Jazzpianist Keith Jarrett"Und plötzlich übernimmt mein Körper die Regie"

Der legendäre Jazzpianist Keith Jarrett war noch nie so zufrieden wie heute, mit 66: neue Liebe, neues Album. Ein Interview über Konzentration und die Kraft des Publikums von Stefan Hentz

Keith Jarrett auf einem Archivbild

Keith Jarrett auf einem Archivbild  |  © Jens Kristensson/AFP/Getty Images

Timing ist die halbe Miete, wenn es um Musik geht. Wer mit Keith Jarrett sprechen will, der muss pünktlich sein, auf die Minute. Jarrett könnte sonst verstimmt sein, so geht zumindest die Legende. Umso größer ist die Überraschung, dass er heute so aufmerksam, gesprächig und gut gelaunt ist. Die gute Laune hat zwei Ursachen, das macht er schnell deutlich: eine neue Liebe und ein – nicht nur in seinen eigenen Augen – gelungenes Konzert.

Seit bald vier Jahrzehnten beeindruckt Keith Jarrett sein Publikum durch improvisierte Solokonzerte, in denen sich eine Offenheit für die Stimmungen der Klavierliteratur und die gestalterische Intelligenz eines Komponisten zeigt. Schon das Köln Concert aus dem Jahr 1975, das meistverkaufte Jazz-Soloalbum aller Zeiten, machte alle Zukunftssorgen überflüssig. Doch mit Rio ist dem Pianisten etwas Neues gelungen , ein Ausblick in eine hellere, freundlichere Dimension seiner Musik, von der auch Jarrett selbst überwältigt ist: Nie war er so zufrieden mit der Aufnahme eines seiner Solokonzerte.

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ZEIT ONLINE: Mister Jarrett, als Sie vor zwei Jahren in Berlin spielten , lag eine Spannung in der Luft, die fast an Feindseligkeit grenzte. Dabei hatte ich das Gefühl, dass Sie mit dieser Spannung ganz bewusst ein Stück anheizen.

Keith Jarrett: Ich muss immer mit dem arbeiten, was vorhanden ist, mit dem Klavier, der Halle, dem Publikum – das alles ist mein Instrument. Und wenn da eine angespannte Atmosphäre ist, kann ich die nicht einfach ignorieren. Aber ich habe die Möglichkeit, die Spannung selbst zur Quelle des Konzerts zu machen, zum Material, aus dem ich schöpfe. Damals war ich gerade in der Trennungsphase einer Beziehung, mein Gefühlsleben war eher düster, aber in der Musik lassen sich diese negativen Emotionen in etwas Positives verwandeln.

ZEIT ONLINE: Ihre Solokonzerte sind geprägt vom Ringen um Konzentration in einer grundsätzlich unruhigen Umgebung, manchmal wirken sie dabei einfach nur in sich gekehrt, manchmal fast schon abweisend. Rio zeigt nun ein ganz anderes Konzerterlebnis, leicht und heiter.


Jarrett:
Es war eine ganz neue Sache für mich, es begann schon damit, dass ich keinen Soundcheck gemacht habe. Zum ersten Mal. Ich hatte so oft gedacht, wenn ich beim Soundcheck schon spiele, ist die Situation nicht mehr rein, und ich kann das Konzert nicht mehr bei null starten. Als ich dann in Rio auf die Bühne ging, passierte etwas Eigenartiges: Es lag keine Spannung in der Luft, ich fühlte mich überhaupt nicht angespannt.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Jarrett: Ich glaube, das lag an meiner neuen Liebesbeziehung. Ich habe eine Frau auf der anderen Seite des Ozeans kennengelernt, und das erklärt völlig, wieso sich diese Aufnahme anders anhört als frühere. Sehr viel von dem, was mir gerade passiert, bringe ich mit dieser neuen Beziehung in Verbindung: Ich hatte vor dem Konzert mit ihr telefoniert und war so erfüllt mit Hoffnung und positiver Energie wie schon lange nicht mehr. Schon deshalb fühlte ich mich einfach gut auf dieser Bühne.

ZEIT ONLINE: Die offene Struktur ihrer Konzerte erfordert eine vorbehaltlose Konzentration, die fast schon an Meditation grenzt. Haben Sie Rituale oder andere Techniken, um diesen Zustand zu erzeugen, bevor Sie auf die Bühne gehen können?

Jarrett: Das passiert einfach. Ich habe keine Ahnung, wie. Immer wenn ich ein Solokonzert spiele, beschleicht mich irgendwann so ein bestimmter Bewusstseinszustand. Ich sitze backstage , esse noch etwas, und plötzlich, wenn die Zeit des Konzerts näher rückt, übernimmt mein Körper die Regie. Dann höre ich auf, mit den Leuten am Tisch zu reden und es geht etwas anderes in mir vor.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie so sehr auf die Vorgänge in Ihrem Inneren fokussiert sind, ist es dann überhaupt noch ein Unterschied, in welchem Teil der Welt Sie gerade spielen?

Jarrett: Es ist jedes Mal anders. Ich fahre immer einige Tage vor den Konzerten an die Orte, an denen sie stattfinden und versuche, alles aufzusaugen, das Lebensgefühl, die Kultur, die Klänge. Dort, wo ich mit dem Ort vertraut bin wie in New York oder in vielen Städten Europas, ist mir alles fast schon zu vertraut. Das macht es schwer Spannung aufzubauen.

Leserkommentare
    • k2
    • 28. Dezember 2011 17:38 Uhr

    vier Hände und zwei Klaviere und drei grosse
    Mozartinterpreten spielen mit Groove das Klavierkonzert Nummer Zehn in der Fassung von Nannerl und Signore Stenzel

    nach Köln, Rio nun bald wieder in Montreux.

    Stefano Bollani und ich können leider das kommende Jahr im Juni nicht wieder LaTina
    in der Royal Albert Hall wie im Casino Bern schon wieder begleiten ; Alex mag das uns nachsehen.

    "Stefano Bollani & Chick Corea a Umbria jazz 13.07.09 (bis finale) Concierto de Aranjuez / Spain "

    http://www.youtube.com/wa...

    "Keith Jarrett Chick Corea play Mozart KV.365 Allegro "

    http://www.youtube.com/wa...

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  • Schlagworte Keith Jarrett | Musik | Beziehung | Brasilien | Bühne | Jazz
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