitch Mitchell war auf den Aufnahmen gerade mal 19 Jahre alt und hat dennoch entscheidend mitgeholfen, mit diesem Trio Musikgeschichte zu schreiben.

    Wie konnten solche jungen Vollblutmusiker so vielen Leuten Angst machen, und sie zu derartigen Hasstiraden verleiten.

    • TDU
    • 03. Dezember 2011 13:25 Uhr

    Hab ihren Kommentar empfohlen, da Sie den musikalischen Teil des Bereich asngesprochen haben. Mir war Hendrix am Anfang von seinen Hits abgesehen zu schräg. Als ich seine Harmonien begriffen habe, auch den "Hendrix" Griff, wars Harmonie. Der Beweis für Bildung bildet hören. Und man konnte sein "konzertante Art, die Gitarre zu spielen geniessen.

    Die Gitarre ist das einzige Instrument, dass dem Klavier entspricht. Und so hat er sie gespielt. Nicht auf Einzeltöne fixiert, sondern die ganze Harmonie des Intruments nutzend. Wie die Großen, und das war im Genre das vollkommen Neue und die wirkliche "Wiederentdeckung" der alten Meister des Blues.

    Ein paar Mätzchen hatte jeder drauf. Aber man munkelt, er habe sich den Messias von Händel gekauft, und hätte die Absicht gehabt, mit einer Big Band auf Tournee zu gehen. Musik ist eine Welt, die sogar ein Bohlen ein wenig verstanden haben muss.

    Und Sex? Was ist so schlimm ihn mit Musik in Verbindung zu bringen. Damals galt es, die Verklemmungen aufzulösen, aber nicht nur in Geilheit, sondern auch in Freiheit und geträumter Einheit von Gefühl und Körper. Aber es mit allem, was "selbstverständlich" wird, ist das Normale was scheinbar immer gilt und nie bedroht ist.

    Und so kann der Autor von endender Zukunft sprechen. Vielleicht das Fanal für die neue Deutungshoheit, wie es gefälligts zu sein hat. Bei der Musik und beim "Sex".

    • TDU
    • 03. Dezember 2011 13:44 Uhr

    Wunderbar. Aber auch dessen Zukunft ist bedroht durch das sachliche Tastenspiel, was ja zunehmend auch die POP Musik bestimmt. Und es gibt ihn jetzt im Zehnerpack für ein paar Cents beim Discounter.

    Dabei sind manche phallischen Schreibgeräte doch von wunderbarer Ästhetik. Die unterstützen die schöne Schrift, die sowohl eitel daher kommen kann, als auch mitunter die Damenwelt becircen soll, aber auch der guten Lesbarkeit geschuldet ist. Es ist auch schwer, schön zu schreiben.

    Und vielelicht ist in der Polemik des Autors ja auch ein Moment der Trauer enthalten über den Rückkgang solchen Kulturguts. Er schreibt ja schliesslich immer noch für die "Zeit", in der die Ambivalenzen doch (noch?!) geschätzt werden.

    Antwort auf "Phallussymbol"
    • Harald4
    • 03. Dezember 2011 14:57 Uhr

    Ich habe 20 Jahre lang eine Gibson ES 347 gespielt,
    die habe ich sogar noch bei Manny's in New York persönlich abgeholt,
    die durch den innenliegenden Sustainblock schwerer als eine Les Paul war.

    Bei Peter Schell, der mal Europe Manager von Mesa Boogie war,
    habe ich eine Moonstone gesehen, aus swamp ash, das ist ein im Sumpf verrotter Baum,
    die Grateful Dead hatten sowas im Arsenal,
    ich dachte mir, warum macht man die Dinger nicht gleich aus Blei!

    Durch das Gewicht und die falsche Haltung bekam ich Milchsäureablagerungen an der Wirbelsäule, so dass ich dachte, ich sterbe am Herzinfarkt, weil die Kristalle den linken kleinen Finger blockiert hatten.

    Ein Masseur hat mir das in etlichen Sitzungen beseitigt, dann habe ich mir einen grossen Spiegel besorgt und eine vernünftige Körperhaltung in Jahren einstudiert.

    Das war fein formuliert, Indianer kennen keine Worte für diese Dinge.

    Mag ein harter Weg sein, abba lohnt sich

    • summin
    • 03. Dezember 2011 15:06 Uhr
    37. [...]

    [...]

    Sehr oberflächlicher Artikel. Wieso schreibt der Autor nicht über Dinge die Ihm gefallen, z.Bsp. Lady Gaga?

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/jz

    Antwort auf "Phallussymbol"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • summin
    • 03. Dezember 2011 16:07 Uhr

    Der Kommentar war genauso metaphorisch gemeint wie die Grundaussage des Artikels. Danke.

    • Harald4
    • 03. Dezember 2011 15:30 Uhr

    Da war ich 16, da gab es in Volkach am Main eine Disco, in der niemals jemand getanzt hat.
    Dafür jede Menge amerikanischer Soldaten, die schokoladengrosse Haschischplatten auf den Tisch legten und daraus permanent kreisende Pfeifen produzierten.

    Dazu ein DJ, der auf 2 Plattentellern die A und die B Seite der Band Of Gypsies liegen hatte.

    Was anderes gab es da nicht zu hören, es war auch allen recht so

  2. "Rockmusiker präsentieren ihre Gitarren wie ein Phallussymbol. Warum eigentlich?" Diese Frage bleibt mehr oder weniger unbeantwortet. Wissenschaftliche Erkenntnisse wurden zugunsten von gängigen Klichees eingetauscht und der Artikel mit einem unnötigen und unvollständigen Grundriss der Gitarrenbaugeschichte ins Langweilige gestreckt.

    • summin
    • 03. Dezember 2011 16:07 Uhr

    Der Kommentar war genauso metaphorisch gemeint wie die Grundaussage des Artikels. Danke.

    Antwort auf "[...]"

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Kurt Cobain | Bruce Springsteen | Keith Richards | Noel Gallagher | USA
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