Die Welt gehört den Männern, sang James Brown 1966. Zu dieser Zeit hatte Jamesetta Hawkins längst bewiesen, dass sie bereit war, den Männern die Herrschaft streitig zu machen: Der Blues kennt keine Geschlechtergrenzen. Jamesetta ist ihm früh begegnet. Ihre Mutter war Prostituierte in Los Angeles und bekam im Alter von 14 eine Tochter, um die sie sich nicht kümmern konnte. Das kleine Mädchen kam ins Heim, wurde weitergereicht an Paten. Bemitleidenswertes Ding, Bettnässerin, aber da war diese Stimme, die sie schon mit fünf Jahren zur Attraktion des Kirchenchores machte. Und Jamesetta wusste, dass das ihre Chance war.

Mit 14 gab sie sich den Namen Etta James, gründete ein Doo-Wop-Trio und schrieb ihren ersten Hit. Roll With Me Henry war nicht gerade jugendfrei, wurde schnell in The Wallflower umbenannt, und landete 1955 an der Spitze der amerikanischen R'n'B-Charts. Ein Jahr später, Etta war nun 18, ging sie mit ihren Peaches auf Konzerttournee mit einem gewissen Little Richard. Der hatte gerade seine erste Nummer 1 mit einem wilden Rock'n'Roll-Song namens Tutti Frutti . Showbiz! Etta hatte es geschafft, aus der Gosse zum Teeniestar, und die beiden Peaches neben ihr waren schnell vergessen. Die Sorgen nicht, sie wuchsen mit ihr.

In ihrer Biografie Rage To Survive ließ sie David Ritz 1995 notieren: "Ich verstand, dass der Großteil des Blues damals von Männern gemacht wurde. Frauen hatten einfach nicht die Nerven dazu." Etta James hatte sie, aber verlor sie auch von Zeit zu Zeit. Anfang der sechziger Jahre kam sie bei Chess Records unter, der Chicagoer Plattenfirma, die mit Chuck Berry, Muddy Waters und Howlin' Wolf die Stars der R'n'B-Szene vertrat. Im Portfolio des Labels sollten James' sanfte Balladen einen Kontrapunkt zu den raubeinigen und vergnügungssüchtigen Kollegen setzen. Etta machte sich zu eigen, was man ihr vorlegte. Ein bisschen Blues, Gospel, Jazz, schwingende Dreiertakte, süße Streicher, Herzschmerztexte und dann noch diese Stimme: Ihr Debütalbum At Last! schaffte 1961 tatsächlich den Sprung aus der schwarzen R'n'B- in die weiße Pop-Hitparade.

Unzähligen Sängerinnen war sie ein Vorbild

Die Songs All I Could Do Was Cry , I'd Rather Go Blind , Trust In Me und das Titelstück At Last wurden zu Klassikern. Am bekanntesten dürfte heute I Just Wanna Make Love To You sein, das 1996 in einem Cola-Werbespot eingesetzt wurde. Mag man auch sonst nichts von Etta James gehört haben, in diesem Song offenbart sich das Besondere ihrer Stimme: Direktheit, Stärke, ja Ruppigkeit, die im nächsten Moment in katzenhafte Verführungskunst umschlägt und dabei so unverblümt ehrlich ist.

Unzähligen Sängerinnen ist sie damit zum Vorbild geworden. Etwa der im Sommer verstorbenen Amy Winehouse . Oder Beyoncé , die sie 2008 im Film Cadillac Records verkörperte. Oder Adele Adkins , die mit ihrem warmen Retrosoul zur erfolgreichsten Sängerin des vergangenen Jahres wurde: "Ich liebte den Ausdruck auf ihrem [Ettas] Gesicht. Leg Dich bloß nicht mit mir an, sagte er. Dann hörte ich ihre Stimme und wäre fast gestorben."

Die erste Frau im Rock'n'Roll

Etta James' echter Blues war das Gegenstück zum frisierten, übereleganten Pop der Motown-Sängerinnen. Kein Wunder, dass sich gerade die weiße Janis Joplin für diesen ungekünstelten Ausdruck begeistern konnte. In ihr fand James eine frühe Verehrerin, auf deren Anerkennung sie sehr stolz war. "Sie hatte Eier", sagte Etta James rückblickend. Die Hippies gefielen ihr. Attitüde und Liebe waren auch ihre Themen – und seit Mitte der sechziger Jahre harte Drogen. "Ich mochte das Verschwommene, alle Verantwortung abzustreifen, mich vom Wind treiben zu lassen." Während ihre Karriere an Fahrt aufnahm, ging ihr Privatleben in die Brüche.

Ihr Ehemann Artis Mills, ein ehemaliger Zuhälter, saß wegen Heroinbesitzes zehn Jahre im Gefängnis. Nun war sie schwanger von einem anderen und selbst ständig zugedröhnt auf der Flucht vor der Polizei. Rein in die Klinik, raus aus der Klinik. Immer wieder, bis 1974. Die Musik lief so nebenbei. Ab und zu ein Album, bisweilen ein paar Konzerte, 1977 erstmals in Europa , beim Montreux Jazz Festival. Es wurde ruhiger um Etta James.

Erst als man dem neuen Jahrtausend entgegensah und das vergangene rekapitulierte, erinnerte man sich wieder daran, was James in den 1960ern bewegt hatte. Man nannte sie die erste Frau im Rock'n'Roll, eine der besten Musikerinnen der Popgeschichte. Plötzlich regnete es Auszeichnungen: Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame, Blues Hall of Fame und Rockabilly Hall of Fame und sechs Grammys, darunter der fürs Lebenswerk (2003).

"Ich möchte zeigen, dass Gospel, Country, Blues, Rhythm and Blues, Jazz, Rock'n'Roll alle nur eins sind: Sie sind amerikanische Musik, und das ist die Kultur Amerikas", sagte sie einst. Ihre 28 Studioalben sind lebendiges Zeugnis dessen.

Nun ist Jamesetta Hawkins im Alter von 73 Jahren im kalifornischen Riverside an den Folgen von Leukämie, Hepatitis und einer schweren Lungenentzündung gestorben. Sie hinterlässt ihren Ehemann Artis Mills sowie zwei Söhne, Donto und Sametto. How strong is a woman? hatte sie 1993 in einem Song gefragt. Ihr Leben gibt die Antwort: Eine Frau ist immer so stark, wie sie es sich zutraut.