ZEIT ONLINE: Herr Somuncu, Sie wurden bekannt als Türke, der öffentlich aus Hitlers Mein Kampf vorgelesen hat. Wie kamen Sie dazu?

Serdar Somuncu: Ich komme vom Theater und hatte die Idee, historische Texte zu lesen und diese auch zu kommentieren. Ich bin völlig naiv in die Premiere gestolpert und habe vorher ein Fax an die dpa geschickt. Innerhalb von fünf Minuten sind bei mir alle Datenleitungen zusammengebrochen. Der erste Anrufer war ein Spiegel-Redakteur, der sagte: "Sie haben sich da auf etwas eingelassen, was sie so schnell nicht wieder loswerden." Er hatte recht.

ZEIT ONLINE: Sie haben mit ihrem Programm bisweilen allein vor 200 bis 300 Rechtsradikalen gespielt. Wie ging es Ihnen damit?

Somuncu: Das war nicht angenehm. Ich war fast vier Jahre lang 24 Stunden am Tag mit Polizeischutz unterwegs. Das ist sehr anstrengend. Und warum das Ganze? Weil irgendwelche Vollidioten ihren Führer in Schutz nehmen wollen. Entweder man reagiert darauf mit Trotz oder man zieht sich zurück. Ich habe das Erste vorgezogen.

ZEIT ONLINE: Sie haben nun ein weniger trotziges Musikalbum veröffentlicht. War das als Entspannungstherapie gedacht?

Somuncu: Ich wollte mal etwas Einfaches machen, das nicht zensiert wird. Gegen Ende der Tour habe ich auf der Bühne aus Jux und Dollerei ein paar Lieder gespielt. Ich habe irgendwann gemerkt, dass meine Gehirnzellen nicht mehr frei genug waren, um mich am Abend nach der Vorstellung sauber zu kriegen. Am Schluss wusste ich nicht mehr, wo ich wohne. Ich hatte jegliche Orientierung verloren, da war die Musik wie Urlaub.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Programm Der Hassprediger, das auf die Lesereise folgte, wirkten Sie ein wenig desillusioniert ob der Publikumsreaktionen.

Somuncu: Das kann sein. Als ich angefangen habe, war der Mainstream eher konservativ. Zehn Jahre später ist der Mainstream eher grün und liberal. Mir ist es wichtig, Widerstand zu leisten gegen die Majoritäten. Die Grünen sind heute Establishment, und die Hippies sind reich.

ZEIT ONLINE: Was stört Sie daran?

Somuncu: Sie schmücken sich nur noch mit dem Accessoire, links zu sein, sind aber letztlich liberal. Wenn man mit diesen Leuten redet oder sie sogar angreift, reagieren sie viel restriktiver als Konservative. Die CDU ist ja fast schon eine Antipartei heutzutage.

ZEIT ONLINE: Würden Sie aus Protest die CDU wählen?

Somuncu: Ich bin nach wie vor kein CDU-Fan, weil die CDU eine Antitürkenpartei geblieben ist. Aber ich sehe, dass diese Denkzugehörigkeiten sehr variabel sind.

ZEIT ONLINE: Und das frustriert Sie?

Somuncu: Zuweilen tatsächlich. Weil mich die Leute, für die ich diese Lesungen mache, am häufigsten missverstanden haben. Immer wieder gab es unnötige Verdächtigungen, das sei gefährlich. Immer wieder die zentrale Frage: Darf man über Hitler lachen?

ZEIT ONLINE: Und? Darf man?

Somuncu: Wer verbietet das? Wenn ich mich über den Nazi lustig mache und nicht über seine Taten, dann ist die Frage dumm. Denn sie ist eine bewusste Verwechslung von Absichten.
Ich bin sechs Jahre lang rumgefahren, habe mich gezeigt, habe mit Nazis diskutiert. Und die anderen sitzen zu Hause, schreiben im Verborgenen ihre Aufsätze und erzählen mir, wie es besser geht. Das ist nervig und zermürbend.